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Ich habe mir die Victoria's-Secret-Show angesehen und fühlte mich fett

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VICTORIAS SECRET
Getty
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Ich hätte den Nachtisch heute Mittag in der Kantine vielleicht auslassen sollen.

MODE - Es ist der heilige Gral aller Modells. Die Victoria's-Secret-Show ist die Erfüllung aller Träume. Jedenfalls sagen das die Modells in Interviews immer. Sogar für Journalisten ist es eine Art Kompliment, eine Einladung zur Show zur erhalten.

Aber, Vorsicht, es setzt einen auch ein bisschen unter Druck. Wenn du Teil der Party sein willst, musst du die Etikette wahren. Die elektronische Einladung fasst ausführlich alle Sicherheitsmaßnahmen zusammen (dabei geht es vor allem um die Größe der Handtasche), weist auf den Dresscode hin (Cocktail) sowie darauf, dass keine Fotos oder Videos gemacht werden dürfen.

Am Empfang muss man sich, wie bei allen Modenschauen, an der Schlange anstellen, warten, und noch mal anstellen. Beim genauen Hinsehen sieht man hier allerdings, im Gegensatz zu anderen Modenschauen, eine Menge Fliegen und Smokings sowie unzählige Paillettenkleidchen. Die Beine sehen länger aus als sonst.

Das ist nichts gegen die Modenschau selbst. Während wir unsere Plätze einnehmen, erinnern uns die Lautsprecher daran, dass wir an einem „einzigartigen Event" teilnehmen. Und daran, dass am 5. Dezember mehrere Millionen Zuschauer in der ganzen Welt eine Aufzeichnung der Show ansehen werden.

Das kleine Booklet, das jeder Zuschauer in die Hand gedrückt bekommt, zeigt schöne Skizzen der Modelle, die in dieser Kollektion vorgestellt werden. Dieses Mal ziehen die Beine Aufmerksamkeit auf sich. Lang, schlank und zartgliedrig. Allerdings sind das nicht die Beine in den Skizzen.

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Ein von Adriana Lima 💛 (@adrianalimaa12) gepostetes Foto am

Die Show beginnt mit vielen bunten Farben. Eine erstes Linie, deren Motive an Asien erinnern, dann Stickereien, die eine deutlich älter gewordene Heidi würdigen. Ein wenig später sportliche Zweiteiler fürs Workout, präsentiert in High Heels.

Sobald ich aufhöre, mich zu fürchten, dass Lady Gaga sich mit ihren unglaublichen Schuhen und ihrem engen Kleid hinlegt und alle Knochen im Leib bricht und meine Augen sich an den überladen Stil von Victoria's Secret gewöhnt haben, wende ich mich den Körpern der Modells zu.

Bei Prêt-à-porter-Shows und in der Haute Courture schaut man in der Regel nicht die Körper der Modells an. Das wichtigste ist und bleibt die Kleidung. Die mageren Figuren sind natürlich trotzdem da, direkt vor unseren Augen. Sie sind sogar noch dünner als bei Victoria's Secret. Der Magerwahn wird regelmäßig kritisiert, aber leider können wir darüber hinwegsehen und uns auf andere Dinge konzentrieren.

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In diesem Fall, bei der Victoria's-Secret-Show, wissen wir, dass die Modells selbst genauso sichtbar sind wie die Unterwäsche, die sie präsentieren. Die Engel posieren, tanzen, amüsieren sich gemeinsam mit dem Live-Sängern, formen Herzchen mit ihren Händen in Richtung der Kameras, der Fotografen, winken dem Publikum zu. Sie machen Lust auf die Kreationen, die sie tragen.

Von vorne sehen die Brüste prall aus, aber nicht nicht zu sehr, die Bäuche sind flach, hier kommen die Bauchmuskeln zum Vorschein, da laufen die cellulitefreien Beine unaufhörlich an uns vorbei. „Ach ja, nun also." Nachdem wir in den sozialen Netzwerken wochenlang mit Videos überschüttet wurden, die die Engel beim Training zeigen, ist die Realität ein kleiner Schock. Die Modells sind makellos.

Bestimmt sind sie von hinten ein bisschen weniger perfekt, denke ich mir. Aber nein. Die Pobacken bewegen sich nicht, an den Oberschenkeln nicht ein Gramm Fett. Nachdem Gigi Hadid mehrmals an mir vorbeigelaufen ist, erinnere ich mich, dass manche Designer sie zu dick finden. Ihre Schwester Bella, die zum ersten Mal für das Label läuft, sieht dünner aus.

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Beim Anblick von Kendall Jenner vergisst man die Kurven ihrer Schwestern, der Kardashians. Adriana Lima, Lily Aldridge und Romee Stridj lassen mich zweifeln. Und ich? Wie sehe ich wohl neben ihnen aus? Sollte ich mich mehr anstrengen, um diese Perfektion zu erreichen?

Die Welt der Mode verschließt sich gegenüber Varietäten, gegenüber fülligeren Formen. Bei Victoria's Secret sieht man kein einziges Plus-Size-Modell. Trotz allem ist das eine Party. Bruno Mars spornt das Publikum an, genauso wie The Weeknd. Als die Darstellungen sich wiederholen, sehen wir die Tricks und Kniffe der Show, die Modells blicken immer wieder in dieselbe Kamera, praktisch jedes Mal, wenn sie an ihr vorbeilaufen.

Was hinterher im Fernsehen natürlich aussieht, wirkt live ein bisschen lächerlich. Sind die Modells wirklich bei uns? Sind sie echt? Ein Blick ins Publikum versichert mir, dass die Leute um mich herum, groß, schlank, nicht so anders sind, als ich am Anfang gedacht habe. Sie sehen zumindest nicht so aus, als müssten sie jeden Tag Sport machen. Zumindest auf den ersten Blick.

Nach einer kurzen Stunde Modenschau ist es Zeit für die Afterparty, die Kellner verteilen Champagnergläser und türkisfarbene Cocktails. Ich entscheide mich für zweiteres. Nach ein paar Schlücken merke ich, dass sie viel mehr Zucker enthalten müssen als der Champagner. Großer Fehler.

Als ich das Event verlasse, vorbei an den Sicherheitsabsperrungen, finde ich mich wieder in der Kälte, auf den Champs Elysées und umgeben von den Ausdünstungen des Weihnachtsmarkts. Nach dieser Show habe ich jetzt Hunger (und offensichtlich bin ich nicht die einzige).

Dieser Beitrag erschien zuerst auf der Huffington Post France und wurde von Agatha Kremplewski übersetzt.

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