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Lizenz zum Töten: Wie die Psycho-Droge „Badesalz" die Partyszene erobert und was sie so gefährlich macht

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Abbildung: © chagin - Fotolia.com

„Was hast du da?", fragte Carlo und blickte neugierig auf eines der kleinen bunten Tütchen, dessen Inhalt sein Freund gerade durch die Nase zog. „Das ist der absolute Hammer. Das Zeug musst du probieren. Geht total ab! Hier, versuch mal", sagte der Freund lächelnd und hielt Carlo eines der bunten Tütchen hin, das mit „Jungle Dust" etikettiert war. Der 24-jährige Jura-Student zögerte. „Was ist das?" „Badesalz" brüllte sein Freund, bevor er im Partygetümmel verschwand und ihn allein zurückließ.

„Badesalz?" Carlo war skeptisch. Schließlich klang das nicht gerade nach einem verheißungsvollen Trip. Aber warum nicht? Die Nacht hatte sich bis jetzt so dahingeschleppt, und er hatte sowieso schon ein paar Jack Daniels zuviel intus. Also was soll's?, dachte er sich, riss das Tütchen auf und zog das weiße Pulver durch die Nase.

Wenig später verspürte er einen Adrenalinkick. Er war euphorisch, fühlte sich hellwach und stürzte sich in die tobende Menge auf der Tanzfläche der Diskothek. Sein Herz raste, er glaubte Stimmen zu hören, sein Kopf drohte zu platzen. Dann wurde ihm so heiß, dass er meinte, jeden Augenblick zu verglühen. Carlo brauchte dringend eine Erfrischung. Er verließ die Tanzfläche und ging in die Waschräume, wo er sich eiskaltes Wasser über das Gesicht laufen ließ.

Doch die erhoffte Erfrischung blieb aus. Sein Körper glühte, sein Herz drohte zu zerspringen. Er fühlte sich, als würde er innerlich explodieren, dann verlor er gänzlich die Kontrolle über sich. Wie besessen riss er sich die Kleider vom Leib, schrie wie ein tollwütiger Hund, stürzte sich auf den nächstbesten Gast im Waschraum und biss ihm die Halsschlagader durch. Für sein Opfer kam jede Hilfe zu spät, der junge Mann verblutete noch in der Toilette.

Was ist Badesalz?
Badesalz, auch als „Kannibalen-Droge" bekannt, gehört zu den legalen Drogen, den sogenannten „legal highs". Das klingt harmlos und suggeriert dem Konsumenten, dass hier alles in Ordnung ist. Doch das Gegenteil ist der Fall, denn es handelt sich hierbei um einen teuflischen Mix, der aus Aufputschmitteln (Amphetaminen) und unterschiedlichen Zusatzstoffen besteht. Meist kommen die Zutaten aus China; es sind Abfallprodukte aus den Laboratorien der Pharma-Industrie. Doch die Mischungen sind jedes Mal anders: Sogar unter ein und demselben Produktnamen werden vollkommen verschiedene Zusammensetzungen verkauft, wodurch die Droge Badesalz noch unberechenbarer wird.

(der Text geht nach dem Video weiter)

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Wie wirkt Badesalz?
Badesalz wirkt ähnlich wie Kokain oder Amphetamine auf das Belohnungssystem im Gehirn und greift auf unterschiedliche Weise in die komplexen Mechanismen des menschlichen Motivationszentrums ein. Die Zellen im Belohnungssystem, die Dopamin-Rezeptoren auf ihrer Oberfläche haben, werden stärker und länger aktiviert - und das Gehirn signalisiert eine Belohnung. Weil Badesalz - genau wie alle Drogen - das Lustzentrum auf diese Art und Weise viel intensiver stimuliert als etwa Sex, ist es ein mächtiger Motivator.

Die Konsumenten fühlen sich gut, sind high, aufgekratzt und glauben, „Bäume ausreißen" zu können. Doch was die Droge wirklich genau mit dem Körper und dem Gehirn anstellt, ist bislang nicht erforscht, da es viele unterschiedliche Substanzen und Zusammensetzungen der Droge gibt.

Warum ist diese Droge so gefährlich?
Obwohl der eingangs geschilderte Fall von Carlo glücklicherweise Fiktion ist, sieht die Wirklichkeit doch nur wenig besser aus: Denn was nach harmloser Entspannung klingt, ist in Wahrheit eine teuflische Substanz, die schnell süchtig macht, außerdem sind die Nebenwirkungen gravierend: Menschen, die Badesalz konsumieren, werden häufig aggressiv und sind kaum noch zu bändigen.

Badesalz kann in Extremfällen beim Menschen tierische Verhaltensweisen hervorrufen. Das zeigen auch einige spektakuläre Fälle aus Amerika: Die Polizei erschoss dort 2012 einen nackten Mann, der am Rande einer Schnellstraße das Gesicht eines Obdachlosen zerfleischte. Er aß die Augen und Teile der Nase und Ohren.

In einem weiteren Fall versuchte ein Obdachloser, bei seiner Festnahme einen Polizisten anzufallen. Der Mann knurrte die Beamten an und schrie: „Ich werde euch fressen!" Später versuchte er, einem Polizisten in die Hand zu beißen und benahm sich wie ein aggressives Tier. Ein Student ermordete seinen Mitbewohner und aß Teile von dessen Gehirn und Herz. Auch dort ging die Polizei davon aus, dass Badesalz der Auslöser für die Tat war.

Tierisches Verhalten bricht durch ...
Warum es zu derartigen Aggressionsausbrüchen und bestialischen Morden nach dem Konsum der Droge kommen kann, ist bislang ungeklärt. Das „tierische" Verhalten der Konsumenten erinnert an das Beutefangverhalten höherentwickelter Tiere und der Urvölker. Möglicherweise wirken also einige Inhaltsstoffe der Droge direkt auf archaische Strukturen im Gehirn und setzen beim Menschen Urtriebe frei.

Die Aggressionsausbrüche können zusätzlich durch die Wirkung der Droge auf das Stirnhirn verursacht sein, in dem die Hemmmechanismen für ursprüngliche Triebe angesiedelt sind. Funktioniert diese Impulskontrolle nicht mehr, können Aggressionen ungebremst durchbrechen, und der Konsument verliert seine Selbstbeherrschung.

Immer mehr Badesalz-Konsumenten landen in der Notaufnahme
Immer mehr Patienten landen infolge eines Badesalz-Konsums mit Psychosen in der Notaufnahme. Sie haben Halluzinationen, Herzrasen, Muskelzuckungen, ihr Gesicht verkrampft sich, sie zappeln, heulen, schreien und können oft nicht einmal mehr sprechen. Innerhalb weniger Minuten schwanken sie zwischen Erregung und Rückzug, Lachen und Aggression. Häufig verletzen sie sich auch selbst oder stellen durch ihre gesteigerte Aggression eine Gefahr für ihre Mitmenschen oder das Klinikpersonal dar.

Doch die Behandlung der Patienten ist problematisch.

Aufgrund der unterschiedlichen Zusammensetzungen von Badesalz wissen Ärzte oft nicht, welche Substanzen genau den Körper ihrer Patienten vergiftet haben, in welcher Dosis sie eingenommen wurden und wie diese Kombination mit anderen Drogen und Alkohol wirkt. So gerät die Therapie zum Glücksspiel. Normale Drogentests schlagen bei vielen neuen Substanzen gar nicht an.

Wenn man die schlimmsten Folgen von Crystal Meth, Kokain und Ecstasy zusammennimmt, hat man eine Vorstellung davon, was mit Badesalz alles passieren kann. Die psychischen Folgewirkungen, u. a. Psychosen und schwere Depressionen, können mehrere Monate dauern.
Inzwischen gibt es Dutzende Drogenschicksale, die auch in Deutschland dokumentiert sind: In München sprang ein 14-jähriger im Badesalz-Rausch neun Meter in die Tiefe, er überlebte schwerverletzt. Ein anderer Konsument rammte sich im Badesalz-Rausch ein Messer ins Herz und starb. Andere greifen im Verfolgungswahn Menschen auf der Straße an.

Obwohl es bislang keine Statistiken über diese Droge gibt - weder über die Szene noch über die Todesfälle - ist das LKA überzeugt, dass die Dunkelziffer hoch ist.

Wo ist Badesalz erhältlich?
Erschreckenderweise ganz einfach, legal und billig über das Internet. Unter dem Namen „Badesalz", aber auch als „Vanilla Sky", „Aura" „Ivory Wave", „Jungle Dust" oder „Rush Hour" wird die Modedroge in Tablettenform oder als Pulver im Internet vertrieben.

Dubiose Händler werben damit, dass ihr Aroma einmalig sei, euphorische Gefühle verleihe und versprechen einen erholsamen Abend. Um sich rechtlich abzusichern, drucken sie auf jede Packung den Hinweis „Nicht für den Verzehr geeignet."

Doch bei der Droge handelt es sich nicht um herkömmliches Badesalz, sondern um einen teuflischen Mix aus Chemikalien, die Hersteller in ihren Giftküchen zusammenpanschen.
Ein wichtiger Indikator dafür, dass es sich nicht um normales Badesalz handelt, kann in jedem Fall der Preis sein. Kostet ein Gramm etwa 25 EUR, handelt es sich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit um die „Kannibalen-Droge".

Könnte ein Verbot helfen?
Damit wäre das Problem nicht gelöst. Die EU-Drogenbeobachtungsstelle (EBDD) hat in Studien herausgefunden, dass strikte Verbote allein nichts bringen. Offenbar macht es keinen Unterschied, ob die Gesetzgebung liberal ist oder ein Staat sich für eine Verschärfung der rechtlichen Vorgaben entscheidet: Das Ergebnis bleibt gleich. Bisher hat eine Verschärfung gesetzlicher Strafen nicht zu sinkendem Drogenkonsum geführt.

Zudem sind Verbotsverfahren komplex, dauern lange und das Betäubungsmittelgesetz verbietet nur konkret benannte Stoffe. Wenn bei der Zusammensetzung der Substanz dann etwas verändert wird, greift das Verbot schon nicht mehr. Und genau das nutzen die Hersteller aus. Die Jagd nach den illegalen Laboren wird zum Katz- und Maus-Spiel. Sobald eine Verbindung verboten wird, tauchen etliche neue auf. So kommt es, dass die „psychoaktiven Substanzen" zwar verbotenen Drogen ähneln, aber eben doch nicht unter das Betäubungsmittelgesetz fallen.

Was wir tun müssen ...
Aufklären - auch und vor allem im Internet -, denn Aufklärung ist das einzige Mittel der Wahl. Wir brauchen eine Ausweitung der Informations- und Präventionsangebote und die Einführung wirksamer Hilfs- und ggf. Betreuungsangebote für betroffene Konsumenten. Und das Wichtigste ist: Wir dürfen in unseren Anstrengungen nicht nachlassen, müssen, wann und wo immer es geht, junge Menschen warnen, diese Droge zu konsumieren.

Die Droge ist ein Gift, mit dem sie nicht nur sich selbst, sondern auch Andere gefährden. Das sollten wir Menschen, die Badesalz zur Steigerung ihrer Leistungsfähigkeit nutzen, immer wieder in Erinnerung rufen. Auch wenn sie sich vorrübergehend besser konzentrieren können und glauben, glücklicher oder leistungsfähiger zu sein, sind die Folgewirkungen erschreckend: Depressionen, Psychosen, Lethargie, Erkrankungen der Leber, Herzinfarkte, Hirnschläge, Hirnblutungen sind nur einige davon.

Badesalz hat die „Lizenz zum Töten": Es nimmt Dauerkonsumenten ihre Menschlichkeit, zerstört ihr Gehirn, ihre Persönlichkeit, ihr Denken - kurz alles, was sie ausmacht und kann sie mitunter zu wilden, unberechenbaren Bestien machen.

Der Artikel entstand unter Mitarbeit der Diplom-Psychologin Hedda Rühle.

Quelle: Sandra Maxeiner, Hedda Rühle (2014), Dr. Psych's Psychopathologie, Klinische Psychologie und Psychotherapie, Band 1, Kapitel 8, Abhängigkeit.

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