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Es kratzt an der Seele: Was sich in Stockholm nach dem mutmaßlichen Anschlag verändert hat

08/04/2017 19:56 CEST | Aktualisiert 08/04/2017 20:13 CEST
ODD ANDERSEN via Getty Images

Ich leite ein französisches Restaurant in Stockholm. Es liegt 800 Meter Luftlinie vom Ort entfernt, wo am Freitag ein Lkw durch die Innenstadt gerast ist.

Wir waren gerade mit dem Mittagsgeschäft fertig und haben uns auf den Abend vorbereitet - da ist es passiert. Das hat ganz schnell die Runde gemacht. Meine Freundin hat mir geschrieben, auf Facebook sind erste Nachrichten aufgetaucht.

Da war alles noch vage, aber eine Ohnmacht war schon zu spüren. Stockholm hat sich an diesem Tag verändert.

Die Hilfsbereitschaft war bemerkenswert

Sehr schnell sprach jeder von einem Anschlag. Das Wort Terror wurde aber nur sehr gewissenhaft und vorsichtig verwendet.

Als sich herausgestellt hat, dass da ein Lastwagen durch die Einkaufsstraße gefahren ist, haben wir allen Gästen auf der Terrasse gesagt, sie sollen reinkommen. Das muss man sich vorstellen, wie wenn in München ein Lkw vom Stachus durch die Kaufinger Straße donnert.

Die Polizei hat die Menschen angewiesen, sich drinnen aufzuhalten. Die öffentlichen Verkehrsmittel wurden eingestellt. Brutal viele Leute konnten dann einfach nicht mehr nach Hause.

Aber eines war schon bemerkenswert: die Hilfsbereitschaft der Menschen. Auch in den sozialen Netzwerken. "Unsere Türen stehen euch offen", hieß es da. Die Restaurants in der Umgebung und auch wir haben Gäste aufgenommen.

Alle waren verplant und ohnmächtig

Unser Restaurant liegt an einem Verkehrsknotenpunkt. Da hat sich ein Stau gebildet. Die Leute sind total verplant und ein bisschen ohnmächtig herumgelaufen.

Da waren Eltern, die nicht zum Kindergarten konnten, um ihre Kinder abzuholen. Die Leute sind in Strömen an unserem Laden vorbeigelaufen. Weinende Kinder waren draußen zu sehen.

Nachbarn haben uns gebeten, auf ihre Kinder aufzupassen. Wir hatten Gäste, die hätten gern ein Taxi gehabt. Manche Leute hatten es noch gar nicht erfahren, weil sie kein Handy dabei hatten. Alles hing noch in der Luft.

Mehr zum Thema: Was wir über den mutmaßlichen Täter von Stockholm wissen

Das kratzt an der Seele

Der Tag gestern hat etwas verändert in Stockholm. Die Leute denken: Scheiße, jetzt ist sowas auch hier passiert. Alle dachten immer, Skandinavien ist sicherer als anderswo.

Jetzt denken sie, nicht mal hier ist man mehr sicher. Das kratzt an der Seele.

Viele Leute haben mich am Freitag angesprochen, weil ich nicht von hier bin. Ich bin in München zur Welt gekommen und wohne seit mehr als drei Jahren in Stockholm. Außerdem habe ich einen islamischen Hintergrund. Die Leute wollten mit mir darüber reden, was hier passiert ist.

Jetzt, am nächsten Tag, herrscht eine gedrückte Stimmung. Aber die Menschen sind wieder draußen, sie gehen in die Geschäfte. "Wir lassen uns nicht unterkriegen", schwingt da mit.

Aber alle sind noch alarmiert. Wer kann es ihnen verdenken.

Aufgezeichnet von Leonhard Landes.

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Oft schauen wir auf gesellschaftliche Entwicklungen nur aus einer abstrakten Perspektive: Experten sprechen über Probleme anhand von Studien. Politiker loben, was gut läuft, anhand von grauen Statistiken - all das hat mit dem Alltag der Menschen, die von diesen Entwicklungen betroffen sind oder sie prägen, oft wenig zu tun.

Diese Menschen kommen jetzt in der Huffington Post zu Wort. Denn wie fühlt sich Armut in einem reichen Land jenseits der Statistiken an? Wie sieht Deutschland aus der Perspektive eines Obdachlosen aus? Vor welchen Problemen steht ein gerade angekommener Flüchtling? Wer hat mit seiner Initiative ein gravierendes Problem gelöst? All das ist Thema in HuffPost-Voices.

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(jg)

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