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Roland Kaiser: „Ein Land ohne freiwillige Helfer, die sich mit Herzblut und Leidenschaft engagieren, wäre wie ein Klavier ohne schwarze und weiße Tasten."

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Foto: Roland Kaiser zu Besuch im Albert-Schweitzer-Kinderdorfhaus Rakow, © Albert-Schweitzer-Kinderdörfer und Familienwerke e.V. Bundesverband

Freitag, der 22. Juli: Als ich in Cottbus in das Taxi steige, das mich in den brandenburgischen Ort Spremberg bringen wird, tue ich das mit gemischten Gefühlen. Soeben habe ich erfahren, dass es meinem Mann, der bereits zum zweiten Mal gegen den heimtückischen Krebs kämpft, wieder schlechter geht. Wie oft haben wir in den vergangen fünf Monaten bereits rasante Achterbahnfahrten durchlebt, wie oft waren wir verzweifelt, wie oft haben wir diese Krankheit verflucht, die ihren „Wirt" nicht nur physisch sondern auch psychisch zu zerstören versucht. Und doch haben wir die Hoffnung auf ein Wunder nie aufgegeben. Obwohl mich die traurige Nachricht schmerzt, mischt sich unvermittelt unter all den Schmerz der letzten Wochen und Monate doch ein auch ein Funke Vorfreude auf das erste Open Air-Konzert mit Roland Kaiser, das ich erleben werde.

Der Taxifahrer - ein gutgelaunter, etwa 50-jähriger Cottbusser mit Zopf und durchtrainierter Statur - tut sein übriges. Wie ein Wasserfall plaudert er fröhlich auf mich ein, so dass ich keine Chance habe, weiter meinen dunklen Gedanken nachzuhängen. Er erzählt mir, dass sich vieles in der Stadt verändert hätte, leider nicht nur zum Vorteil. „Die jungen Leute wandern ab, die Einwohnerzahl sinkt. Wir haben hier einfach keine Perspektiven. Auch ich muss sehen, dass ich meine Familie ernähren kann, und schaffe das gerade so mit dem Taxifahren. Viel Spielraum für Ungeplantes oder gar Konzerte bleibt da nicht."

Als wir später auf das Thema Krebs zu sprechen kommen, erzählt er mir, dass sein Vater erst kürzlich an einer Krebserkrankung verstorben sei. „Aber es war gut so, denn so musste er nicht weiter leiden." „Eine nachträgliche Obduktion", ergänzt er, „hat ergeben, dass sein Körper bereits voller Metastasen war. Gott sei Dank haben sie ihn ausreichend mit Schmerzmitteln versorgt, dass er friedlich einschlafen konnte." „Wissen Sie", fährt er nachdenklich fort, „niemand von uns weiß, wie viel Zeit uns bleibt. Und deshalb sollten wir das Leben genießen, solange wir es können ..." Wahre Worte, denke ich - und doch fällt mir genau das gerade so schwer.

Kurze Zeit später haben wir die Freilichtbühne erreicht. Lange Schlangen von Konzertbesuchern haben sich bereits vor dem Eingangsbereich mit den Sicherheitskontrollen gebildet. Als ich das Gelände betrete, suche ich mir einen freien Stehplatz ganz vorn an der einfachen Holzbühne. Es ist noch etwas mehr als eine halbe Stunde bis zum Konzertbeginn, und so unterhalte mich mit der eher schüchternen Frau rechts neben mir. Sie zeigt mir stolz einen Flyer mit den nächsten Konzertterminen für 2017 und erzählt, dass sie schon lange Fan von Roland Kaiser ist und bislang keines seiner Konzerte versäumt hat. Auch nächstes Jahr wird sie wieder dabei sein. Und heute hat sie sogar ihren Mann mitgebracht, der noch etwas unentschlossen dreinschaut.

Und dann ist da noch Moni, die mit ihrer bildschönen Tochter Annika und der Oma zum Konzert gekommen ist. „Das Roland-Kaiser-Gen", erzählt sie mir lachend, „liegt bei uns in der Familie." Sie zeigt mir auf dem Handy ein Foto ihres Mannes, der in einem Boot und mit einem riesigen Karpfen zu sehen ist. „Unsere Männer sind heute zum Nachtangeln gegangen. So kann eben jeder das machen, was ihm Freude bereitet."

Pünktlich betreten Roland Kaiser und seine Band unter frenetischem Jubel von etwa 3.500 Fans die Bühne. Es wird nur wenige Minuten dauern, bis sich das Gelände der Freilichtbühne Spremberg in einen brodelnden Partykessel verwandelt hat. Roland Kaisers Songs sind mitreißend. Alle zumeist weiblichen Fans singen, tanzen und schunkeln mit. Die ausgelassene Stimmung ist ansteckend, so sehr, dass auch ich mich gern in dieses Gute-Laune-Wohlfühl-Paket fallen lasse und nach kurzer Zeit zumindest leise mitsumme, denn musikalisch begabt bin ich leider nicht - im Gegensatz zu Monis erstaunlich textsicherer Tocher Annika. Ganz egal, ob es nun „Midnight Lady", das „Fünfte Element", „Sag ihm, dass ich dich liebe" oder mit „Hör auf dein Herz" einer der aktuellen Songs ist - Annika singt mit.
Hinter uns stehen mindestens zehn Frauen mit pinkfarbenen Schleifen, die heute ihren Junggesellinnenabschied bereits mit einigen Flaschen Sekt gefeiert haben und nun ausgelassen und lautstark immer wieder „Roland, Roland!"-Sprechchöre anstimmen. Roland Kaiser lächelt ihnen freundlich zu.

An diesem Abend bekomme ich eine Ahnung davon, was es ist, das seine Fans wieder und wieder in seine Konzerte zieht. Als die Show schließlich nach zweieinhalb Stunden - die wie im Flug vergangen sind - endet, bin ich erfüllt von vielen unvergesslichen Momenten, Melodien und einem Ohrwurm: Es ist das „Fünfte Element", das sich in meinen Kopf geschlichen und dort hartnäckig festgesetzt hat. „Auf dem Weg zu dir ist die Sehnsucht nicht mehr aufzuhalten ... Mehr als Wasser, Feuer, Erde, Luft und alle vier Winde, brauch ich sie die ich suchen werde, solang bis ich sie finde ..." stimme ich im Auto schließlich an und nehme die gute Laune im Gepäck mit nach Hause.

Im Interview, das ich zuvor mit Roland Kaiser geführt habe, ging es um ernstere Themen. Als wir uns in den kleinen Garten vor dem Hotel setzten, fragte er mich: „Haben Sie eigentlich schon einmal etwas von einer Löffelliste gehört?" „Ja", antwortete ich spontan. „Das ist jene Liste mit all den schönen Dingen, die wir erleben wollen, bevor wir aus diesem Leben gehen." Roland Kaiser nickte und ergänzte: „Meine Frau hat mir kürzlich davon erzählt. Eine schöne Idee."

In der folgenden Stunde sprechen wir darüber, warum unsere Gesellschaft immer stärker ich-bezogen ist, warum es so wichtig ist, dass jeder einzelne sich sozial engagiert und seinen Beitrag für eine bessere Welt leistet und weshalb es gerade die schweren Zeiten in unserem Leben sind, die unsere persönliche Entwicklung prägen.

Herr Kaiser, wir haben ja bereits vor einem Jahr schon einmal über Ihr soziales Engagement gesprochen. Was konnten Sie im vergangenen Jahr in diesem Bereich umsetzen und welche Projekte haben Sie auf den Weg gebracht?

Kaiser: Ich initiiere ja selbst keine eigenen Projekte, sondern unterstütze die Arbeit der Organisationen, die mich damit beauftragt haben. Und damit sie ihre wichtige Arbeit auch tun können, ist es unerlässlich, dass sie auch finanziell in die Lage versetzt werden, zu helfen. In den vergangen Monaten haben wir beachtliche Summen für wichtige Projekte gesammelt. Als ich den Echo für mein soziales Engagement bekommen habe, habe ich das Preisgeld an die Organisationen weitergeleitet, die ich unterstütze. In diesem Jahr wird mit dem Toleranz-Award, der mir in Wien verliehen wird, noch ein weiterer Preis hinzukommen. Auch dieses Preisgeld werde ich wieder einer Organisation zur Verfügung stellen.

Worauf sind Sie besonders stolz?

Kaiser: Stolz bin ich auf die Menschen, die in diesen Projekten arbeiten und sich neben ihrer täglichen Arbeit für Menschen einsetzen, denen es nicht so gut geht wie ihnen. Ein Land ohne diese Menschen, ohne all die freiwilligen Helfer, die sich mit Herzblut und mit Leidenschaft engagieren, wäre wie ein Klavier ohne schwarze und weiße Tasten. Für mich ist es undenkbar, dass ein Land ohne freiwillige Helferinnen und Helfer überhaupt leben kann. Denn sie alle sind es, die unserem Land ein warmherziges und menschliches Antlitz verleihen.

Auch Papst Franziskus hat einen Traum: Er möchte, dass junge Menschen diese Welt verbessern. Und um diesen Traum zu verwirklichen, gibt es die neue DOCAT-App, die junge Menschen mit der katholischen Soziallehre vertraut machen soll, und sie anregen soll, sich sozial zu engagieren.

Kaiser: Es ist wichtig, gerade junge Menschen an ihre soziale Verantwortung heranzuführen. Denn unser Leben besteht ja nicht nur daraus, dass wir einen Studienabschluss machen, unserem Beruf nachgehen, Karriere machen und Geld verdienen. Wenn das unser Lebensinhalt wäre, würden wir als vermögende, aber menschlich verarmte Menschen sterben, weil wir nichts hinterließen, außer Geld. Und das reicht mir nicht. Ich finde, die ehrenamtlichen Helfer, die wir in Deutschland haben, sind von großer Bedeutung für das soziale Gefüge. Sie bereichern mit ihrem Engagement unsere Gesellschaft und machen sie zu einem fürsorglicheren, wärmeren, lebendigeren und liebenswerteren Ort. Und ich glaube, dass es uns, wenn wir das Leben anderer Menschen bereichern, einen anderen Blick auf die Welt eröffnet. Das prägt und verändert einen.

Gab es besonders schöne Momente? Begegnungen mit Menschen? Welche waren das?

Kaiser: Ich habe erst kürzlich vor einem Konzert in Stralsund wieder ein Kinderhaus in Mecklenburg-Vorpommern besucht. Der Mann, der dieses Haus leitet, ist ein großartiger Mensch. Er bietet dort Kindern wieder ein Zuhause, die verlernt haben, was es heißt, sich geborgen, geliebt, behütet und sicher aufgehoben zu fühlen. Es ist ein Zuhause, wie es woanders nicht schöner sein könnte. Zu beobachten, dass die Kinder dort wieder lachen können, offen und freundlich auf einen zugehen, ist wundervoll. Ein kleiner Junge, dem ich dort begegnet bin, erzählte mir: „Meine Eltern sind gerade gestorben, aber ich komme damit gut klar, denn hier werde ich aufgefangen." Als ich das hörte, dachte ich: Er ist noch so jung, kennt mich gerade erst eine Stunde lang und erzählt mir so etwas! Was für ein Selbstbewusstsein muss dieser kleine Junge haben, dass er über den Tod seiner Eltern sprechen kann und nicht weinend zusammenbricht!

Das ist großartig.

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Foto: Roland Kaiser zu Besuch im Albert-Schweitzer-Kinderdorfhaus Rakow, © Albert-Schweitzer-Kinderdörfer und Familienwerke e.V. Bundesverband

Kaiser: Auch einen anderen Jungen habe ich besucht, den ich vor zwei Jahren in einem Albert-Schweitzer-Kinderdorf kennengelernt habe. Zu dieser Zeit war dieser Junge vollkommen verängstigt und verschüchtert. Acht Wochen lang hat er mit niemandem gesprochen, weil er durch die traumatischen Erlebnisse, die er in seinem jungen Leben machen musste, vollkommen verängstigt und verschüchtert war. Aber jetzt habe ich ihn so lebendig erlebt - er hat gesprudelt wie in Wasserfall.

Welche Ziele haben Sie sich für dieses Jahr gesetzt?

Kaiser: Gerade gestern habe ich von den Kolleginnen und Kollegen der Albert-Schweitzer-Werke erfahren, dass wir ein Projekt starten, um den relativ armen Fußballverein Energie Cottbus zu unterstützen. Wir versuchen, den großen FC Bayern München nach Cottbus zu holen. Die Einnahmen aus diesem Spiel sollen dann der Cottbuser Tafel zugute kommen.

Sie haben ja schon so einiges Wundervolles mit Ihrem sozialen Engagement angestoßen und viel Anerkennung dafür bekommen, u. a. den „ECHO für soziales Engagement" und „Albert Schweitzer-Preis der Kinderdörfer" erhalten. Haben Sie dennoch einen weiteren großen Traum in diesem Bereich?

Kaiser: Natürlich! Mein größter Traum ist, dass all diese Organisationen überflüssig wären, weil alles in Ordnung wäre. Aber das wird nie so sein. Ich mache mir auch Sorgen um einige Entwicklungen in unserer Gesellschaft, die meines Erachtens nicht ernst genug genommen werden. Mich bekümmert die wachsende Zahl der Menschen, die in Altersarmut rutschen. Und ich habe den Eindruck, dass diese Sorge niemand wirklich ernst nimmt. Fest steht: Immer mehr Menschen können heute schon nicht mehr von ihrer Rente leben. Jeder von uns kann sich ausrechnen, dass beispielsweise ein Friseur oder eine Pflegekraft, die heute zwischen 1.400 oder 1.500 Euro netto verdienen, später um die 1000 Euro Rente bekommen. Jetzt versuchen Sie mal mit 1.000 Euro monatlich auszukommen. Davon müssen Sie Miete bezahlen, Essen, Trinken und Bekleidung. Und dann gibt es ja auch noch das soziale Leben. Häufig vereinsamen diese Menschen im Alter, weil sie sich das soziale Leben nicht mehr leisten können. Sie sitzen dann zu Hause, schauen fern, trinken aus lauter Kummer Alkohol oder nehmen sich im schlimmsten Fall gar das Leben.

Neulich erst war ich bei der Cottbusser Tafel. Ein älterer Mann hat mir dort erzählt: „Soll ich Ihnen mal sagen, was mir zum Leben bleibt, nach 45 Jahren Arbeit? Wenn ich mal in den Zoo will, kostet mich das acht Euro Eintritt. Da muss ich dann mit dem Bus hinfahren, dann sind schon zehn Euro weg. Und wenn ich mal ein Eis essen gehen will, kann ich mir das schon nicht mehr leisten. Und deshalb komme ich hierher und hole mir mein Essen ab, damit ich das noch machen kann." Puh, das macht einen nachdenklich: Dass sich ein Mann, der 45 Jahre seines Lebens gearbeitet hat, es sich aber nicht einmal leisten kann, in den Zoo zu gehen ... Er muss sich sein Essen dann bei der Tafel holen, damit das noch drin ist. Das sollte uns zu denken geben.

(Das ist mehr als traurig.)

Kaiser: Ja. Das einzig Tröstliche für mich ist, zu sehen, wie die Mitarbeiter der Cottbusser Tafel mit diesen Menschen umgehen. Für sie ist jeder einzelne von ihnen ein Kunde, nicht etwa ein Bettler oder Bittsteller. Damit geben sie diesen Menschen ein Stück ihrer Würde zurück. Und glauben Sie mir: Dort sind nicht nur Menschen Kunden, von denen Sie es annehmen würden. Viele von ihnen sind Rentner, aber es gibt auch Studenten und Familien darunter. Gerade wenn nur noch einer in der Familie erwerbsfähig ist und die Familie zwei Kinder hat, bekommen sie es nicht mehr gestemmt. Das sollte uns wachrütteln, aber es geschieht nicht.

Auch durch Erkrankungen wie Krebs geraten immer mehr Menschen in soziale Notsituationen, weil sie irgendwann nicht mehr oder zumindest nicht mehr in Vollzeit arbeiten können. Studien haben gezeigt, dass nicht wenige der Betroffenen durch die Erkrankung ihren Job verlieren und in die Armut abrutschen. Betroffen sind aber nicht etwa nur die sozial Schwachen. Auch für Familien aus dem Mittelstand und insbesondere Alleinerziehende kann eine Krebserkrankung zum sozialen Abstieg führen. Denn wenn der Hauptverdiener ausfällt, kann das für die ganze Familie zur existenziellen Bedrohung werden.

Kaiser: Das geht heute blitzschnell. Denn diese Menschen bekommen keinen Cent vom Staat. Wenn unsere Kanzlerin sagt: „Deutschland geht es gut", dann hat sie recht. Wir sind ein reiches Land, unbestritten. Aber wir müssen uns doch auch fragen: "Wem genau geht es gut?" Denn nicht allen Menschen, die in unserem Land leben, geht es gut. Leider können wir beide die Menschen, die in soziale Notsituationen geraten sind - ob nun infolge einer Erkrankung oder durch andere widrige Umstände des Schicksals - nicht auffangen...

Aber wir können unseren kleinen Beitrag dazu leisten, dass diese Welt ein bisschen besser, nämlich liebens- und lebenswerter wird.

Kaiser: Das stimmt. Denn wenn Menschen immer sagen "Ich kann doch eh nichts ändern", ist das nicht richtig. Jeder kann etwas tun. Sich immer nur über das zu beschweren, was alles nicht in Ordnung ist, aber nichts dagegen tun, ist inkonsequent. Wenn jeder mit anpackt und seinen kleinen Beitrag leistet, wird diese Welt auch besser. Davon bin ich überzeugt.

Ja und manchmal sind auch nur ganz kleine Dinge. Ich habe beispielsweise zu Hause eine kleine Vogelfutterstation auf meiner Terrasse eingerichtet.

Kaiser: Auch das ist eine Möglichkeit, diese Welt besser zu machen.

Sie sind ja ein Mensch, der sich nicht nur gern sozial engagiert, sondern sich auch ins politische Tagesgeschehen einmischt und sich nicht scheut, unbequeme Wahrheiten auszusprechen. Warum ist es Ihnen so wichtig?

Kaiser: Weil ich die Verantwortung spüre, die ich habe. Denn wenn mich Dinge stören, dann habe ich nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht, etwas zu sagen.
Sie spielen bei Ihrer Frage wahrscheinlich auf meine Auseinandersetzung mit den Pegida-Leuten an?

Ja, ich erinnere mich noch an Ihren Aufruf: "Setzen wir der Angst vor dem Unbekannten die Neugier entgegen, und lassen wir uns auf Menschen ein." Ich finde, er ist gerade heute aktueller denn je.

Kaiser: Wissen Sie: Ich bin stolz und glücklich, in einem Land zu leben, in dem auch Menschen Zuflucht finden und leben können, die in ihrer Heimat mit Folter und Tod bedroht werden. Wenn sie hier bei uns ein menschenwürdiges Leben führen können, bin ich stolz darauf. Und damit das auch so bleibt, scheue ich keine Auseinandersetzung. Ich spreche mit Menschen, die sich solchen Organisationen verbunden fühlen, und versuche sie im Gespräch zu überzeugen. Man darf sie nicht einfach ausgrenzen, denn das macht sie nur stärker. Die politischen Parteien müssen handeln, bevor es andere tun. Leider muss immer erst ein Skandal passieren und ein Aufschrei durchs Land gehen, damit die Menschen wach werden.

Wir stehen ja gerade vor einigen besonderen politischen und wirtschaftlichen Herausforderungen. Ich denke hier vor allem an den Brexit, die Gefahr des Auseinanderbrechens von Europa, an die Flüchtlingsbewegung, an die Zunahme von Gewalt auf den Straßen und die permanente Bedrohung durch terroristische Anschläge - wie jüngst in Nizza. Was müssen wir Ihrer Meinung nach tun, um diese besonderen Herausforderungen bewältigen zu können?

Kaiser: Ich glaube, dass wir uns fragen müssen, warum das alles passiert. Denn sonst kommen wir der Lösung kein Stück näher. Wir sollten uns fragen, warum die islamische Welt so geworden ist, wie sie heute ist. Denn der islamische Glaube verlangt ja nicht, dass man Terrorist wird oder Menschen umbringt, um ins Paradies zu kommen. Im Gegenteil. Also muss man sich fragen, wie konnte das passieren und was kann man tun, um den radikalen Tendenzen entgegenzusteuern? Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass wir auch durch bessere polizeiliche Maßnahmen terroristische Anschläge nicht verhindern können. Ich habe gerade neulich darüber gelesen, dass es eine neue Form von Terrorismus gibt, nämlich den horizontalen Terrorismus. Das bedeutet, dass Terrororganisationen durch Gruppen und Täter - die so genannten Mitläufer, von denen die Mutterorganisation des IS gar nichts weiß, gefährlicher und unberechenbarer werden. Das kann man überhaupt nicht mehr kontrollieren.

Vermutlich ist es in Deutschland auch nur eine Frage der Zeit...

Kaiser: Natürlich. Der Terrorismus bleibt ja nicht in Frankreich oder in Belgien hängen. Er macht auch vor Deutschland nicht Halt.

Um noch einmal auf den Brexit zurückzukommen: Er war für mich wieder ein Beispiel dafür, dass die Menschen zur Wahl gehen sollten. Denn nun regt sich die englische Jugend darüber auf, dass ihr Land aus der EU austreten muss, aber nur 30 Prozent von ihnen sind zur Wahl gegangen. Von den älteren Menschen waren es 70 Prozent. Jetzt, da der Wille der Älteren durchgesetzt wurde, sagen die Jüngeren: „Mensch, hätte ich mal..." Ich finde, wir haben nicht nur ein Wahlrecht, sondern auch eine -pflicht.

Wenn Europa scheitert, wird es an der Flüchtlingsfrage scheitern. Denn wenn wir die Flüchtlinge gerecht auf die 28 Mitgliedsländer verteilt hätten, hätten wir in Deutschland zwischen 200.000 oder 300.000 Flüchtlinge bekommen - und das hätten wir sehr gut bewältigen können.

In einer Welt, die immer mehr aus den Fugen gerät, ist es meines Erachtens wichtig, dass wir uns wieder mehr auf unsere Werte besinnen, für Stabilität und Verlässlichkeit in unserem privaten Umfeld sorgen und uns einen klaren, kritischen Verstand bewahren. Wie wichtig sind Ihnen Werte in Ihrer Familie? Und wie können wir es schaffen, wieder ein stärkeres Wertebewusstsein in die Gesellschaft hineinzutragen?

Kaiser: Wir haben dazu im letzten Jahr eine sehr gute Initiative mit den Albert-Schweitzer-Werken gestartet: Die MITEINANDER-Schulaktion, die in Spremberg an einer Schule begonnen hat und mittlerweile fast 90 Schulklassen in ganz Deutschland erreicht hat. Sie ruft Lehrer und Schüler dazu auf, sich wieder mit den Werten auseinanderzusetzen. Dazu gehört beispielsweise mitfühlend und tolerant zu sein, respektvoll mit sich selbst und mit Menschen anderer Religionen und anderer Herkunft umzugehen.

Gott kennt keine Ausländer. Dieses Bewusstsein müssen wir den Kindern von Anfang an vermitteln. Die meisten Freunde meiner Kinder kommen nicht aus Deutschland und dass sie bei uns willkommen sind, ist das Normalste der Welt. Und weil das so ist, werden meine Kinder auch niemals nach rechts abdriften. Und wenn Sie Verantwortung trügen, würden Sie genauso dafür sorgen.

Selbstverständlich!

Kaiser: Das reicht mir schon. Wenn das jeder machen würde, wäre das eine wunderbare Bewegung. Nicht laut, sondern leise, aber wirkungsvoll.

Kürzlich habe ich eine Umfrage zum Thema Werte durchgeführt mit erstaunlichen Ergebnissen: Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit standen ganz oben, gefolgt von Respekt, Wertschätzung und Selbstachtung. Welche Werte sind Ihnen ganz persönlich wichtig und wie vermitteln Sie diese Werte Ihren Kindern?

Kaiser: Ich möchte, dass meine Kinder tolerant sind, dass sie aufrecht durchs Leben gehen und nicht nach unten treten. Das reicht mir vollkommen.

Gerade wenn man in seinem Leben in schwierige, schicksalshafte Zeiten voller tiefgreifender Veränderungen gerät ist es aus meiner Erfahrung sehr wichtig, Menschen um sich herum zu haben, die einem zur Seite stehen. Und dies sind meist Menschen, die selbst durch tiefen Schmerz gegangen sind, Menschen, die den Verlust, das Leid, die Trauer und den Schmerz nur zu gut kannten. Muss man nach Ihrer Erfahrung selbst erst durch tiefes Leid gegangen sein, um anderen Menschen wirklich eine Stütze in schweren Zeiten sein zu können?

Kaiser: Nein, das muss man nicht. Man muss aber sehr stark sein. Ich könnte jetzt auf Sie zu sprechen kommen, und sagen: Sie sind doch gerade jemand, der einen anderen stützt, ohne dass Sie vorher selbst eine Krankheit oder ähnliches Leid gehabt haben. Ich glaube, wenn ein Mensch genügend Liebe und Sympathie für einen anderen Menschen aufbringt, kann er ihm eine wirkliche Stütze sein. Dazu muss er nicht selbst durch ein Tal gegangen sein. Aber: Wenn man ein solches Tal des Leides und des Schmerzes durchschreitet macht es ein Stück erwachsener. Es bringt eine Beziehung entweder auseinander oder es schweißt sie endlos zusammen. Das kann ich aus eigener Erfahrung sagen. Bei uns hat es genau das gemacht, was es machen sollte: Es hat uns zusammengeschweißt.

Wenn ein nahestehender Angehöriger lebensbedrohlich erkrankt, fragen wir uns oft nach dem Grund und versuchen einen Sinn in dem Leid und dem Schmerz zu finden, das uns widerfährt. Nitzsche hat einmal gesagt: „Wer ein WARUM zum Leben hat, erträgt fast jedes WIE." Inwiefern ist diese Suche wirklich hilfreich und haben Sie für sich einen Grund gefunden?

Kaiser: Natürlich fragt man sich: "Wie konnte Gott mir das antun?" Dabei vergessen wir aber, dass wir 43 Jahre lang zufrieden und auch glücklich leben konnten. Und in dieser Zeit haben wir uns nicht gefragt: Warum erfahre ich gerade so viel Glück?

Ich habe mir die Frage so nie gestellt. Vielmehr habe ich versucht, zu relativieren und mich gefragt: "Gibt es etwas Schlimmeres?" Und die Antwort war: "Ja." Also hab ich mir gesagt: "Okay, dann sei zufrieden und versuch' mit dieser Krankheit zu leben, so gut es eben geht."

Ich hab mal eine wunderbare Situation bei Frank Elstner in seiner Sendung „Menschen der Woche" erlebt. Dort war ein Astronaut und Quantenphysiker zu Gast und wurde gefragt: „Hat bei euch Physikern Gott überhaupt noch einen Platz?" Der Physiker antwortete: „Na, Sie werden lachen: Gerade weil wir Physiker so rationale Menschen sind, sind wir mittlerweile überzeugt, dass es kein Zufall sein kann, dass sich unsere Welt - genauso wie sie jetzt ist - zusammengefügt hat. Wir glauben allerdings, dass Gott sich ein Stück von uns entfernt hat." Dieser Satz hat mich tief berührt.

Der Dalai Lama hat das Leid als die Schwester des Glücks bezeichnet. Er sagte zu diesem Thema einmal: „Wenn der Wunsch nach Glück ausreichte, um es herbeizuführen, gäbe es keine Leiden. Denn niemand sucht das Leid ... Doch nur wer Leid erträgt, wird Glück erfahren ..." Warum ist es so, dass wir erst dann das Glück, das wir erleben, wirklich schätzen, es dankbar annehmen, ja es genießen können, wenn wir zuvor durch tiefes Leid und Schmerz gegangen sind?

Kaiser: Ich glaube, vereinfacht gesagt ist es so, dass wir in unserem Leben durch Täler gehen müssen. Der österreichische Zoologe und Medizinnobelpreisträger Konrad Lorenz hat einmal gesagt: "Die Menschen heute sind nicht mehr bereit, die Auf- und Abwärtsbewegungen des Lebens mitzumachen. Dabei bildet sich die Persönlichkeit nicht in den Hochs, sondern in den Tälern." Das Problem ist, dass die Menschen heute nur noch ein konstantes Leben, ohne Mühen und Anstrengungen haben wollen, eines, das immer geradeaus verläuft.
Früher hatten wir viele markante Persönlichkeiten wie Herbert Wehner, Franz-Josef-Strauß und Willy Brandt. Sie alle sind durch viel Leid und Schmerz gegangen und hatten Ecken und Kanten, mit denen man sich auseinandersetzen konnte. Heute versuchen Eltern jedes Unbill von ihren Kindern abzuhalten und nehmen ihnen so die Chance, derartige Wellenbewegungen mitzumachen und eigene Ecken und Kanten auszubilden.

Aber es ist natürlich schon eine extreme Situation, wenn man plötzlich und unerwartet mit den Tälern des Lebens konfrontiert wird ...
Kaiser: Ja. Mein Sohn hat mich gerade gefragt, wie das denn so ist in der Tafel in Cottbus. Ich hab ihm geantwortet: Du kannst ja mal eine Woche zur Tafel nach Cottbus gehen und dort Essen austeilen, dann weißt du es. Es ist gut, auch nach den Menschen zu schauen, denen es nicht so gut geht. Und es ist immer besser, so etwas persönlich zu erfahren, als wenn man es erzählt bekommt.

Kommen wir mal zu den schönen Momenten im Leben ...
Kaiser: Gerne ...

Was war in den letzten Tagen ihr schönster Moment und warum?

Kaiser: Es gibt viele schöne Momente in meinem Leben. Ich hatte gestern einen wunderschönen Flug, wir hatten gute Sichtverhältnisse. Ich fliege ja wahnsinnig gerne, das gibt mir so ein Gefühl von Freiheit. Diese Beweglichkeit, die Flexibilität zu haben, von A nach B zu kommen ohne in Staus zu stehen, ist großartig.

Aber die Flugvorbereitungen sind ja auch aufwendig. Man muss das Wetter einholen, muss seine Flugroute planen etc.

Kaiser: Stimmt. Das muss man alles mit einkalkulieren. Und man darf natürlich nicht sagen: "Ich hab jetzt zwei Stunden Flugzeit gebraucht", denn eigentlich waren es ja vier Stunden, mit allem Drum und Dran. Aber es sind eben keine neun Stunden, die ich mit dem Auto brauchen würde.

Und die Freude kommt noch dazu ...
Kaiser: Da haben Sie recht (lacht).

Welche Augenblicke gehören zu den schönsten in Ihrem bisherigen Leben? Und warum?

Kaiser: Ganz sicher das Kennenlernen meiner Frau, die Geburt meiner Kinder und so manch schönes Konzert. Auch die schönen Erlebnisse, die ich immer wieder habe, wenn ich die Kinderdörfer besuche. Wenn man das erlebt, wie Kinder, die teilweise in schwierigsten familiären Verhältnissen leben mussten, plötzlich ihre Lebensfreude zurückgewinnen, ist das sehr berührend. Man erlebt, wie sie beginnen, wieder Vertrauen zu Erwachsenen zu entwickeln, wie sie wieder lachen können, rennen, toben und spielen. Das finde ich ganz faszinierend. Das sind sehr schöne Momente.

Was waren die wertvollsten Geschenke, die Sie je in Ihrem Leben erhalten haben?

Kaiser: Das wertvollste Geschenk ist immer die Zuneigung von Menschen. Materielle Dinge sind es nicht. Denn irgendwann haben wir den Punkt erreicht, an dem wir sagen: „Okay, wenn ich das möchte, kaufe ich es mir." Aber Dinge, die man nicht kaufen kann, sind wertvoll. Gemeinsam etwas zu erleben, spazieren zu gehen, zu Abend zu essen, einfach mal unbeschwert sein, zu lachen, das sind die unbezahlbaren Dinge, die zu den wertvollsten Momenten in unserem Leben gehören.

Und meist sind es jene ganz spontanen Momente, Dinge, die man nicht planen kann ...
Kaiser: Stimmt.

Das kostbarste, wertvollste Geschenk, das wir bekommen, ist unser Leben. Wie wichtig es ist es, dass jeder von uns etwas Einzigartiges daraus macht. Was bedeutet es für Sie, etwas Einzigartiges aus dem Geschenk des Lebens zu machen?

Kaiser: Jeder von uns kann etwas Einzigartiges daraus machen. Dazu muss er weder reich noch berühmt sein, er muss nur versuchen, ganz besonders er selbst zu sein. Denn jeder von uns hat viele Talente in sich verborgen.

Wir können zwar nicht bestimmen, wie lange wir leben, aber wir können versuchen, die Zeit, die wir hier auf dieser Erde verbringen, zu nutzen und unser Leben genießen. Dazu gehört auch, dass wir in Maßen leben, denn schon Paracelsus hat gesagt: „Alle Dinge sind Gift, und nichts ist ohne Gift; allein die Dosis macht's, dass ein Ding kein Gift sei." Es ist mein Verhalten, die Art und Weise wie ich lebe, die mein Leben einzigartig macht.

Papst Franziskus, den ich sehr bewundere, gehört für mich zu den wenigen wirklichen, wahren Vorbildern unserer Zeit. Fehlen uns - nach Ihrer Einschätzung - heute wirkliche Vorbilder, Menschen mit wahren Werten, die authentisch und glaubwürdig sind, kurz Persönlichkeiten, an denen wir uns orientieren können?

Kaiser: Papst Franziskus erlebt so eine unglaubliche Sympathiewelle, weil es so wenige Menschen seiner Art gibt. Sie sind seltener geworden, weil sich unsere Lebensphilosophie geändert hat. Allein der Satz: „Das Hemd ist mir näher als der Rock" zeigt schon, was wir damit meinen. Ich, ich und noch mal ich.

Wir leben leider immer stärker ICH-bezogen und zunehmend weniger WIR-orientiert. Das ist das Problem. Wir müssen wieder mehr an unsere Mitmenschen denken, öfter mal wieder „Wir" sagen. Papst Franziskus spricht immer in der Wir-Form.

Er lebt das, was er predigt ...

Kaiser: Und genießt deshalb ein hohes Maß an Achtung und Respekt - gerade auch bei Politikern. Sie nehmen seine Stimme ernst, und so kann er auch etwas in der Welt bewegen. Er ist eine ganz herausragende Persönlichkeit.

Unser deutscher Papst Benedikt XVI. war zwar ein Genie, aber kein Menschenfischer. Er war ein sehr kluger, intellektueller und gelehrter Mensch. Aber verstanden haben ihn die Menschen nicht. Ich habe damals seine Bundestagsrede im Fernsehen verfolgt, und in den Gesichtern der Abgeordneten die Frage lesen können: „Was redet er da?"

Ich habe gerade das Buch von Papst Franziskus gelesen, es heißt „Amoris Laetitia" (Die Freude der Liebe). Darin hat er das Hohelied der Liebe zitiert:

Die Liebe ist langmütig,
die Liebe ist gütig,
sie ereifert sich nicht,
sie prahlt nicht,
sie bläht sich nicht auf,
sie handelt nicht ungehörig,
sucht nicht ihren Vorteil,
lässt sich nicht zum Zorn reizen,
trägt das Böse nicht nach.
Sie freut sich nicht über das Unrecht,
sondern freut sich über die Wahrheit.
Sie erträgt alles,
glaubt alles,
hofft alles,
hält allem stand.

Was ist Liebe für Sie ganz persönlich?

Kaiser: Liebe ist unser Lebenselixier. Erst die Liebe, die wir für andere Menschen empfinden, für unsere Kinder, Freunde oder für unseren Partner macht unser Leben lebenswert.
Ein ungeliebter Mensch ist genauso ein armer Tropf wie ein nichtliebender Mensch. Man muss lieben können, sonst bekommt man auch keine Liebe zurück.

Enthält die Liebe für Sie auch das, was im Hohelied der Liebe beschrieben wird?

Kaiser: So zu sein, wie im Hohelied der Liebe geschrieben steht, habe ich nicht geschafft. Ich glaube, dass unsere Liebe immer auch Teile von Egoismen und Eifersucht in sich trägt. Die Liebe zu unseren Kindern ist da ganz anders. Denn diese Liebe ist bedingungslos, absichtslos, niemals eifersüchtig. Sie freut sich über das Gute, das ihnen widerfährt.

(Aber man kann zumindest danach streben und sagen: Das wäre das Ideal.)
Ja, streben sollte man danach, da so nah wie möglich ranzukommen.

Wie wichtig ist es, diese Liebe in allen Bereichen unseres Lebens - auch und gerade bei der Arbeit - zu leben?

Kaiser: Ich glaube, dass ein Mensch, der mit dieser Liebe gesegnet ist, viel besser arbeiten kann. Ein Mensch, der kein intaktes Privatleben hat, ist nicht in der Lage, eine große Leistung im Beruf zu erbringen. Wenn ich in meiner jetzigen Partnerschaft nicht so glücklich wäre, wäre ich viel weniger leistungsfähig. Das gebe ich offen zu.

Kürzlich habe ich ein schönes Zitat von Hugo von Hofmannsthal gelesen: „Es gibt viel Trauriges in der Welt und viel Schönes. Manchmal scheint das Traurige mehr Gewalt zu haben als man ertragen kann, dann stärkt sich indessen leise das Schöne und berührt wieder unsere Seele." Wie oft haben Sie dieses kleine Wunder bereits erfahren?

Kaiser: Das erlebt man ständig, wenn man mit wachem Geist durch die Welt läuft. Ich erinnere mich beispielsweise noch daran, wie entsetzt ich war, als ich am französischen Nationalfeiertag diese Bilder von Nizza gesehen habe. Es hat mich wütend und traurig gemacht. Aber dann hörte ich plötzlich das Lachen meiner Tochter und die schönen Dinge des Lebens waren wieder präsent. Ich denke, all das zuzulassen, das gesamte Spektrum unseres Lebens zu leben und zu erleben, ist wichtig für unsere Seele.

Sie haben in einem Interview mit der Bunten einmal gesagt, dass Sie nie zurück blicken, nur nach vorn. Wenn Sie das tun, und sich einmal Ihre Termine in den nächsten Wochen und Monaten vor Augen führen, worauf freuen Sie sich besonders?

Kaiser: Ich freue mich auf die Menschen heute Abend, weil ich immer in ganz kurzen Zeitabschnitten denke und versuche alles so bewusst wie möglich zu erleben.
Es gibt natürlich Projekte, die ich vorhabe und auf die ich mich extrem freue, das gebe ich gern zu. Die Dresdner Philharmonie wird ja im nächsten Jahr neu eröffnet, und ich spiele dort ein Konzert mit den Dresdner Philharmonikern. Das ist eine große Ehre für mich: 85 Philharmoniker, meine Band und ein 45-köpfiger Chor. Wann erlebt man schon mal so etwas?

Sie haben ja eingangs bereits von der „Löffelliste" gesprochen - also jener Liste mit all den Dingen, die wir tun wollen, bevor wir sterben. Gibt es etwas in Ihrem Leben, dass Sie unbedingt noch tun bzw. erleben wollen, es aber immer wieder aufgeschoben haben?

Kaiser: Eine Flusskreuzfahrt mit meiner Frau zu machen. Das habe ich aus ihrer Löffelliste geklaut. (lacht). Einfach mal raus zu kommen, ohne Handy, Zeit für uns haben. Unsere Tochter wird im nächsten Jahr Abitur machen. Danach wird sie nach Berlin gehen und dort eine Ausbildung beginnen. Dann können wir uns wieder mehr um uns kümmern, und mehr Zeit auf Sylt verbringen, wo wir ein sehr schönes Haus haben. Ich wünsche mir weniger Terminhetze, und dass es mir gelingt, öfter auch mal das Tempo rausnehmen.

Das ist ein schöner Gedanke.
Kaiser: Ja. Denn ich liebe ja die Langsamkeit.

Aber wer kann heute diese Langsamkeit noch leben?

Kaiser: Das kann man schon. Ich muss mich nicht jedem Zeitgeist beugen. Ich sehe zur Zeit überall Menschen rumlaufen und auf ihre Handys starren. Mein Sohn hat mir dann erklärt, dass sie Pokemon-Monster jagen. Das ist doch total verrückt: Da entwickelt ein Japaner ein Spiel und die ganze Welt rennt Monstern hinterher.

... und wieder ist es eine virtuelle Welt, die uns in ihren Bann zieht ...

Kaiser: Natürlich glauben meine Söhne nicht, dass es diese Welt wirklich gibt. Aber sie spielen mit. Kürzlich haben sie mich gefragt: "Willst du nicht auch mal?" "Nein", hab ich gesagt, "ich will nicht. Die Monster interessieren mich nicht." Ich finde, dass ein gutes Schach-Spiel mein Gehirn mehr trainiert, als ein Pokemon-Monster zu jagen. Ich bin ja auch kein computeraffiner Mensch. Ich muss damit leben und kann damit leben, aber es ist nicht so, dass ich darin das höchste Gut sehe.

Sie greifen lieber zum Telefon?

Kaiser: Ja, ich rufe gern Menschen an. In manchen Situationen kann man es nicht, aber wenn ich es kann, mache ich es gern.

Gibt es etwas, das Sie in Ihrem Leben bereuen?

Kaiser: Ja, ich bereue, dass ich geraucht habe. Mehr nicht. Natürlich habe ich meinem Leben auch Fehler gemacht, aber ich bereue sie nicht. Denn wie sollte ich Ihnen sonst heute als der Mann gegenübersitzen, der ich durch meine Lebensgeschichte geworden bin? Wenn ich aus dem Mosaik meines Lebens einige Teile herausnehme, bin ich ja nicht mehr der, der ich jetzt bin.

Herr Kaiser, ich danke Ihnen herzlich für das Gespräch!

Das Gespräch führte Sandra Maxeiner im Rahmen ihrer Aktion "Was wirklich zählt im Leben". Mehr Infos dazu erhalten Sie auf der Homepage des gleichnamigen Vereins.
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