Huffpost Germany
BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Dr. Sandra Maxeiner Headshot

"Man muss aufhören können zu siegen" - Ein Gespräch mit Gregor Gysi über die bewegendsten Momente seines Lebens

Veröffentlicht: Aktualisiert:
GYSI
dpa
Drucken

Am 7. Juli bin ich in Berlin mit einem der beliebtesten deutschen Politiker verabredet: Gregor Gysi. Da ich nicht zum ersten Mal das Jakob-Kaiser-Haus in der Wilhelmstraße betrete, schiebe ich routiniert meinen Personalausweis in die Schublade beim Pförtner bevor ich meinen Besucherausweis bekomme und durch die Sicherheitsschleuse treten darf.

Ich nehme Platz auf einer der modernen braunen Sitzbänke aus Leder, die im Wartebereich stehen und überlege, wie oft ich hier wohl bereits gesessen habe. Vermutlich ein dutzend Mal. Wie schnell die Zeit doch verfliegt.

Damals, als junge Studentin, für die die Maueröffnung gerade rechtzeitig kam, hätte ich es nie für möglich gehalten, dass ich einmal mit Gregor Gysi sprechen würde.

Seine sympathische Büroleiterin holt mich ab. An diesem Tag, so erzählt sie mir auf dem Weg zu seinem Büro im Jakob-Kaiser-Haus, habe er mal wieder einen "Interviewmarathon" zu absolvieren.

Gerade sei das ZDF noch bei ihm und drehe für eine Doku-Reihe und auch nach unserem Gespräch gebe es noch einige Pressetermine. Wir nehmen in Gregor Gysis kleinem, bescheidenem Büro Platz, und da wir noch etwas Zeit haben, erzählt mir die alleinerziehende Mutter dreier Jungs, dass auch nach Feierabend der Tag noch lange nicht vorbei ist.

"Dann gibt's Fußball", sagt sie lächelnd und ich sehe, wie viel Freude sie mit ihren Kindern hat und wie sehr sie diese Zeit mit ihnen genießt. Und doch kann ich mir gut vorstellen, wie schwierig es zuweilen sein muss, einen anspruchsvollen Job wie diesen mit ihrer Rolle als Mutter in Einklang zu bringen.

Wenig später kommt Gregor Gysi. Er wirkt etwas müde. Kein Wunder, denke ich, bei diesem Arbeitspensum, das er täglich zu bewältigen hat. Und weil er noch immer nicht gelernt hat, konsequent "Nein" zu sagen, um sich mehr Freiräume zu schaffen, wird es vermutlich auch in absehbarer Zeit nicht wirklich ruhiger für ihn werden.

"Worüber sprechen wir heute?", fragt er und ich sage ihm, dass es um Mitmenschlichkeit geht und um das, was wirklich zählt im Leben. Er lächelt und meint: "Na, das ist doch mal ein schönes Thema."

Dr. Gysi, Sie sind einer der beliebtesten Politiker unseres Landes. Sie haben viel von dem erreicht, was man in der Politik erreichen kann. Gibt es überhaupt noch echte Herausforderungen für Sie und wenn ja, welche sind das?

Gysi: Die größte Herausforderung für mich ist es, mein Privatleben wieder in Ordnung zu bringen. Aber auch politisch gibt es einige Herausforderungen zu bewältigen, denn diese Welt ist ja in keinem Zustand, der Sie oder mich zufrieden sein lässt.

Jährlich sterben 70 Millionen Menschen, davon 18 Millionen an Hunger, obwohl wir weltweit eine Landwirtschaft haben, die die Menschheit zweimal ernähren könnte. 12,5 Millionen sterben an Umweltschäden, die man auch beseitigen könnte. Zudem haben wir eine Vielzahl von Flüchtlingen. Wir wissen zwar, dass wir die Ursachen für ihre Flucht bekämpfen müssen, doch bis dahin ist es noch ein weiter Weg.

Eines meiner Hauptanliegen ist es, dass Kinder einen chancengleichen Zugang zu Bildung, Kunst und Kultur bekommen sollen, aber auch davon sind wir leider meilenweit entfernt.

Für mich selbst - das haben Sie ja bereits richtig festgestellt - habe ich schon vieles erreicht. Denken wir nur einmal daran, wie ich im Dezember 1989 gestartet bin.

Und dass ich mir im Laufe der Zeit doch einen gewissen Respekt erarbeitet habe - gerade auch von Menschen, die mich nie wählen würden, aber dennoch das Gespräch mit mir suchen. Darauf bin ich schon ein wenig stolz.

Regelmäßig laden Sie u. a. Prominente - von Daniel Barenboim, über Iris Berben, Roland Kaiser bis hin zum EU-Parlamentspräsidenten Martin Schulz - zu Gesprächen ins Deutsche Theater nach Berlin ein, um mit ihnen über Gott und die Welt zu plaudern. Wie sind Sie auf diese Idee gekommen? Gab es ein persönliches Erlebnis oder eine Begegnung, die Sie dazu inspiriert hat?

Gysi: Inspiriert hat mich der damalige Intendant des Deutschen Theaters, Bernd Wilms. Er suchte mich auf in einer Zeit, als ich aus der Politik raus war (das war zwischen 2002 und 2005) und fragte mich, ob ich bereit wäre, eine Matinee-Veranstaltung im Deutschen Theater zu machen. Ich sagte zu. Meine ersten Gäste waren Daniel Barenboim und der berühmte Theater-Regisseur Peter Zadek.

Das Erstaunlichste für mich ist, wer im Laufe der Zeit bereit war zu kommen. Ich hatte gedacht, dass ich mehr Absagen bekommen würde. Anfangs hatte n-tv gefragt, ob sie es mitschneiden und eine dreiviertel Stunde senden dürften.

Aber ich wollte das nicht, weil ich Angst hatte, dass meine Gäste dann zu kameragerecht reden. Auf der anderen Seite hatte das wieder den Nachteil, dass man die Veranstaltung nicht in ganz Deutschland kannte. Als ich beispielsweise eine Schauspielerin aus München gewinnen wollte, musste ich lange reden, bis sie sich schließlich darauf einließ.

Die nächste Besonderheit dieser Matinee besteht darin, dass ich sehr viel dafür arbeite: ich lese stundenlang Unterlagen zu meinen Gästen, schreibe mir das Wichtigste raus. Diese Mitschriften lasse ich dann eine Woche lang liegen.

Dann lese ich sie mir noch einmal durch und erarbeite die Fragen, was auch wieder lange dauert. Wenn ich dann das Wichtigste auf meinen Karteikarten habe, bin ich gut vorbereitet. Aber es gibt noch etwas für meine Verhältnisse Ungewöhnliches: Ich stelle eigentlich nur Fragen, ich kommentiere nichts.

Ich sage auch nichts gegen Ansichten, die ich nicht teile - oder sagen wir mal, fast nichts. Auch bringe ich nur selten ein eigenes Beispiel ein, sondern höre nur zu. Der jetzige Theaterintendant, Ulrich Khuon, hat kürzlich gesagt: "Hier erlebt man einen Herrn Gysi, den man sonst nicht kennt: Einen, der zuhört. Und deshalb weiß er auch, dass man nur gut reden kann, wenn man auch gut zuhören kann." Es gab viele schöne Erlebnisse, die ich dort hatte.

Gab es eine Begegnung, die Sie besonders berührt hat und wenn ja, welche war das?

Gysi: Mario Adorf hat mir etwas aus seiner Kindheit erzählt, worüber es sich nachzudenken lohnt. Seine Mutter war Röntgenassistentin in Italien. Sie hatte damals ein Verhältnis mit dem Chefarzt und wurde schließlich schwanger.

Der Chefarzt war natürlich verheiratet und hatte selbst Kinder. Er riet ihr, auf eine italienische Insel zu gehen, wo sie ihr Kind zur Welt bringen und wieder abreisen könnte. Die Nonnen und Schwestern, die dort lebten, würden sich dann um ihr Kind kümmern. Als er ihr das anbot, war der Mann ein für alle mal für sie erledigt.

Sie hat nie einen Pfennig Unterhalt von ihm genommen. Ihr Kind hat sie in der Schweiz zur Welt gebracht, wurde aber wenig später nach Deutschland abgeschoben. Dort hatte sie es nicht leicht, denn schließlich musste sie ja irgendwie sich und den Jungen durchbringen.

Sie nahm eine Stelle als Näherin an, denn als Röntgenassistentin konnte sie nicht mehr arbeiten, weil sie verbrannte Beine hatte. Röntgenassistentinnen haben damals noch ungeschützt gearbeitet.

Weil ihr Junge so laut war, dass sich ihre Kunden beschwerten, musste sie ihn schweren Herzens in ein katholisches Waisenhaus geben. Dort war er das einzige Kind, das sonntags abgeholt wurde.

Eines Tages stürmten alle Kinder ans Fenster und drückten sich ihre Nasen platt. Die Stadt brannte. Es war die Reichskristallnacht. Die Nazis hatten die Synagogen angezündet. Am nächsten Tag mussten alle Kinder zur Schule gehen, nur er nicht.

Weil er Fieber hatte, musste er im Bett bleiben. Als er mittags aufwachte, sah er, wie die Franziskaner-Schwester, die sich den ganzen Vormittag um ihn gekümmert hatte, am Fenster stand, und weinte.

Der Junge wusste nicht, warum seine Lieblings-Schwester weinte, also stand er auf, schaute zum Fenster hinaus und sah, wie lauter erwachsene Menschen auf einen LKW geworfen wurden. Und dann fragte er die Schwester: „Wer sind diese Menschen?". Und sie antwortete: "Das sind Juden." "Und was haben sie gemacht?", wollte er wissen. Und die Schwester antwortete: "Nichts, außer dass sie Juden sind" und weinte erneut.

Mit einem bedrückenden Gefühl ging der Junge schließlich zurück in sein Bett. Am späten Nachmittag kehrten seine Mitschüler von der Schule zurück. Sie waren durch die Stadt gezogen und hatten jüdische Geschäfte geplündert. Ihre Taschen waren voller gestohlener Sachen, die sie stolz präsentierten.

Nachdem er diese Geschichte erzählt hatte, sagte Mario Adorf damals zu mir: "Sehen Sie, Herr Gysi, so zufällig ist das Leben. Ich hatte ein bedrückendes Erlebnis, weil ich neben der Franziskaner-Schwester gestanden habe. Wenn ich aber zur Schule gegangen wäre, wäre ich mit den anderen durch die Stadt gezogen und zum Dieb geworden ..." Seitdem denke ich über die Bedeutung des Zufalls nach. Diese Geschichte hat mich überzeugt, weil sie so beeindruckend war.

Was nehmen Sie für sich persönlich aus diesen Gesprächen mit?

Gysi: Ich nehme immer die andere Sicht mit. Mich interessiert, wieso ein Mensch so anders reagiert und anders denkt als ich. Das habe ich wahrscheinlich schon als Rechtsanwalt gelernt. Denn die Verteidigung beginnt ja immer damit, dass du versuchst, zu verstehen, was den anderen ausmacht. Man versucht zu ergründen, welche Gedanken, welche Gefühle, welche Gewalten in ihm stecken. Das ist etwas, das mich immer fasziniert hat.

Ihre große Leidenschaft galt und gilt wohl zweifelsohne der Politik. In einem Gespräch mit dem Focus haben Sie erzählt, dass sie einst zum Facharbeiter für Rinderzucht ausgebildet wurden und gesagt: "Das war die beste Voraussetzung für den Beruf des Politikers, weil ich erstens melken - also Steuern einziehen - und zweitens mit Hornochsen umgehen konnte, was ja auch wichtig ist in der Politik."

Als ich das gelesen habe, musste ich natürlich schmunzeln. Was sind die wichtigsten Fähigkeiten und persönlichen Eigenschaften, die man als Politiker haben sollte?

Gysi: Es kommt vor allem darauf an, ob man als Politiker vornehmlich an sich denkt oder daran, dass es den Menschen, für die man Verantwortung übernimmt, besser geht. Denn wenn das eigene Vorankommen im Vordergrund steht, wird man als Politiker immer schlechter.

Wenn man aber nur an das Wohl der anderen Menschen denkt, ist man zu edel. Das heißt, man sollte ein wirkliches Interesse an realen Veränderungen für die Menschen haben, und das eigene Interesse am Vorankommen als Nebenzweck verfolgen, dann ist das in Ordnung.

Der zweite Punkt ist, dass man in der Politik dazu neigt, sich zu wichtig zu nehmen, weil man in der Öffentlichkeit steht, ohne dass man wirklich etwas Besonderes kann. Wenn du ein berühmter Sänger bist, kannst du besonders gut singen.

Wenn du ein berühmter Schauspieler bist, kannst du besonders gut spielen. Im Kunst- und Kulturbereich musst du immer etwas besonders gut können, doch das ist in der Politik nicht der Maßstab. Es gibt zwar ein paar Eigenschaften, die dich voranbringen, aber Menschen ohne diese Eigenschaften kommen auch voran.

Das heißt, du musst die Relativität beherrschen. Wenn du dich nicht ständig in Frage stellst, wenn du dich zu wichtig nimmst - was mir leider auch passiert ist - bist du nicht mehr gut in der Politik.

Und das Dritte ist das, was am schwierigsten ist: dass man Realitäten zur Kenntnis nehmen muss. Wir Menschen neigen ja immer dazu, uns auf das vorzubereiten, was wir wollen, aber nicht auf das, was wir nicht wollen, aber was auch kommen kann.

Ich möchte nicht, dass die Europäische Union zerbricht, aber ich muss mich auch darauf vorbereiten, dass es doch passiert. Das fällt mir schwer, aber das muss man können. Man muss sich auch fragen: "Wenn das jetzt alles nichts hilft, und es tritt der Fall X ein, was dann?" Auch das gehört zu einem guten Politiker.

Und als Letztes: Man darf als Politiker nicht nur Gesetze beschließen, man muss sie dann auch selbst beachten. Die Gefahr besteht darin, dass man, wenn man die Gesetze beschließt, immer glaubt, dass sie nicht für einen selbst gelten. Aber das ist ein großer Irrtum.

"Wenn ich gewusst hätte, was auf mich zukommt, wäre ich nicht in die Politik gegangen" , haben Sie in einem Interview mit der "Welt" gesagt: Was genau meinen Sie damit und was wäre aus Ihnen geworden, wenn Sie nicht in die Politik gegangen wären?

Gysi: Wenn ich nicht in die Politik gegangen wäre, wäre ich Anwalt geblieben. Ich hätte mir einen Mandantenkreis erarbeitet und es wäre mir wohl gut gegangen.

Die Angriffe, die Feindschaften, der Hass und all das, was ich über die Jahre ertragen musste, waren sehr anstrengend und haben mein Leben gewiss um ein Jahr verkürzt. Auf der anderen Seite bin ich dann auch so stur und sage mir: Jetzt erst recht.

Vielleicht wäre ich viel früher gegangen, wenn die Menschen netter zu mir gewesen wären. Aber wenn man mich so behandelt, bleibe ich, dann wird man mich nicht los. Denn ich habe dann so etwas Preußisches an mir. Also bin ich geblieben, mitten in der Arena, und habe mir Schritt für Schritt einen gewissen Respekt erarbeitet, den ich auch genieße.

Dennoch: Wenn ich 1989 gewusst hätte, was da alles auf mich zukommt, hätte ich wahrscheinlich gesagt: Das tue ich mir nicht an. Aber nun habe ich es mir angetan und jetzt will ich nicht die ganze Zeit darüber meckern.

Denn man muss ja gleichermaßen sagen, dass es mich auch enorm bereichert hat. Ich konnte mit Persönlichkeiten sprechen, an die andere Menschen nicht herankommen. Ich habe beispielsweise Nelson Mandela getroffen, das ist ja schon etwas Besonderes.

Ich habe Francois Mitterand kennengelernt und Fidel Castro ... Insofern - wissen Sie - das eine stimmt, und das andere stimmt auch. Auf der einen Seite musste ich viel hergeben, aber auf der anderen Seite habe ich viel bekommen.

Bis heute bekommen Sie oft zu hören: "Sie sind ja ganz in Ordnung, aber in der falschen Partei." Warum, glauben Sie, hat sich diese Vorstellung so hartnäckig in den Köpfen der Menschen festgesetzt?

Gysi: Das liegt an meiner Wirkung - weil ich nicht das bin, was man sich unter einem linken Funktionärstypen vorstellt. Ich höre den Spruch auch und frage dann immer: "Welches wäre denn die richtige Partei?" und bekomme zur Antwort: „Da haben Sie auch wieder Recht ...", denn es fällt den Leuten auch keine Partei ein, die für mich wirklich geeignet wäre.

Und wissen Sie, die Kernpunkte für mich sind: Erstens den Frieden zu sichern, zweitens soziale Gerechtigkeit herzustellen und drittens Chancengleichheit zu schaffen.

Warum mir das so wichtig ist, möchte ich mit einer kleinen Geschichte aus meiner Kindheit bebildern: Ich lebte damals in einer Straße, in der auf der einen Seite Zweifamilienhäuser standen und auf der anderen Seite Mietswohnungen.

Alle sozialen Schichten waren dort vertreten. Meine Eltern hatten tausende Bücher, ich hatte es viel leichter als mein Freund. Der wohnte gegenüber, seine Mutter war alleinerziehend mit drei Kindern und auch noch katholisch - was zu DDR-Zeiten nun nicht gerade karrierefördernd war.

In dieser Familie gab es lediglich zwei Bücher: Ein Kochbuch und eine Bibel. Und der Junge ist dennoch Oberarzt geworden. Und genau das möchte ich erreichen. Ich möchte, dass jedes Kind eine solche Chance bekommt.

In der DDR gab es leider eine politische Ausgrenzung. Ich bin sehr froh, dass sie weg ist. Aber heute haben wir eine soziale Ausgrenzung. Oper, Theater, Kino, Bücher - all das ist für bestimmte Schichten viel zu teuer. Wir müssen uns überlegen, wie wir auch denen, die es sich nicht leisten können, einen Zugang dazu ermöglichen.

Das ist mir wichtig. Ich weiß, es gibt kulturferne Haushalte, die sich dafür nicht interessieren. Aber ich weiß ebenso, dass es auch dort Kinder gibt, die einen anderen Weg gehen wollen. Gerhard Schröder beispielsweise kommt aus den ärmsten Verhältnissen und ist Bundeskanzler geworden.

Aber wir sind da sehr unterschiedlicher Auffassung, denn Gerhard Schröder geht davon aus, dass, wenn man aus solchen Verhältnissen kommt und etwas erreichen will, es auch erreichen kann. Ich weiß dagegen nicht, was aus mir unter solchen Verhältnissen geworden wäre.

Vielleicht wäre ich ja ein Verbrecher geworden? Ich weiß es nicht. Und weil ich es nicht weiß, verunsichert es mich und ich sage: "Nein, solche Verhältnisse möchte ich nicht! Ich will keine Armut."

Wissen Sie, das ist auch so ein Vorurteil: Alle denken immer, dass ein anständiger Linker arm sein muss. Nein, so ist es eben nicht! Ein anständiger Linker ist gegen Armut, aber dafür muss ich nicht selbst arm sein. Insofern bin ich schon ein Linker, aber mein Stil, meine Art und Weise, mit Dingen umzugehen, ist nicht gerade sehr typisch, das räume ich ein.

In Ihrem Buch "Ausstieg links" berühren Sie auch ein sehr sensibles Thema, nämlich das des Suizids. Professor Gerhard Riege, ein Abgeordneter ihrer Partei hat sich, so erzählen Sie in dem Gespräch mit Stephan Hebel, wegen seiner Stasi-Kontakte das Leben genommen.
Wie haben Sie ihn in den Tagen und Wochen vor seinem Tod erlebt und wie sind Sie mit dem Selbstmord Ihres Kollegen umgegangen? Gab es Berührungsängste, Scham, Schweigen bei Freunden, Parteifreunden und bei seiner Familie aufgrund des Suizids?

Gysi: Ich hatte ein gutes Verhältnis zu ihm und seiner Frau, der Witwe. Wissen Sie, er war so ein bescheidener, ein charakterlich angenehmer Mensch. Er war überhaupt nicht aufdringlich, nahm sich nicht zu wichtig. Ganz im Gegenteil: Er war gänzlich uneitel.

Und dann kam er in eine Situation und wurde so unter Druck gesetzt, dass seine Verzweiflung so groß war, dass er Selbstmord beging. Natürlich macht man sich dann auch selbst Vorwürfe und fragt sich: "Habe ich auch wirklich alles für ihn getan oder hätte ich nicht dreimal mehr anrufen müssen?"

Es gab auch Zeitgenossen, die ihn auf übelste Weise beschimpft und nach seinem Suizid ein schlechtes Gewissen hatten. Ich glaube, dass man immer ein Stück Mitverantwortung trägt. Ich möchte nicht, dass Menschen so verzweifelt sind, dass sie so etwas tun.

Es war übrigens sehr schwer damals, für unsere Trauerfeier in Thüringen einen Raum zu finden. Und es war die evangelische Kirche, die uns diesen Raum zur Verfügung gestellt hat. So etwas vergisst man nicht.

Wenn Sie heute auf Ihr Leben als Politiker zurückblicken: Was waren Ihre bewegendsten Momente?

Gysi: Die bewegendsten Momente waren meine Begegnungen mit Menschen, bei denen ich nicht wusste, wie diese Begegnung ablaufen wird. Zum Beispiel mein Treffen mit Nelson Mandela, dessen Größe ich ja kaum zu verkraften finde. Diese Toleranz nach über 20 Jahren Haft. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich so tolerant wäre. Aber er hatte null Wut, null Hass, nichts davon schien es in ihm zu geben. Das war für mich unglaublich.

Auch meine Begegnung mit Fidel Castro gehört zu diesen Momenten. Leider war ich nicht richtig darauf vorbereitet, was mich geärgert hat, denn ich hätte darauf vorbereitet sein müssen. Er hat mich gefragt, woran die DDR gescheitert und untergegangen ist.

Und dann hab ich einen längeren Vortrag gehalten und das Interessante war, was er davon künftig beachtet hat. Zum Beispiel habe ich ihm erzählt, dass es in der DDR zwei Währungen gab, einmal die Mark der DDR und dann die Deutsche Mark. Die Mark der DDR verdiente man, während man die Deutsche Mark eben von Verwandten geschenkt bekam.

Wenn man aber keine Verwandten hatte, bekam man natürlich nichts. Und ich habe gesagt: Das ist schon ein Problem, denn was nützt es, wenn du einem fleißigen Arbeiter eine Prämie von 100 Mark der DDR gibst, und ein anderer ohne Leistungen 200 DM von seiner Tante geschenkt bekommt. Aber Erich Honecker hat nie etwas dazu gesagt, es spielte keine Rolle.

Ich aber glaube, dass man mit den Leuten schon darüber reden muss, dass man ihnen schon sagen muss: "Ich weiß, dass es nicht gerecht ist, aber aus den oder jenen Gründen können wir das nicht ändern." Fidel Castro hat in vielen seiner Reden dann darüber gesprochen. Das sind schon sehr bewegende Momente, vor allem wenn du dann auch noch das Gefühl hast, dass du etwas erreichen kannst.

Und dann gibt es solche Momente auch bei einigen wenigen Reden im Bundestag. Ich habe beispielsweise zur Entsendung der Bundeswehr in den Libanon eine Rede gehalten und über das Verhältnis meiner Generation zu den Jüdinnen und Juden, zu den Palästinenserinnen und Palästinensern und zum Nahostkonflikt gesprochen.

So etwas habe ich noch nie erlebt: Sie hätten im Bundestag - was selten bei mir ist - wirklich eine Stecknadel fallen hören können, so still war es. Später habe ich dann sogar handschriftliche Briefe bekommen von Hans-Dietrich Genscher, von Burkhard Hirsch und von Gerhart Baum - zu dieser Rede.

Aber nur von den "alten" FDP'lern. Nicht von einem Sozialdemokraten, nicht von einem Linken, nur von ihnen. Und der Tenor war: "Was Sie da gesagt haben, war längst überfällig. Aber nur Sie konnten sich leisten, es so zu sagen." Das war wirklich etwas ganz Spannendes.

Natürlich gehörte auch mein Treffen mit Michail Gorbatschow zu diesen bewegenden Momenten. Damals war ich sehr aufgeregt. Ich weiß ja, dass viele heute negativ über ihn denken. Ich jedoch kann das nicht.

2016-09-26-1474891494-4361764-DBT_IHA_Gysi_26.11.15_12a_15x22.jpeg
Foto: © Deutscher Bundestag, Büro Dr. Gregor Gysi

Was ist der größte Triumph Ihrer politischen Laufbahn und was Ihre größte Niederlage?

Gysi: Mein größter Triumph ist der Respekt, den ich mir inzwischen erarbeitet habe. Das hätte 1990 niemand für möglich gehalten. Der größte Fehler, den ich 1990 begangen habe, war, dass ich vor dem "Gorbatschow-Kohl-Treffen" im Kaukasus nicht versucht habe, mit Gorbatschow zu sprechen, damit er noch einige Bedingungen für die Herstellung der Einheit formuliert.

Wenn ich es versucht hätte und es hätte nicht geklappt, das wäre nicht so schlimm gewesen, aber ich hab's gar nicht versucht. Das ärgert mich bis heute. Ich hätte ihm vielleicht sagen können, dass es bestimmte Prozesse nicht geben darf. Helmut Kohl war das ja egal. Der hätte gesagt: „Gut, wenn Gorbatschow das sagt, dann machen wir das so."

Giovanni di Lorenzo hat eines seiner - wie ich finde interessantesten - Bücher "Vom Aufstieg und anderen Niederlagen" genannt. Warum, glauben Sie, schlummert in jedem Aufstieg auch immer die Gefahr einer Niederlage?

Gysi: Weil ein Aufstieg immer ein Ende hat. Und du gewöhnst dich ja daran, aufzusteigen, aber du gewöhnst dich nicht daran, dass es ein Ende gibt. Und wenn es ein Ende gibt, gibt es auch immer einen Sturz.

In der Politik ist es eine Kunst, zu wissen, wann man gehen muss. Leider gehen die meisten Politiker erst, wenn sie bereits tief gefallen sind. Warum musste sich Helmut Kohl abwählen lassen? Ich hab für mich entschieden: Das mache ich nicht! Wenn du Ansehen erreicht hast, dann hörst du auf.

Sie sagten einmal, dass Sie nicht abergläubisch seien, "aber so ein bisschen schon." Glauben Sie, dass man bestimmte Dinge provozieren kann, allein dadurch, dass man anwesend ist oder zu oft über etwas nachdenkt?

Gysi: Ich denke, man muss immer das richtige Verhältnis haben zu seiner Gefühlswelt, zu seiner Gedankenwelt und zu seinem Körper. Natürlich kann man alles auch übertreiben. Aber: Man darf nicht gleichgültig sein gegenüber seinem Körper, wenn man bestimmte Signale registriert. Genauso ist das mit der eigenen Gefühls- und Gedankenwelt.

Und man darf nie dem Irrtum aufsitzen, dass die eigene Gedankenwelt auch immer die Gedankenwelt der anderen ist. Ich bekomme so viele Briefe von Wählern, die mir schreiben: "Wenn Sie das oder das umsetzen, dann bekommen Sie Millionen Wähler." Das heißt, dieser Wähler denkt, weil er so denkt, denken auch Millionen andere so. Aber das ist häufig ein Irrtum.

Welche Menschen haben Ihr Leben - jenseits der Politik - geprägt und warum?

Gysi: Man hat immer Vorbilder in seinem Leben. Meist bewundert man das, was man selbst nicht kann. Also, Mahatma Gandhi zum Beispiel bewundere ich - ich könnte so nicht sein. Auch Albert Schweitzer bewundere ich.

Aber ich bewundere auch Bill Gates, wie er aus dem Nichts heraus zum reichsten Mann der Welt avanciert ist und wie er versucht, mit seiner "Bill and Melinda Gates Foundation" sein Vermögen so einzusetzen, dass er Gutes bewirkt: Er setzt sich für die landwirtschaftliche Entwicklung ein, für die Behandlung und Bekämpfung von Krankheiten in der ganzen Welt und er engagiert sich für Bildung.

Doch Bill Gates ist nicht der typische Milliardär. Meine Sorge sind auch nicht seine ersten Erben, aber die Erben der zweiten Generation, denn ihnen fällt ein unglaubliches Vermögen zu, ohne dass sie je etwas dafür getan haben. Häufig führt das dazu, dass sich dadurch der Charakter dieses Menschen verändert - und zwar nicht zum Guten.

Und ich bewundere Menschen, die das, was sie tun, mit Leidenschaft tun. Denn ich habe eine Erfahrung gemacht: Alles, was man mit Leidenschaft macht, ist interessant! Ich hatte mal eine Freundin, das ist viele Jahrzehnte her, und sie wollte unbedingt zu einem Vortrag über Käfer gehen. Und ehrlich gesagt, interessierten mich Käfer überhaupt nicht.

Aber ich habe mir dann gesagt: Da musst du jetzt halt durch. Also ab zu den Käfern! Und dann habe ich mir den Vortrag angehört und war begeistert, weil der Referent eine Leidenschaft dabei entwickelte, die einfach ansteckend war.

Wenn er einen halbwissenschaftlichen Vortrag gehalten hätte, hätte mich das kaum interessiert. Aber die Leidenschaft, die er entwickelte, haute mich einfach um. Und dann gehe ich genauso leidenschaftlich mit. Leidenschaft ist ansteckend, habe ich festgestellt.

Sie haben ja bereits Nelson Mandela erwähnt und sind vielen interessanten Persönlichkeiten begegnet. Sie bewunderten, so erzählen Sie im Interview mit Stephan Hebel, besonders Mandelas Größe, seine Toleranz, dass er zuhören konnte, freundlich und klug war und gar nichts Leidendes an sich hatte. Wie haben Sie ihn damals bei Ihrer Begegnung 1992 erlebt und was ist Ihnen ganz besonders in Erinnerung geblieben?

Gysi: Besonders in Erinnerung geblieben ist mir seine Ruhe und seine Ausgeglichenheit - und das in einer vollkommen chaotischen Situation, in der das Land steckte. Der Präsident war ja noch Frederik de Klerk und der Übergang stand bevor.

Ich wäre da hektisch geworden, aber Mandela war ganz gelassen und unglaublich souverän. Er wusste, er wird bald mächtig sein, aber er wird diese Macht nicht dazu einsetzen, sich zu rächen, sondern sie dazu nutzen, eine Aussöhnung herbeiführen. Das war sehr klug. Ich weiß nicht, wie viele Menschen nach einer solchen Behandlung so klug handeln können.

Sie schreiben in Ihrem Buch, dass nicht nur große Persönlichkeiten Sie beeindrucken, sondern auch Gespräche mit Obdachlosen: "Mich interessiert, wie Menschen in so eine Situation kommen und wie sie lernen, damit umzugehen." Wie häufig sind Sie obdachlosen Menschen begegnet und was können wir eventuell noch von diesen Menschen lernen?

Gysi: Mir imponiert immer, wenn Menschen etwas können, was ich nicht kann. Ich habe größte Zweifel, ob ich als Obdachloser überleben könnte. Man weiß es natürlich nicht, ich war ja nie in dieser Situation, aber ich habe größte Zweifel.

Wenn ich also solche Menschen treffe, erkundige ich mich, frage nach und stelle fest, welche Brüche es in ihrem Leben gab, oder welche Störungen wann aufgetreten sind, und wie sie es schaffen, ihren Alltag zu bewältigen.

Ich hab beispielsweise eine Frau am Alexanderplatz besucht, die um sich herum zwanzig Säcke drapiert hatte. Und sie konnte nicht ins Winterquartier gehen, weil sie diese zwanzig Säcke nicht transportieren konnte. Und dann hab ich sie gefragt: "Na, was ist denn da drin?" Und sie antwortete: "Ganz überwiegend Müll."

"Ja", sagte ich, "und wozu brauchen Sie den Müll?" Und sie antwortete: "Sehen Sie, dort drüben ist eine öffentliche Toilette. Wenn ich das Geld habe, gehe ich dort auf die Toilette und kann mich auch mal duschen. In einem der zwanzig Säcke habe ich Lebensmittel und auch etwas Alkohol. Und wenn ein Dieb kommt, findet er sie nicht so schnell, weil lauter Säcke mit Müll drum herum stehen." So etwas beeindruckt mich. Die Logik, die dahinter steht, beeindruckt mich.

Bei den obdachlosen Menschen habe ich immer nachgefragt, wollte wissen, wo der Bruch in ihrem Leben war. Und was ich sehr bemerkenswert finde ist, wie sich diese Menschen auf ihre neue Lebenssituation eingestellt haben, wie sie damit umgehen, ja, mit ihr leben gelernt haben - mit einer Situation, von der wir beide glauben, dass wir damit nicht umgehen könnten.

Gleichzeitig warnen uns diese Menschen aber auch: Man darf eben bestimmte Fehlschritte nicht machen, weil man sonst so endet. Du darfst nie zum Kohlhaas werden: Du verlierst einen Prozess, und das ist gerade noch bezahlbar, und dann gehst du noch mal durch vier Instanzen und fängst wieder von vorne an, bis du restlos ruiniert und obdachlos bist. Man muss auch aufhören können.

Man muss aufhören können, zu siegen und verlieren können. Das ist schwer, wenn man sich ans Siegen gewöhnt hat. Auch in einer Partnerbeziehung ist das so: Denn wenn du mehr als dreimal gesiegt hast, endet auch sie. Aber man muss auch aufhören können, immer neue Niederlagen einzustecken. Nicht solange weitermachen, bis die Niederlage so schlimm wird, dass das Leben nicht mehr von dir beherrscht wird, sondern von anderen Menschen.

Ich habe ja auch schon mit obdachlosen Frauen gesprochen. Was mich so beeindruckt hat, ist, dass sie unglaublich hilfsbereit sind und das wenige, was sie haben, auch gerne noch mit anderen Hilfsbedürftigen teilen ...

Gysi: Ja, so ein Solidarbedürfnis gibt es. Ich war einmal in einer evangelischen Einrichtung, die Winterquartiere für obdachlose Menschen zur Verfügung gestellt hat. Ich wunderte mich, warum es dort nur Matten gab, keine Kopfkissen, keine Decken.

Und dann erzählten sie mir, dass sie eigentlich richtige Betten haben, die sie immer raustragen lassen, um diese provisorischen Matten reinzulegen. Und ich habe gefragt: "Wieso nehmen Sie denn nicht die richtigen Betten?", worauf ich zur Antwort bekam: "Naja, es soll ja eine Notunterkunft sein." Muss ich diese Logik verstehen?

Und dann gab es eine Frau, die so gern in einer richtigen Wohnung sterben wollte und verzweifelt eine Wohnung suchte. Mein Gott, was habe ich Briefe geschrieben, an Gott und die Welt. Und ich war nahe daran, zu verzweifeln.

Hat es geklappt?

Gysi: Es ist dabei, eventuell zu klappen. Aber ich kämpfe jetzt schon seit anderthalb Jahren darum. Ich brauche auch so etwas. Denn man darf nie vergessen, dass es viele Menschen gibt, denen es viel schlechter geht als einem selbst.

Wissen Sie, ich hab als Rechtsanwalt eines gelernt: Ich hatte Professoren und ich hatte auch debile Mandanten. Ich kenne die Unterschiede. Aber sie alle haben etwas Anderes, etwas durchaus Faszinierendes oder zumindest etwas Interessantes.

Sie haben mal gesagt, dass Sie erst noch lernen müssen, "Nein" zu sagen und sich selbst ein bisschen zurückzunehmen. Welche Fortschritte haben Sie darin inzwischen erzielt?

Gysi: Gar keine. Es ist furchtbar. Eigentlich bin ich ja entlastet, seitdem ich nicht mehr Fraktionsvorsitzender bin, aber ich habe dadurch nicht mehr Zeit. Denn erstens laden mich jetzt Menschen ein, die mich früher nicht eingeladen haben, zweitens laden mich die ein, die mich schon früher eingeladen haben, und drittens denken beide, dass ich weniger Einladungen bekomme und schicken mir deshalb doppelt so viele.

Und viertens bin ich ein grottenschlechter Nein-Sager und dann kommt eben diese Katastrophe dabei heraus. Aber ich will versuchen, das jetzt zu ändern, sodass ich wenigstens einen freien Tag in der Woche habe. Das muss ich doch mal hinbekommen!

(Das wäre schön.)

Wie gehen Sie heute mit Ablehnung um? Sie sagen in Ihrem Buch "Ausstieg links?", dass Sie "nicht zurückhassen" wollen. "Ich will, soweit es geht, sogar versuchen, mit Humor zu reagieren." Ist Ihnen das mehrheitlich gelungen?

Gysi: Ja, es ist mir mehrheitlich gelungen. Sonst hätte ich im Bundestag auch gar nicht durchgehalten. Denn die Ablehnung, die mir dort von Anfang an entgegenschlug, war sehr anstrengend und auch teilweise voller Hass. Ich habe darauf mit Humor reagiert und wusste, dass ich die Ablehnung irgendwann überwinden werde. Aber: Das ist nicht leicht!

Normalerweise reagiert man anders, man macht selbst dicht, igelt sich ein, wird wütend und ungerecht, und das wollte ich nicht. Ich habe es nicht getan und vielleicht lag gerade darin meine Art von Souveränität. Aber es gelingt einem natürlich nicht immer im Leben. Es gibt auch Situationen, in denen ich unwirsch reagiere und ich mich hinterher ärgere, weil ich weiß, dass ich hätte souveräner bleiben müssen.

Aber im Bundestag habe ich das ganz gut hinbekommen. Ich erinnere mich noch daran, wie es war, als Honecker noch in Moskau war. Im Bundestag riefen sie mir immer zu: "Bringen Sie doch Honecker erst mal von Moskau nach Moabit, bevor Sie hier Reden halten."

Nach dem dritten Zwischenruf dieser Art habe ich gesagt: "Wissen Sie, es würde mich eine Sache interessieren. Sie hier in der ersten Reihe, Sie kennen ja Erich Honecker alle persönlich. Ich bin ihm nie begegnet, wie ist der eigentlich so?"

Na, da war was los, das können Sie sich vorstellen. Aber ich hatte sie ausgeknockt, denn sie haben absurde Forderungen an mich gestellt, die ich nicht erfüllen konnte und es auch nicht wollte.

In Ihrem Buch haben Sie über Janis Joplin gesagt: "Wenn sie sang, hat sie ihr ganzes Leben auf die Bühne gebracht. Das war Leidenschaft! Das war etwas Faszinierendes und Ansteckendes! Erkennen Sie sich ein wenig selbst darin, wenn Sie die politische Bühne betreten?

Gysi: Nein. Nicht einmal die Hälfte davon! Die Leidenschaft von Janis Joplin lag in ihrem Gesang, sie war in ihrem Körper, ihrem Geist und in ihren Gefühlen - es war einfach in allem, was sie auf die Bühne brachte.

Mir war auch vollkommen klar, dass sie Rauschgift nahm und vermutlich daran sterben wird. Aber trotzdem fand ich sie bewundernswert. Es gibt ja viele verhaltene Sängerinnen und Sänger, die einen Schlager vor sich hinträllern, ohne dabei aus der Haut zu fahren.

Aber bei Janis Joplin war es völlig anders. Das hat mich fasziniert. Nein, so etwas kann ich gar nicht. Denn da muss man sich in gewisser Hinsicht auch vollkommen hemmungslos hingeben. Das kann ich nicht.

"Du musst deine Eitelkeit beherrschen, du darfst dich nie von ihr beherrschen lassen." Wie schwierig ist es - gerade als Politiker (und das gilt gewiss für jede erfolgreiche Persönlichkeit - nicht nur des öffentlichen Lebens), die Eitelkeit und das eigene Ego im Zaun zu halten und es nicht übermächtig werden zu lassen?

Gysi: Das ist ganz schwer. Es ist ja auch in der Unterhaltungskunst, in vielen Bereichen des öffentlichen Lebens schwer. Immer wenn dich die Eitelkeit beherrscht, wirst du grottenschlecht. Und solange du sie beherrschst, bist du gut.

Als ich beispielsweise meinem ersten TV-Auftritt zum Reisegesetz der DDR im November 1989 hatte, habe ich aufgrund meiner Eitelkeit einen furchtbaren Fehler begangen. Ich hab gesagt: "Ich werde mit den anderen Vorsitzenden der Rechtsanwaltskollegien zusammen einen Gesetzentwurf erarbeiten.

Und vielleicht wird dieser Entwurf ja besser als dieser halbherzige Entwurf, den wir hier diskutieren." Und dann kam meine Eitelkeit zum Zug, als ich sagte: "Ja, liebe Fernsehzuschauer, wenn Sie eine Idee haben, können Sie mich gerne anschreiben."

An nur zwei Tagen bekam ich jeweils 6000 Briefe. Und jetzt kommt die Katastrophe: Die gingen an meine Anwaltsadresse und ich konnte diese Briefe überhaupt nicht von der normalen Anwaltspost unterscheiden.

Wenn Sie also meine Mandantin gewesen wären und mir geschrieben hätten, ich soll in Berufung gehen, hätte ich das erst ein halbes Jahr später gefunden und ich würde vermutlich noch heute Schadensersatz bezahlen. Mir war ganz schlecht. Damals hab ich mir gesagt: "Dir darf nie wieder so etwas passieren!"

Gott sei Dank haben mir Kollegen dabei geholfen, die Briefe zu sortieren. Wir haben sie dann je nach Betreff in zwei Körbchen geworfen - in den Korb „Reise" oder in den mit der Aufschrift "Anwalt". Für mich war das eine Lehre fürs Leben.

Ihr Abschied von der aktiven Politik scheint ja nur noch eine Frage der Zeit zu sein. Wie fühlt man sich, wenn man sich langsam von seiner großen Leidenschaft verabschiedet?

Gysi: Ach, wissen Sie, ich habe ja vier Berufe: Ich bin Politiker, ich bin Anwalt, ich bin Moderator im Deutschen Theater und ich bin Publizist. Ich schreibe gerade meine Autobiografie - übrigens höchst anstrengend. Hätte ich gewusst, wie anstrengend das ist, hätte ich den Vertrag gar nicht unterschrieben.

Darüber hinaus werde ich natürlich auch politisch wahrnehmbar bleiben, wenn auch anders. Und ich habe einen Beschluss gefasst: Ich will das Alter genießen. Ich will mich durch das Alter nicht unterkriegen lassen. Ich möchte nicht ständig über Krankheiten reden ... Mal sehen, ob mir das gelingt.

Jetzt komme ich aber doch noch mal auf Krankheiten zu sprechen: Sie haben ja bereits eine Hirnoperation und drei Herzinfarkte überstanden. Wie oft haben Sie bereits über Ihre eigene Endlichkeit und den Tod nachgedacht? Und zu welchen Erkenntnissen sind Sie dabei gekommen?

Gysi: Ich denke darüber kaum nach. Auch damals nicht: Nach dem ersten Herzinfarkt sagte mein Kardiologe zu mir: "Na ja, das war der erste Infarkt, Herr Gysi. Aber damit ist es nicht vorbei. Es werden noch mehr kommen in diesem Jahr. Und es gibt nur zwei Möglichkeiten: Entweder Sie sterben und werden in Würde beerdigt oder Sie stehen das Ganze durch und können dann auch die nächsten zwanzig Jahre pflegefrei leben und sie genießen."

Spontan habe ich zu ihm gesagt: "Ich hab mich gerade für die zweite Möglichkeit entschieden." Und so gehe ich da heran. Das war ein schwieriges Jahr, aber seitdem geht es mir gut.

Aber einen Unterschied gibt es: Wenn du älter wirst, und wenn du solche Krankheiten erlebt hast, denkst du über Endlichkeit nach. Das heißt: "Ich mache es irgendwann" darf es nicht mehr geben, sondern es muss heißen "Mache es jetzt!"

Ich erzähle immer wieder, dass ich davon träume, einmal nach Costa Rica zu reisen, weil die Papageien dort einfach so auf den Bäumen herumsitzen sollen, und ich mir das nicht vorstellen kann. Und ich träume von einer Weltreise. Aber alle reden mir das aus, weil sie mir sagen, das sei viel zu anstrengend.

Aber ich finde es faszinierend. Ich liebe auch schöne Bilder, schöne Fotos und die Natur. Wissen Sie, es gibt etwas blödes im Leben: Als Kind lernt man so leicht und interessiert sich nicht besonders für Pflanzen und Tiere. Und in meinem Alter interessiert man sich für Pflanzen und Tiere und hat es nicht gelernt, als man es hätte leicht lernen können. Das ist sehr schwer nachzuholen.

Wie schwierig ist es für Sie in Ihrem Leben, mit Veränderungen umzugehen, sie als Teil des Lebens zu akzeptieren und auch als Chance zu betrachten?

Gysi: Das ist ganz wichtig. Man muss gelegentlich auch Veränderungen anstreben, weil sonst das ganze Leben wie ein Mühlrad wird. Das Problem bei mir sind aber nicht die Veränderungen. Die stören mich gar nicht. Wenn sie kommen, kommen sie, und ich stelle mich darauf ein.

Was ich aber nicht kann: Ich gehe mit Veränderungen nicht gern zurück in meinem Leben. Meine Schwester ist da ganz anders, sie ist in das Haus unserer Kindheit zurückgezogen. Das würde ich nie tun. Da wehrt sich alles in mir dagegen. Ich möchte keine Wiederholung. Auch keinen Ersatz.

Für mich ist das erledigt, dieser Abschnitt meines Lebens ist vorbei und ich befinde mich im nächsten Abschnitt. So war das bei mir immer: Als ich die Schule verlassen hatte, habe ich mich nicht nach der Schule zurückgesehnt. Als ich mit dem Studium fertig war, habe ich mich auch nicht nach dem Studium zurückgesehnt. Ich mache immer das, was in der jeweiligen Phase meines Lebens ansteht und wenn es dann vorbei ist, ist es vorbei.

In einem Interview mit der Welt haben Sie bedauert, viel zu wenig Freundschaften gepflegt und zu wenig Zeit mit ihren Angehörigen verbracht zu haben. "Das lag an mir", sagten Sie, „weil ich zu selten Nein sagte, mich einfach zu wichtig nahm." Ist es Ihnen gelungen, sich selbst nicht mehr so wichtig zu nehmen und gibt es noch weitere Dinge in Ihrem Leben, die Sie aufrichtig bedauern?

Gysi: Das stimmt natürlich. Weil man sich in der ersten Reihe der Politik zu wichtig nimmt, pflegt man Freundschaften nicht. Es ist dann so, dass dich deine Freunde vielleicht zweimal, dreimal oder viermal anrufen, aber immer hast du keine Zeit.

Doch ein fünftes Mal rufen sie nicht mehr an. Und dann kannst du auch nicht zehn Jahre später anrufen und alles ist wieder wie es einmal war. Man widmet sich nicht genug den Angehörigen.

Und wenn man dann einmal ganz ehrlich rekapituliert, was man alles für Termine hatte, und welche wirklich wichtig waren und wie viele man eigentlich nicht hätte machen müssen, dann tut es einem leid und es schmerzt, weil man feststellt, dass man wertvolle Zeit vergeudet hat. Und letztlich nutzt es auch der Politik nichts, wenn du zu viel machst. Aber das ist das Eine.

Das Andere ist, dass es Beziehungen gab, die irgendwann einen Knacks bekamen und ich mir hinterher den Vorwurf machte: "Das hättest du nicht zulassen dürfen. Du hättest anders, toleranter reagieren müssen, hättest nachsichtiger sein sollen."

Aber dann ist es eben zu spät. So etwas tut einem leid und schmerzt, zumindest immer dann, wenn es einem wieder einfällt. Das wird aber jedem Menschen so gehen.

Deshalb sage ich immer: "Man muss immer bei allem, was heute passiert, an das Später denken. Wenn man heute zu unwirsch reagiert, kann einem das später leid tun. Dann ist es besser, sich zu beherrschen und seinen Ärger herunterzuschlucken, bevor man das sagt, was einem gerade durch den Kopf geht. Vor allem dann, wenn man wütend ist."

Was ist es, was wirklich zählt im Leben?

Gysi: Was wirklich zählt, ist Liebe und die Verantwortung für Kinder. Und natürlich auch eine erfüllte berufliche Tätigkeit. Leider sind die Chancen dafür heute viel zu gering. Es gibt zwar viele Menschen mit beruflichen Tätigkeiten, aber ob sie davon erfüllt werden, ist noch eine ganz andere Frage.

Als bekennender Atheist haben Sie in einem Vortrag im Rahmen der Weilheimer Glaubensfragen Johann Wolfgang von Goethe zitiert, der sagte „Gott ist in uns oder gar nicht". Für einen gläubigen Menschen - wie für mich - ist die Antwort einfach: Gott ist in uns. Ich glaube an seine bedingungslose Liebe und daran, dass dieses Leben nicht mit dem Tod endet. Woran glauben Sie, wenn Sie weder an Gott, noch an ein Leben nach dem Tod glauben?

Gysi: Ja, furchtbar. Aus mir wird dann eine Pflanze. Ich hoffe, keine Brennesel, sondern etwas anderes. (Wir lachen beide herzlich).

Pointiert und meinungsstark: Der HuffPost-WhatsApp-Newsletter

2016-07-22-1469180154-5042522-trans.png

Aber letztlich ist die Endlichkeit doch auch ein Segen. Stellen Sie sich einmal vor, wir würden ewig leben. Das wäre doch schlimm. Ich habe gerade bei älteren Menschen immer wieder festgestellt: Es gibt gelegentlich auch eine Bereitschaft zum Sterben und zwar keine unangenehme.

Nämlich dann, wenn Menschen merken, dass sie ein erfülltes Leben hatten und ihr Körper nicht mehr so richtig will. Und dann siehst du nochmal Menschen, die dir in deinem Leben etwas bedeutet haben, alle, die du geliebt hast, und dann kannst du in Ruhe deine Augen schließen. Auch das ist etwas Schönes.

Letztlich glaube ich an die Vernunft im Menschen. Jetzt können Sie mir viele Beispiele von Menschen bringen, die gar nicht vernünftig handeln. Ich weiß, dass es die gibt. Aber dennoch: Die Vernunft ist mein entscheidender Maßstab.

Das heißt nicht, dass ich Religionen nicht respektiere. Ganz im Gegenteil. Denn ich weiß, wie wichtig sie auch für unsere Gesellschaft sind. Denn ohne die Kirchen und die Religionsgemeinschaften hätten wir keine allgemeinverbindliche Moral. Und dadurch haben wir eine.

Wie möchten Sie anderen Menschen in Erinnerung bleiben?

Gysi: Schön wäre, wenn sie sagen: "Er war angenehm." Das reicht doch.

Dr. Gysi, ich danke Ihnen herzlich für dieses Gespräch!

Das Gespräch führte Dr. Sandra Maxeiner im Rahmen ihrer Aktion "Was wirklich zählt im Leben". Mehr Infos erhalten Sie hier.

2016-09-26-1474892190-5706388-waswirklichzahlttitelbildKopie.jpg

Das gleichnamige Buch ist zum Preis von 19,95 EUR erhältlich.

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2016-07-11-1468249306-1333267-umfrage.jpg

Hier geht es zur Umfrage.

Lesenswert:

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.