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Die berühmteste Flucht der Muslime

16/09/2015 15:19 CEST | Aktualisiert 16/09/2016 11:12 CEST

Die berühmteste Auswanderung/Flucht der Muslime zur Zeit des Propheten war jene aufgrund der Unterdrückung im eigenen Lande im Jahre 622.

Die Muslime zu jener Zeit wurden von ihren Nächsten (Stammesmitglieder, heute auch Landsleute) aufgrund ihrer neuen Religion als Staatsfeinde, Häretiker und Gefahr bezeichnet und daraufhin stark gefoltert und unterdrückt. Darüber hinaus wurden die Muslime auch drei Jahre lang boykottiert, indem man mit ihnen keinen Kontakt pflegte und keinen Handel trieb, sodass sie stark eingeschränkt waren.

Somit waren die Muslime gezwungen, in ein sicheres Land zu fliehen, um dort ihre Religion ausüben zu können. Der König von Äthiopien, der Christ Negus, rief die Muslime in sein Land und garantierte ihnen Recht auf Leben und Religionsfreiheit.

Als die Feinde der Muslime erfuhren, dass dort Frieden herrschte, sandten sie Delegierte nach Äthiopien um dem Herrscher unter anderem mit wirtschaftlichen und politischen Sanktionen zu drohen. Dieser aber sah keine Gefahr und nahm die Muslime auf.

Daraufhin wurde Negus, der christliche König, sowohl von Seiten der Muslime in Äthiopien, als auch der Muslime in Mekka, wie heute die Bundeskanzlerin Merkel auch, als Held gefeiert und aufgrund seiner aufrichtigen Handlung selbst im Koran gelobt:

„Und unter den Besitzern des Buches sind gewiss solche, die an Gott glauben und an das, was euch herabgesandt worden ist und was ihnen selbst herabgesandt worden ist. Sie demütigen sich voll Ehrfurcht vor Gott und verkaufen die Offenbarungen Gottes nicht um einen geringen Preis. Sie sind es, deren Lohn bei ihrem Herrn ist. Wahrlich, Gott ist schnell im Abrechnen." (3/199)

Ich habe mir zu diesem Ereignis unterschiedliche Korankommentare angeschaut. Mir ist aufgefallen, dass die klassischen Exegeten eher versuchen, die muslimische Seite des äthiopischen Königs, Negus, in den Vordergrund zu stellen. Moderne Exegeten wiederum konzentrieren sich eher auf das Ereignis und die Reaktion des Korans.

Überrascht hat mich die Auslegung des klassischen Exegeten Ibn Kaṯīr. Ihm zufolge ist dieser Vers eine Antwort an die Kritiker des Negus. Er meint, dass dieser Vers offenbart wurde, um die Muslime zu ermutigen und für Negus und sein Land zu beten.

Wenn ich die aktuelle Situation in Europa (ganz besonders in Deutschland) anschaue, sehe ich sehr viele Parallelen zur damaligen Zeit. Ähnlich wie damals, wurden unschuldige Menschen gefoltert und unterdrückt. Der Hass der Feinde hat sie gezwungen aus der eigenen Heimat zu fliehen, obwohl sie gern bleiben wollten.

Die Flüchtlinge in Äthiopien hatten anfangs große Probleme sich in die Gesellschaft zu integrieren. Obwohl ihnen viele Möglichkeiten angeboten wurden, hatten sie dennoch neben den psychologischen Folgen der Unterdrückung im eigenen Lande, Heimweh und Angst um zurückgelassene Familienmitglieder.

Die Gastbereitschaft und Umarmung der Äthiopier jedoch hat dafür gesorgt, dass die Muslime sich schnell integrierten und der Gesellschaft mit ihren unterschiedlichen Fähigkeiten beigetragen haben.

Ich leite aus diesem heraus, dass wir in Deutschland mit den aufgenommenen Flüchtlingen nur dann erfolgreich sein können, wenn wir sie herzlich behandeln und dafür sorgen, dass sie sich zu Hause fühlen.

Die Bereitschaft, die bisher stattgefunden hat sollte nie verloren gehen. Und wir sollten nie vergessen, dass diese Menschen aus einem Kriegsgebiet kommen und aus der eigenen Heimat vertrieben wurden. Sie werden üblicherweise in Deutschland Integrationsprobleme haben. Jedoch je mehr Offenheit sie sehen, desto schnell klappt das gegenseitige Vertrauen.

Und selbst wenn die Äthiopier die Muslime damals bestens versorgt haben, haben die Muslime die Rückkehr in die eigene Heimat im Herzen gehabt. Sie haben jeden Besucher aus Mekka ausgefragt, ob die Situation beruhigt hat und sie endlich zurück in die Heimat gehen können.

Letzten Endes ist es ihnen Jahre später auch gelungen, nach dem die Unterdrücker im Lande nachgegeben haben und zu einem Friedensvertrag zugestimmt haben.

Ich bin mir sicher, dass die Flüchtlinge, sich auf die Auslegung Ibn Kaṯīrs stützend, für dieses Land oder diese Länder beten werden - beten für eine bessere, friedvolle Zukunft im Land, ohne dass Menschen von einander Angst haben müssen und einander in Frieden begegnen und kennenlernen können.

By the way: Die Bevölkerung Äthiopiens war aufgrund der Flüchtlingsaufnahme anfangs nicht überzeugt. Doch nach dem sie die Erfahrung gemacht haben, dass der gegenseitige Nutzen erst dann klappt, wenn man sich begegnet und akzeptiert, waren sie über die Rückkehr der Muslime enttäuscht.

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