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"Ich war ein Ausrutscher für dich" - Brief an meinen Vater, der mich nicht wollte

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SinanAyhan via Getty Images
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Ich gebe zu, ich bin seit der Geburt von Emily noch emotionaler geworden, als ich eh schon immer war. Schon bei der "Merci" Werbung kommt die Taschentücher Box zum Einsatz.
Ganze Sturzbäche fließen aber, wenn die liebe Julia Leischik mit großem Aufwand vermisste Menschen sucht.

Wenn dann 3 Generationen (meine Mutter, Emily und ich) auf der Couch sitzen, man feststellt, dass der Mascara wieder einmal nicht das hält, was er verspricht und man nur noch schluchzt vor Rührung, mein Papa lieber in seine Werkstatt geht, weil er eben ein Mann ist, dann hat Julia wieder ganze Arbeit geleistet.

Mein Papa, mit dem ich aufgewachsen bin, ist eigentlich mein Stiefpapa. Schon im zarten Alter von 12 erfuhr ich eher unfreiwillig, dass mein Papa nicht mein leiblicher Papa ist. Ich muss sagen, das war damals schon wie ein Schlag ins Gesicht, als mir eine Mitschülerin steckte, dass mein "richtiger" Vater jemand anderes sei.

Als wäre es gestern gewesen, ich kann mich genau daran erinnern, als ich meine Mama danach fragte. Ihren Gesichtsausdruck werde ich nie vergessen, als sie mir völlig überrascht und vom Schock gezeichnet sagte, dass es stimmt. Mein geliebter Papa war nicht mein "richtiger" Papa.

Was soll ich sagen? Sie erklärte mir eben kindgerecht, dass mein leiblicher Papa mich nicht haben wollte. Aber kann man einem Kind das erklären? Ich verstand es nicht wirklich. Außerdem hatte ich ja einen Papa, der mich liebte und immer für mich da war. Meine Mutter heiratete ihn als ich gerade 2 war.

Mein Stiefpapa war und ist für mich der tollste Papa, den man sich nur wünschen kann

Ich hatte nie einen Nachteil, mein Stiefpapa war und ist für mich der tollste Papa, den man sich nur wünschen kann. Nur mit 16 fand ich ihn einmal blöd und sagte ihm, dass er mir gar nichts zu sagen hat. Hinterher tat es mir so leid. So etwas stand nie wieder zwischen uns.

Wenn man aber selbst Nachwuchs bekommt, möchte man nach seinen Wurzeln suchen. So fragte ich mich mit knapp 37, was ich denn so von ihm hätte? Meine Mutter und ich sehen uns schon sehr ähnlich, wir können nicht lange aufeinander hocken, dann fliegen die Fetzen. Ist wohl so ein Mutter- Tochter Phänomen. Ich bin früh von zuhause ausgezogen, ein Kind des Ostens, was die Welt erkunden wollte. Das musste ich wohl von ihm haben. Aber was noch? Charkterzüge? Reiselust?

Meine Mutter gab mir alle Unterlagen, die sie gesammelt hatte. Es war schlimm zu sehen, dass sie sogar diesen läppischen Unterhalt einklagen musste, ein sehr bitterer Beigeschmack für mich und erneut die Erkenntnis: Er wollte mich nicht.

Dennoch, ich gab die Hoffnung nicht auf, klammerte mich an dieser alten Adresse fest, die noch aus der DDR stammte. In der Tat überlegte ich, Julia Leischick mit einzuschalten, weil es mir fast unmöglich war, etwas über ihn herauszufinden. Dabei war es für mich eine Herzensangelegenheit, endlich zu wissen, wer mein leiblicher Vater ist.

Sollte sich dieser Wunsch niemals erfüllen? Ich suchte wirklich unermüdlich und fand bei meiner Recherche eine Email Adresse seiner Frau. Ich überlegte nicht, ich schrieb ihr einfach. Natürlich wusste sie, wer ich war. Offensichtlich leitete sie die Mail weiter. (kommentarlos, für sie war es wie ein schwarzer Tag, wie ich später erfuhr)

Mehr zum Thema: Lieber Papa, ich wünschte, du hättest diese Dinge gewusst

An einem Tag klingelte mein Handy, ich ging ran. Der Name hatte eine Stimme, mein leiblicher Vater hatte mich tatsächlich angerufen. Ich war überwältigt, habe geweint vor Glück. Man konnte keine 37 Jahre aufarbeiten, dass ich ihn nicht "Papa" nennen werde, war auch klar. Aber ich hatte ihn gefunden, das war alles was zählte. Zudem erfuhr ich, dass ich noch 2 Halbgeschwister habe, eine Schwester, die 1 Jahr jünger ist als ich und einen "kleinen" Bruder.

Ich bekam zu meinem geliebten Bruder, den ich mütterlicherseits habe, noch 2 Geschwister dazu. Könnt ihr euch meine Freude vorstellen? Das finde ich auch bei Julia Leischik so wundervoll, wenn sich Menschen gefunden haben, und dann kommt noch der restliche Teil der Familie. So wollte ich es auch, so habe ich es mir immer gewünscht. Es sollte aber ganz anders kommen.

Da stand er, mein leiblicher Vater

Mein leiblicher Vater, nennen wir ihn mal "Günther", erzählte mir, dass die Kinder von mir wüssten, denn ich gehöre ja zur Familie. Aber er wollte den Zeitpunkt bestimmen, wann er es ihnen erzählt und uns zusammenführt. Meine Schwester arbeitet auch für den Kranich, mein Bruder ist unter anderem sehr erfolgreich in der Musikszene.

Alleine die vielen Gemeinsamkeiten mit meiner Schwester trieben mir die Tränen in die Augen. "Günther" schickte mir Fotos von ihnen, von sich, und es stand fest, dass wir uns ganz bald in Berlin treffen wollten.

Das Ticket war schnell gekauft, ich fuhr mit dem ICE von Hamburg nach Berlin.
Ich war so aufgeregt, fühlte mich wie vor einem Date mit meinem Traummann. Da stand er, mein leiblicher Vater, der andere Teil, den ich einfach total vermisst habe. Es mussten 37 Jahre vergehen.

Wir weinten beide vor Glück, lagen uns in den Armen, verbrachten einen schönen Tag in Berlin.
Er war ja jetzt auch mit einem Schlag Opa. Zur Begrüßung gab er mir direkt Geschenke für die Kleine. Er versprach mir während des Tages so viel und sagte immer wieder, meinen Pflichtteil bekomme ich sowieso. Aber deshalb wollte ich ihn doch gar nicht kennenlernen. Das sagte ich ihm auch. Warum war ihm das nur so wichtig?

In erster Linie hatte ich 1000 Fragen.

Wir hatten von da an fast täglichen Kontakt in Form von Email, Anrufen und SMS Nachrichten.
Auch trafen wir uns in Hamburg, denn er hatte hier ab und an beruflich zu tun.

Zur Einschulung schenkte er mir das komplette Outfit für Emily. Ich habe nie danach gefragt, er tat es einfach. "Prada" und "Dior" gibt es in meinem Kleiderschrank nicht, ich fiel fast in Ohnmacht, als er mir die Tüten gab. Emily liebte ihr Kleid und die goldenen Sandalen. Das Kleid hängt noch immer in ihrem Schrank. Jetzt kann sie es cool mit einer Jeans kombinieren, da es eher ein Longshirt ist.

"Günther" wollte an meinem Leben teilhaben, als ich mich dann Ende 2010 von meinem Mann trennte, versprach er mir, alles zu tun, damit ich wieder auf die Beine komme.

Auch darum hatte ich niemals gebeten, er wollte es einfach tun. Auch wenn ich die Trennung ausgesprochen hatte, ich stand vor einem großen Berg, den es zu erklimmen galt.

Ich wollte doch nur meine Wurzeln finden

Niemals hätte ich auch nur einmal daran gedacht, "Günther" um Hilfe zu bitten, aber bei jedem Telefonat versprach er mir, mich finanziell zu unterstützen. Er wollte mir seine Anwältin zur Seite stellen, er wollte mir ein Auto besorgen, die Liste der "er wollte Sachen" ist lang. Was tat er am Ende? NICHTS! Er ließ mich wieder sitzen, so wie er damals meine Mutter sitzen lassen hat.

Immer wieder fragte ich, wann ich denn meine Geschwister endlich treffen werde. Seine Antwort war immer gleich, es war noch nicht an der Zeit.

Ich wollte doch nur meine Wurzeln finden, nur meine Geschwister kennenlernen.

Du warst nie da für mich, du hast mich verlassen, als ich noch nicht mal da war. Du hast dir gewünscht, dass ich es gar nicht auf die Welt schaffe. Niemals hast du mich in den Schlaf gesungen, mir die Windeln gewechselt. Weißt du eigentlich, wann ich meinen ersten Zahn bekommen habe, welches mein Lieblingsessen war? Wann wurde ich eingeschult?

Wie war ich in der Schule? Wie hieß mein erster Freund? Du wusstest und weißt rein gar nichts von mir.

Du hast mich auf ganzer Linie belogen, denn meine Geschwister wussten nicht, dass es da einen "Ausrutscher" gab, der auf den Namen "Sandra" hört. Deshalb war es für deine Frau der schwärzeste Tag in ihrem Leben, denn meine Mutter war nie deine Freundin, sondern lediglich die Affäre.

Auch die Geschwister wollen nichts mit mir zu tun haben. Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie schmerzhaft das für mich ist. Man fragt sich wirklich, was in Menschen vorgeht, die ihr eigen Fleisch und Blut verleugnen. Dann sehe ich mein Mäuschen an und drücke sie ganz fest. Auch wenn mich das Pubertier an den Rand des Wahnsinns bringt, bin ich sehr froh, dass ihr Vater sich um sie kümmert, dass er ihr VATER ist.

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Ich habe mich ein weiteres Mal von meinem Vater verabschiedet und ihn in Liebe gehen lassen.
Den Wunsch, meine Geschwister kennenzulernen, habe ich natürlich noch immer.
Meine Türen sind immer offen für euch.

Meinem Stiefpapa möchte ich sagen: Du bist der wundervollste Papa, den man sich nur wünschen kann. Danke für all das, was du für mich getan hast und tust. Wir sind gemeinsam durch schlimme Zeiten gegangen, wir haben viele gemeinsame Umzüge gemeistert, wir haben einen Rundflug über unsere Heimat gemacht, und du warst der Kapitän. Danke, dass es dich gibt.

Der Beitrag erschien zuerst auf dem Blog der Autorin.

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