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Segen und Fluch Hochsensibilität

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„Der Empfindsame ist der Waffenlose unter lauter Bewaffneten."
(Berthold Auerbach)

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Abbildung: © redhorst - Fotolia.com

Leben mit der „Zerbrechlichkeit"
Maria, 31 Jahre alt, ist eine fragile, fast elfenhafte Erscheinung mit blauen Augen, blonden Haaren und hellem Teint. „Schon als Kind", erzählt sie, „war ich anders. Ich habe mehr gehört, mehr gesehen, mehr gefühlt als andere Kinder und stieß damit vor allem bei meinen Mitschülern, die mich als Heulsuse und Angsthase gehänselt haben, auf Ablehnung und Unverständnis.

Am meisten gefürchtet habe ich mich vor den Klassenfahrten. Die überwiegende Zeit habe ich dann heulend auf der Toilette zugebracht, weil die anderen über mich tuschelten, mich bloßstellten und schikanierten, nur um sich selbst als cool und hart profilieren zu können. Manchmal habe ich geglaubt, dass das nie enden würde und dass ich ganz allein die Schuld daran habe - weil ich so anders bin.

Oft haben mich meine Mitschüler ausgelacht, wenn ich beispielsweise mal wieder in der Schulkantine saß, die Hände an die Ohren gepresst und geweint habe, weil Teller und Tassen so laut geklappert haben, dass ich es nicht ertragen konnte. Freunde hatte ich während dieser Zeit nicht, denn wer wollte schon mit einer schüchternen, introvertierten und überempfindlichen Träumerin befreundet sein? Es war eine schmerzhafte Zeit.

Als ich vor einigen Jahren den Film „Hachiko - Eine wunderbare Freundschaft" sah, hat mich die Geschichte des Hundes, der Tag für Tag am Bahnhof auf sein verstorbenes Herrchen wartet, so berührt, dass ich den ganzen Abend weinen musste. Als ich zu Bett ging, konnte ich nicht einschlafen. Die Fülle der emotionalen Reize, aber ganz besonders, dass ich mich so sehr in das Leiden des Tieres hineinversetzen konnte, haben mich umgehauen.

Auch heute noch passiert es mir oft, dass wahre Feuerwerke in meinem Kopf explodieren. Ein kleiner Funke - ein Geräusch, ein Geruch, Licht oder der Blick in das Gesicht eines Menschen - reichen, um die Rakete zu zünden. Ich kann meine Gedanken dann einfach nicht mehr kontrollieren. Es ist, als wäre ich immer in Alarmbereitschaft.

Vor ein paar Tagen erst, bin ich S-Bahn gefahren. Plötzlich versuchte ich, die Fahrgäste - die jungen Mütter mit ihren Kinderwägen, die kleine Gruppe Touristen und die Jazz-Musiker, die am Bahnhof Friedrichstraße zugestiegen waren, - zu ergründen. Wer waren all die Menschen? Was fühlten sie gerade? Waren sie traurig oder glücklich?

Welche Träume hatten Sie? Woher kamen sie? Wohin gingen sie? In Bruchteilen von Sekunden schossen mir so viele Gedanken durch den Kopf und eine Flut verschiedener Empfindungen überrollte mich, sodass ich glaubte, verrückt zu werden. Da half mir nur noch, meine Augen zu schließen und tief durchzuatmen, um den Overload für einen Moment zu unterbrechen."

Die Informationsflut
Jeder Mensch nimmt täglich eine ganze Flut von Informationen auf und verarbeitet sie - sei es nun beim Fernsehen, beim Internetsurfen, U-Bahn-Fahren, am Arbeitsplatz oder beim entspannten Bierchen mit den Kollegen nach Feierabend.

Dazu kommt eine Vielzahl emotionaler Eindrücke wie beispielsweise die Stimmungen unserer Mitmenschen, Freunden oder Kollegen, die wir sowohl bewusst als auch unbewusst wahrnehmen. Damit wir nicht von der Vielzahl unserer Eindrücke überflutet werden, verfügt unser Gehirn über einen Filter, der die meisten Informationen und emotionalen Eindrücke, die für uns nicht unbedingt notwendig sind, wieder herausfiltert.

Hochsensible werden überflutet
Doch genau dieser Filter ist es, der hochsensiblen Menschen offensichtlich fehlt. Sie nehmen nahezu alles ungefiltert und intensiver wahr als andere Menschen und sind deshalb schnell überfordert: Die Vielzahl der Sinneseindrücke, die gleichzeitig auf sie einströmt, überflutet sie.

Was ist Hochsensibilität?
Die amerikanische Psychologin Elain Aron, die selbst hochsensibel ist, hat sich als erste Wissenschaftlerin ausführlich mit dem Phänomen beschäftigt. Hochsensible Menschen (kurz HSM, englisch: HSP = Highly Sensitive Person), so ihr Fazit, sind nicht verrückt oder komisch, wie es ihnen ihre Umwelt oft weismachen will, sondern verfügen über die „besondere Gabe", Sinneseindrücke intensiver wahrnehmen zu können als andere.

Ihr Gefühls- und Empfindungsspektrum ist breiter und facettenreicher als das der meisten anderen. Häufig wird in diesem Zusammenhang auch von „Hypersensibilität", einem „empfindlichen Nervenkostüm", „Reizoffenheit", „Feinfühligkeit" „zart besaitet" oder „dünnhäutig" gesprochen. Doch das Gefühls- und Empfindungsspektrum ist nur die eine Seite der Medaille; hochsensible Menschen neigen dazu, intensiver und differenzierter über Dinge und Ideen nachzudenken, achten auf Details, blicken weiter voraus, sind überaus gewissenhaft und neigen zum Perfektionismus.

Bis zu 16,3 Millionen Deutsche sind hochsensibel
Etwa 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung, also jeder fünfte bis sechste, ist überdurchschnittlich sensibel. Zu diesem Schluss kommt die Psychologin Aron in ihren Studien. Überträgt man diese Daten auf Deutschland, wären bis zu 16,3 Millionen Menschen hochsensibel. Eine erstaunliche Zahl, die es umso unverständlicher macht, dass dieses Persönlichkeitsmerkmal bislang - gerade in Deutschland - so wenig Beachtung gefunden hat.

Wie kann ich erkennen, ob ich eine hochsensible Persönlichkeit bin?
Die meisten Betroffenen haben längst erkannt, dass sie anders sind - sie wissen nur nicht genau weshalb. Die Psychologin Aron hat einen Fragebogen entwickelt, mit dem Sie testen können, ob Ihr „Anderssein", Ihre besondere Empfindsamkeit, die Ihnen Probleme im Alltag bereitet, damit zu tun hat, dass Sie hochsensibel sind.

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(Für eine größere Darstellung klicken Sie bitte die Tabelle an!)

Die besonderen Fähigkeiten
„Von einem höheren Standpunkt aus gesehen sind solche Menschen lebendige Zeugen für die Tatsache, dass die reiche und vielbewegte Welt und ihr überquellendes und berauschendes Leben nicht nur außen, sondern auch innen ist."
(C. G. Jung über sensible, introvertierte Menschen)

Hochsensible Menschen sind feinfühlig, leidenschaftlich, fantasievoll, kreativ, weitsichtig und mitfühlend. Bei den Interviews, die die Psychologin Aron mit Betroffenen führte, fiel ihr immer wieder auf, wie reflektiert, empfindsam und gefühlvoll sie über ihr seelisches und geistiges Leben sprachen. Sie können sich berühren lassen von den Gefühlen und Stimmungen anderer Menschen, sind sehr einfühlsam und haben ein gutes Gespür für Atmosphären und subtile Botschaften.

Schnell können sie spüren, wie es jemanden geht, oft noch bevor sich diese Person selbst darüber bewusst ist. Hochsensible reflektieren insgesamt mehr und sind in der Lage, feine Unterscheidungen zu treffen. Sie nehmen stärker wahr, was unter der Oberfläche abläuft, sind meistens intuitiv veranlagt.

Diskutiert wird auch, ob es einen Zusammenhang zwischen Hochsensibilität und Hochbegabung gibt. Einiges deutet darauf hin, dass besonders hochbegabte Kinder - ähnlich wie hypersensible Menschen - von Reizen regelrecht überflutet werden, sowohl intellektuell als auch emotional.

Die Kehrseite der Medaille
Auch wenn wir hier die Hypersensibilität als besonderes Persönlichkeitsmerkmal beschreiben und nicht als Defizit, möchten wir doch die Kehrseite der Sensibilität nicht unerwähnt lassen. Denn was bei den meisten Menschen zu einem mittleren Erregungsniveau führt, bewirkt bei HSM eine hochgradige Erregung des Nervensystems.

Die Folge: Sie sind schnell überlastet und geraten bei Kleinigkeiten in Stress. Einige leiden darunter, dass sie schnell an ihre Grenzen stoßen und dann aggressiv werden. Maria nannte es „gefühlte Aussetzer" und berichtete uns, dass sie bisweilen eine Aggressivität entwickelt, die sie nicht mehr kontrollieren kann und die ihr Angst macht.

Einige Hochsensible leiden auch darunter, dass sie nicht so leistungsfähig sind wie beispielsweise ihre Kollegen und andere Leute, weil sie mit stressigen Situationen nicht umgehen können. Reagieren dann auch noch die Mitmenschen mit Unverständnis, werden ihre innere Anspannung und der äußere Druck so groß, dass es zu einer Krise kommen kann.

Außerdem haben Hochsensible mitunter kein gesundes Verhältnis zu ihren körperlichen Bedürfnissen. Sie neigen dazu, mit ihrem Körper entweder überfürsorglich umzugehen oder ihn zu vernachlässigen. Meist schwanken sie in den verschiedenen Lebensbereichen zwischen diesen beiden Extremen hin und her. So achten sie beispielsweise im privaten Bereich darauf, ausreichend Ruhepausen und Schlaf zu bekommen, aber im Berufsleben finden sie nicht das richtige Maß. Sie stürzen sich ganz und gar in ihre Arbeit und vernachlässigen die Bedürfnisse ihres Körpers, was schnell zum Erschöpfungssyndrom führen kann.

Diskutiert wird derzeit auch, ob es einen Zusammenhang zwischen AD(H)S und Hochsensibilität gibt. Tatsächlich könnte man auf den ersten Blick meinen, dass beide Phänomene nahe beieinander liegen. So werden manche HSM - besonders Kinder häufig als AD(H)S fehldiagnostiziert, weil Überforderung oder Stress dazu führen, dass sie überdrehen und unkonzentriert wirken. Psychiater, Ärzte und Psychologen sind hier gefordert, genauer hinzusehen und aufmerksamer mit der Diagnose AD(H)S zu verfahren, denn allzu leicht wird sonst eine Persönlichkeitseigenschaft mit einer psychischen Störung verwechselt.

An dieser Stelle möchten wir noch einmal darauf hinweisen, dass Hochsensibilität keine Krankheit ist! Dennoch kann sie psychische Störungen wie Burnout, Ängste, Depressionen, soziale Phobien und psychosomatische Störungen zur Folge haben.

Wie unsere Gesellschaft mit Sensibilität umgeht
Hochsensible Menschen haben es schwer, sich im täglichen Leben zurechtzufinden und im Berufsleben ihren Platz einzunehmen. Obwohl sie sehr gewissenhaft, kreativ, engagiert, verlässlich und verantwortungsbewusst sind, wird ihnen ihre hohe Empfindsamkeit, die mit geringerer Belastbarkeit gleichgesetzt wird, immer wieder zum Verhängnis.

Vorgesetzte und Kollegen empfinden ihre Bedachtsamkeit und ihre Stimmungsschwankungen schnell als „nicht normal" und deklassieren sie als schwach und nicht leistungsfähig. Vermutlich hat diese Wahrnehmung auch mit kulturellen Prägungen zu tun, denn japanische oder chinesische Arbeitgeber beispielsweise gehen anders auf ihre sensiblen, ruhigen Mitarbeiter ein. Sie erwarten von ihnen, dass sie leistungsfähiger sind - und tatsächlich sind sie es auch.

Natürlich ist der Umgang mit Hochsensiblen auch für die Familie und den Partner nicht immer einfach. Es erfordert sehr viel Geduld und Einfühlungsvermögen, um zu verstehen, dass der andere schneller ermüdet, empfindsamer ist, häufiger weint, ihm schnell alles zu viel wird und ihm Veränderungen Angst machen. Für Spontanität bleibt da wenig Raum, denn Hochsensible leben nach Motto „Lieber Routine statt Abenteuer."

Warum ist es wichtig, zu wissen, dass man „hochsensibel" ist?
Menschen, die wissen, dass sie eine hochsensible Persönlichkeit haben, können zunächst lernen, sich selbst besser zu verstehen. Dieses Verständnis hilft ihnen, mit ihren vielen positiven Eigenschaften besser umzugehen und ihr riesiges, meist ungenutztes Potenzial auszuschöpfen.

Fast noch wichtiger ist aber, dass sie lernen, zu ihren Belastungsgrenzen zu stehen. Noch immer reagiert ihr soziales Umfeld - Eltern, Lehrer, Freunde oder Arbeitskollegen - oftmals ablehnend und verständnislos auf ihr Verhalten. Hochsensible erfahren dann ihre Persönlichkeitseigenschaft oft als Makel und versuchen, ihre Sensibilität zu unterdrücken und so zu sein wie „normalsensible" Menschen.

Ein Weg, der in die Sackgasse führt, denn dadurch verlieren sie das, was sie ausmacht: ihre Lebendigkeit, ihre Gefühlstiefe und ihre Kreativität, sie werden aggressiv, wütend, distanziert, arrogant, anklagend und reagieren manchmal gar respektlos. Je mehr Hochsensible über sich selbst und ihre Hochsensibilität wissen, desto mehr können sie sich selbst unterstützen auf dem Weg zu mehr Selbstverständnis und Selbstwert.

Auf hochsensible Menschen warten viele Herausforderungen: Sie müssen lernen, in einer Welt voller Hektik, Forderungen, Lärm und anderen Reizen zu bestehen, lernen, ihren Reichtum, den ihnen ihre Hochsensibilität geschenkt hat, einzubringen, ohne an den Folgen ihrer Sensibilität zu zerbrechen, lernen, sich anderen Menschen zuzuwenden und Anteil zu nehmen, ohne sich im Leiden der anderen und dem eigenen Leiden zu verlieren, und lernen, ihr reiches Innenleben zu genießen, ohne sich von der Außenwelt zu isolieren.

Aber am wichtigsten ist, dass sie lernen, ihre Fähigkeiten gezielt und dosiert einzusetzen, zu spüren, wann etwas zu viel ist und sich erlauben, dann einen Schritt zurück zu gehen - um als „Waffenlose unter lauter Bewaffneten" in unserer Gesellschaft bestehen zu können und die Anforderungen des Lebens zu meistern.

Der Artikel entstand unter Mitarbeit der Diplom-Psychologin Hedda Rühle.

Literatur: Sandra Maxeiner, Hedda Rühle (2014), „Dr. Psych's Psychopathologie, Klinische Psychologie und Psychotherapie", Band 1 (ISBN: 978-3-9523672-0-9), Band 2 (ISBN: 978-3-9523672-1-6)