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Ich habe erlebt, was mit Kindern passiert, die nicht genug Zeit zum Spielen haben

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"Und wir spielten und spielten und spielten, so da├č es das reine Wunder ist, da├č wir uns nicht totgespielt haben."
Aus: "Das entschwundene Land" von Astrid Lingdren

Ich habe in Berlin f├╝r ein paar Monate als Yogalehrerin in einer Privatschule Kinderyoga unterrichtet. In einer Randstunde. Und ein bisschen war es f├╝r mich, als w├Ąre ich eine sinnvolle ├ťbergangsl├Âsung in Leggings.

In der ersten Stunde kam ein Junge zu mir und meinte: "Ich wollte ja zum Fu├čball und nicht zum Yoga, aber meine Mutter bestand darauf, denn ich kann mich so schlecht konzentrieren." Ja dann, namaste.

Ein anderer Junge kam im wei├čen Judodress. Schei├če! Yoga und Judo verwechselt!
Tja, aber wenn du schon mal da bist: komm rein.

Schon das Wort "abschalten" aus dem Mund eines Kindes

Ein M├Ądchen kam und sagte, dass sie Yoga machen wolle, weil sie so schlecht abschalten k├Ânne. Schon das Wort "abschalten" aus dem Mund eines Kindes.

Die M├Ądchen kamen gleich im Ballettkleidchen, denn nach der Yogastunde war noch eine Ballettsession und die Musicalprobe. Und wenn ich mir die Kinder so anschaute, wie sie vom Schachunterricht in die Violinstunde und von der Physik-Experimentierwerkstatt zur English-Lecture hetzten, dachte ich:

Raus mit euch! An die frische Luft! Auf die B├Ąume! In die Pf├╝tzen!

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Aber gut, wir haben dann geyogt und zum Gl├╝ck viel gelacht. Aber jedes Mal hat mich die Stunde ein bisschen nachdenklich gestimmt.

verplante kindheit

Warum verplanen Eltern ihre Kinder? Versteht mich nicht falsch, es ist voll in Ordnung, wenn Kinder im Fussballverein sind oder bei den Pfadfindern mitmachen. Aber falls ihr denkt, dass ihr eurem Kind jeden Nachmittag ein anderes Programm bieten m├╝sst, damit euer Liebstes zu einem gesunden, zufriedenen, intelligenten und erfolgreichen Menschen heranw├Ąchst, kann ich euch beruhigen:

Die Kindheit sollte kein Trainingslager sein

Nein, kein Kind braucht das. Die Kindheit soll kein Trainingslager sein.

Eltern wollen das Beste f├╝r das Kind. Weil sie nichts verpassen wollen.

Das Angebot ist gro├č, und man will dem Kind ja schlie├člich etwas bieten. Denn was, um Himmels willen, wenn man das Talent des Kindes zu sp├Ąt entdeckt oder nicht ad├Ąquat f├Ârdert?

Stellt euch vor, man verpasst den Schritt zum Mozart, nur weil man rumged├╝delt hat. Bl├Âd w├Ąre das. Also: schnell ins Auto und los geht's mit dem Herumchauffieren der Kinder. Nachmittag f├╝r Nachmittag.

Und schlie├člich das Killer-Argument: Das Kind will das ja alles selber. Es will Reiten und Klavier spielen und es will in die Theaterwerkstatt, es will tanzen und an die Kinderuni.

Und weil Kunst ja auch sowas Tolles ist, besucht man noch das Malatelier, wo das Kind verarbeitet, was es nicht zu verarbeiten h├Ątte, w├╝rde man es einfach in Ruhe lassen.

"Mein Kind will das aber alles." Ja und sie wollen auch viel S├╝├čes essen, vor der Glotze sitzen, lange aufbleiben, Chips ├á discr├ętion knabbern und jeden Tag Geschenke bekommen und nat├╝rlich am liebsten an ihrem eigenen Tablet rummachen.

Von Herzen gerne w├╝rden sie das wollen. Aber da sind wir Eltern uns unserer Verantwortung ganz bewusst und sagen: Nein, mein Schatz. Ich glaube dir, dass du dir das alles ganz traumhaft vorstellst. Aber das tut dir nicht gut.

stein

Kinder m├Âchten vieles ausprobieren und haben zu so vielem Lust - und das ist gro├čartig. Bitte unterst├╝tzt diese Lust und Freude und gebt ihnen die M├Âglichkeiten, dass sie diese Energien umsetzen k├Ânnen. In Freiheit.

Geht raus mit den Kindern, schafft Platz und eine Umgebung, die es erlaubt, dass Kinder selbst├Ąndig spielen k├Ânnen. Kleine Finger k├Ânnen voller Begeisterung auf der Trommel oder dem Topfboden die Tiere Afrikas trommeln oder die Gitarrensaiten zum Klingen bringen, ohne dass sie vom allerbesten Musiklehrer der Stadt gef├Ârdert werden.

Und ja, die Kinder sollen unbedingt tanzen

Ganz einfach, nur so f├╝r sich. Und ja, die Kinder sollen unbedingt tanzen. Im Wohnzimmer oder in der K├╝che, zu Musik aus der ganzen Welt oder zu selbstgesungenen Liedern.

Wild und ausgelassen, zusammen mit euch, im Kreis mit anderen und ruhig auch mal im Tutu das Pad├Âd├ vom Schwanens├Â. Das ist so sch├Ân und so lustig, so frei und so simpel.

Lasst die Kinder Fu├čball-WM spielen, mit den anderen aus der Strasse, vor dem Haus oder im Garten. Lasst die Kinder Yoga machen und auf der Matte ihre eigenen Asanas und Kunstst├╝cke erfinden.

Aber lasst sie all das selber tun und selber gestalten. Ohne jemanden im R├╝cken zu haben, der sagt, wie es gehen w├╝rde, aussehen m├╝sste oder eigentlich richtig w├Ąre.

gie├čkanne

Die Freizeitgestaltung der Kinder ist wichtig und sehr einfach. Wenn die Kinder noch klein sind, dann gestaltet man die Freizeit so, dass die Zeit eben frei ist.

In meinen Kindergartengruppen gab es Kinder, die so "fr├╝h-verf├Ârdert" waren, dass sie nichts mehr zu tun wussten, wenn ihnen niemand Aufgaben erteilte oder sie, wie im Kinderklub, bespielte.

Sie hatten keine Zeit zum Spielen, weil ihre Freizeit f├╝r Effektivit├Ąt genutzt wurde. Sie lernten Englisch und E-Gitarre und spielten Golf, aber leider standen sie dann ganz verloren da, wie in einem Vakuum, w├Ąhrenddem sich andere Kindergartenkinder sofort auskannten und freudig ins Tun kamen.

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Die einzige Aufgabe, die ein Kind hat, ist: spielen und die Welt im Tun und Erleben zu erkunden und zu begreifen. Nicht am Tablet, nein, im Leben!

Das freie Spiel ist Seelennahrung und genau so wichtig f├╝r die Entwicklung im Leben eines jungen Menschen wie bedingungslose Liebe, W├Ąrme, gesundes Essen oder gen├╝gend Schlaf.

Im freien Spiel verarbeiten die Kinder Erlebtes, und ihre Phantasie bekommt nirgendwo so grosse Fl├╝gel, wie wenn das Kind spielt, denn nur da ist der Ort, an dem alles m├Âglich ist.

Im Spiel lernen die Kinder alles, was sie f├╝rs Leben brauchen, es bietet eine Vielfalt an lustvollen Sinnes-, Erfahrungs- und Lernm├Âglichkeiten. Dabei spielt es keine Rolle, ob alleine gespielt wird oder mit anderen Kindern, im Wald oder im Park, ob in der K├╝che oder im Kinderzimmer, denn spielen kann man (beinahe) ├╝berall. Auch mit fast nichts.

"Die Aufgabe der Umgebung ist nicht, das Kind zu formen, sondern ihm zu erlauben, sich zu offenbaren."
Maria Montessori

Vertraut euren Kindern und euch. Habt den Mut, Platz zu schaffen f├╝r die Bed├╝rfnisse der Kinder und dann einfach nichts zu arrangieren und stattdessen das Kind seinem nat├╝rlichen Spiel und Rhythmus zu ├╝berlassen.

Wenn das Kind nicht gewohnt ist, frei zu Spielen, braucht es vielleicht etwas Zeit, ins Spiel zu kommen. Aber dann werdet ihr staunen, mit wieviel innerer Zufriedenheit und Lebendigkeit euer Kind auftauchen wird.

Auch die notwendige Langeweile und die Zeit im L├╝mmelmodus, in dem die genialsten Einf├Ąlle f├╝r zuk├╝nftige Vorhaben wachsen k├Ânnen, darf den Kindern zugemutet werden. Langeweile ist ein Geschenk und eine Brutst├Ątte f├╝r Ideen.

zelt

K├Ânnt ihr euch erinnern, wie ihr gespielt habt? Euer Lieblingsspiel? Mit den Spielzeugautos stundenlang auf den Mustern des Teppichs herumchauffiert, perfekt eingeparkt und Autorennen gefahren?

Euren Puppen liebevoll Brei aus geklauten Rosenbl├Ąttern aus dem Garten gef├╝ttert? Auf dem Fahrrad eure Runden gedreht und euch vorgestellt, das Rad w├Ąre das Pferd (meins hie├č ├╝brigens Silberpfeil) und ihr w├╝rdet ├╝ber die Pr├Ąrie reiten?

Erinnert ihr euch an eure Verstecke und die vielen Geheimnisse mit der liebsten Freundin oder dem liebsten Freund? Wie ihr auf die B├Ąume geklettert und durch B├Ąche gewatet seid, immer bereit, neue Abenteuer zu erleben und nie zu m├╝de, was Spannendes auszuhecken?

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Und weit und breit kein Erwachsener. Ja, ist lange her. Aber wenn wir unsere Kinder beim Spielen betrachten, dann ist es so, als w├Ąre all das eben erst gestern gewesen. Und, hey, das war doch das beste Leben ├╝berhaupt!

Ich w├╝nsch euch und euren Kindern alles Liebe und innige Momente. Sandra

Der Beitrag erschien zuerst auf dem Blog Lieblingsbande.

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(lk)