Huffpost Germany
BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Samantha Rodman PhD Headshot

Warum deine Ehefrau immer gestresst ist

Veröffentlicht: Aktualisiert:
GESTRESSTE EHEFRAU
Gettystock
Drucken

Viele Männer kommen in meine Praxis und beschweren sich darüber, dass ihre Frau immer so gestresst ist. Und manchmal sind die Ausdrücke, die sie benutzen, nicht sehr nett. Im Grunde wollen die Ehemänner wissen:

„Meine Frau und ich arbeiten beide, aber wenn ich nach Hause komme, ist für mich nicht Alarm. Für sie jedoch bedeutet es den Weltuntergang, wenn wir aus dem Zeitplan geraten, wenn das Geschirr noch in der Spüle steht, wenn wir spät essen oder die Kinder für einige Minuten spielen, anstatt sich die Zähne zu putzen. Was ist ihr Problem? Wenn sie nicht so gestresst wäre, wäre unser Zuhause viel gemütlicher."

Ich verstehe diese Sichtweise absolut. Es ist nicht schwer, sich in jemanden hineinzuversetzen, der sich einfach etwas mehr Ruhe wünscht und sich gerne etwas Zeit für die Dinge des Lebens nehmen möchte. Gerade auch weil die Mütter, die ich kenne, sich selbst fertig machen, weil sie in ihren Augen nicht gegenwartsbezogen, aufmerksam und beherrscht genug sind, was die Kinder angeht.

Aber wenn es funktionieren würde, seiner Frau einfach zu sagen, sie solle mal „runterkommen", dann könnte ich meine Praxis schließen. (Anmerkung: Hat es in der ganzen Zeit, die Sie verheiratet sind, je einmal etwas gebracht „Jetzt beruhig dich mal" zu sagen? Habe ich Ihnen doch gesagt.)

Hier ist eine Liste mit Gründen, warum es Ihre Frau schwierig findet, einfach mal „runterzukommen".

1. Frauen werden anders beurteilt als Männer.

Wenn Ihr Kind Kleidung trägt, die nicht zusammenpasst, Tinte im Gesicht hat und Sie bringen es zur Schule, ruft jeder gleich begeistert „Oh, das hat Papa aber toll gemacht." Das ist etwas, was engagierte Väter eigentlich ziemlich beleidigend finden. Wäre es eine Mutter, die ihr Kind so schmuddelig zur Schule bringt, würden Lehrer, andere Eltern und jeder im Umkreis von einem Kilometer sofort ihre Schlüsse ziehen. „Hm, ist sie eine heimliche Alkoholikerin? Armes Kind!"

2. Die Beurteilung anderer zählt.

Es ist schön und gut zu sagen: „Es ist mir egal, was andere Leute über mich denken!", wenn man mal beim Karnevalfeiern mit 22 betrunken blank zieht. Es ist in Ordnung, das zu sagen, solange man noch keine Kinder hat.

Denn Folgendes muss man beachten: Kinder verdienen es nicht, Vorurteilen ausgesetzt zu sein und ausgeschlossen zu werden, weil ihr Pausenbrot so hingeklatscht ist, dass sich die anderen Kinder davor ekeln; weil sie ungewaschene Sachen tragen und so weiter und so fort.

Der Mensch ist ein Herdentier, wie ich bereits angedeutet habe. In einer Herde muss man sich anpassen oder man wird geächtet und von den anderen zurückgelassen. Jeder, der die Schulzeit hinter sich hat, weiß, dass dieses Verhalten nicht nur bei Tieren vorzufinden ist. Egal wie sehr Sie sich wünschen, dass die kleine Lena unabhängig und kreativ ist, Ihre Frau weiß, wenn sie erst nach der Bringzeit im Kindergarten auftaucht, mit einem Donut als Pausenbrot und Knoten in den Haaren, werden die anderen Kinder nicht mit ihr spielen wollen.

Es gibt eine ganze Menge Dinge hinter den Kulissen, die stimmen müssen, damit Ihr Kind einigermaßen dazugehört - was ihm später einmal die Selbstsicherheit geben wird zu entscheiden, dass Angepasstheit nicht wichtig ist. (Wenn man als Kind von den anderen nicht akzeptiert wird, wird man als Erwachsener mit nichts anderem beschäftigt sein, als sich anzupassen. Wenn man also „reinpasst", dann hat man später das Selbstvertrauen, über das Naheliegende hinauszuschauen.) Ihre Ehefrau ist wahrscheinlich für alles zuständig, das Ihr Kind normal aussehen, auftreten und fühlen lässt, was stressig ist.

3. Frauen sind meist intuitiver als Männer.

Sie können ganz unbeschwert sagen: „Meiner Mutter macht es nichts aus, wenn wir 15 Minuten zu spät zum Mittagessen kommen." Ihre Frau aber, da sie feinfühliger ist und die Gesichtsausdrücke Ihrer Mutter besser zu deuten weiß, wird Sie anfahren: „Steig jetzt in das verdammte Auto, damit ich mich nicht die nächsten fünf Monate mit Schuldgefühlen rumschlagen muss."

Und wissen Sie, wer Recht hat? Ihre Frau. Es sei denn, Sie wollen die Diskussion mit Ihrer Mutter über ihre Schuldgefühle haben. Das habe ich auch nicht erwartet.

4. Frauen brauchen mehr Schlaf als Männer.

Ich liebe diese Erkenntnis. Frauen sind außerdem diejenigen, die in der Nacht mit den Kindern wach werden. Also hat Ihre Frau ein Schlafdefizit, was sie leichter in Stress geraten lässt. Wenn Sie eine weniger gestresste Frau wollen, stehen Sie mit den Kindern auf.

5. Frauen wissen, dass Hausarbeit wichtig ist.

Dieser Punkt ist angelehnt an Punkt 1 und Punkt 2: Frauen werden anders beurteilt, und Beurteilung zählt. Ihrer Frau ist bewusst, wenn bei Ihnen Zuhause ein Spielenachmittag stattfindet und das Haus unaufgeräumt und verschmutzt ist, werden die anderen Mütter davon abgeschreckt.

Bevor Sie sagen, dass Leute es nicht so wichtig nehmen sollten, ob es ordentlich ist oder nicht, überlegen Sie kurz. Jeder sucht beim anderen nach Merkmalen. Wenn Sie, bevor Sie eine Familie gründeten, ein gutaussehender, maskuliner Kerl waren, der sich mit einer Frau verabredete, die wirklich lustig, spontan und sportlich war und es liebte zu tanzen und Spaß zu haben, was haben Sie aus diesen Merkmalen wohl geschlossen?

Vermutlich, dass Sie mit ihr auch Spaß im Bett hätten. Wir alle sind bei anderen auf der Suche nach Merkmalen, die uns beim Bewerten helfen. Wegen gesellschaftlicher Richtlinien erwarten Ihre Gäste einfach, dass Ihr Zuhause nicht aussieht wie eine Seitenstraße in Kalkutta. Ein ordentliches Zuhause ist das Merkmal für „Jemand versteht, wie die Gesellschaft funktioniert".

Wenn Ihre Frau also das Haus aufgeräumt haben möchte, bevor Leute zu Besuch kommen, oder auch nur für den Fall, dass jemand unangemeldet vorbeischaut, bedeutet das im Grunde: „Ich möchte, dass andere unsere Familie als eine Gruppe von zumutbaren Menschen sehen, die in die Gesellschaft passen und mit denen es möglich ist, eine Freundschaft zu führen und nicht als Marsmenschen, die zu Besuch auf Erden sind und keine Ahnung von unserem Planeten und dessen Sitten haben." Das wirkt auf mich sehr einleuchtend.

6. Ihre Frau möchte das Gefühl haben, gehört zu werden.

Ihre Frau möchte, dass Sie sich in Ihre Angst und Ihren Stress hineinversetzen, es verstehen und ihr bestätigen. Meistens fühlt sie sich anfangs nur etwas gestresst. Wenn Sie ihre Gefühle dann auch noch schlecht reden, lässt sie dass in nur noch mehr Stress geraten oder noch ängstlicher werden, um Ihnen zu vermitteln, wie schlecht es ihr geht, weil sie darauf hofft, dass Sie dann die Wichtigkeit der Situation verstehen und ihr mit Einfühlungsvermögen, Sorge und Liebe begegnen.

Natürlich sitzen Sie am anderen Ende der Leitung. Sie versuchen, sich ruhig zu verhalten und das Problem kleinzureden, so dass sie erkennt, dass es keinen Grund zur Panik gibt. Sie reden aneinander vorbei, was wir in der Psychologie „polarisiert" nennen, und Sie beide werden letztendlich extremer reagieren, als Sie eigentlich empfinden, mit Ihrer Frau als Abbild einer neurotischen Spitzmaus und Sie als Abklatsch eines entspannten James Dean, den nichts aus der Ruhe bringen kann. So in etwa könnte es ablaufen:

Ehefrau: Oh Gott, wir werden zu spät kommen.

Sie: So schlimm ist es nicht.

Ehefrau: Ist es wohl. Wir müssen ja auch noch parken.

Sie: Parken wird kein Problem sein.

Ehefrau: NATÜRLICH WIRD ES EIN PROBLEM SEIN, AUF DER STRASSE EINEN PARKPLATZ ZU FINDEN! DANN MÜSSEN WIR AUCH NOCH DEN KINDERWAGEN AUSLADEN! WIR WERDEN VIEL ZU SPÄT KOMMEN!

Sie: Es ist total leicht, einen Parkplatz auf der Straße zu finden. Den Kinderwagen hab ich in ein paar Sekunden fertig. Wir brauchen nicht mal einen Kinderwagen mitzunehmen.

Ehefrau: WAS ZUM TEUFEL REDEST DU DENN DA??? WIR MÜSSEN JETZT AUF DER STELLE GEHEN!!! WARUM BIN ICH IMMER DIE EINZIGE, DIE EINEN PLAN VON WAS HAT???

Sie: Kannst du mal ein bisschen runterkommen?

Ehefrau: (Schläft in Gedanken mit Ihrem besten Freund.)

Statt so ein schreckliches Szenario heraufzubeschwören, versuchen Sie, Ihre Frau in ihrer Angst zu verstehen. Wie durch Magie wird sie sofort weniger gestresst sein. Ich mache keine Witze! Das Gespräch würde stattdessen in etwa so ablaufen:

Ehefrau: Oh Gott, wir werden zu spät kommen.

Sie: Ach du lieber Himmel, schau mal auf die Uhr! Wir müssen noch, wenn wir dort sind, die Kinder aus dem Auto holen, den Kinderwagen ausladen und packen! Ich hätte die Kinder besser schon vor 10 Minuten ins Auto setzen sollen. Das ist jetzt doof.

Ehefrau: Es ist schon okay, mach dir keinen Kopf.

Sie: Ich hasse es, wenn wir alle in Stress geraten, weil wir zu spät sind.

Ehefrau: Ist schon okay. Lass uns einfach hoffen, dass wir schnell einen Parkplatz finden.

Sie: (Sind verblüfft wie effektiv es ist, sich in die Emotionen seiner Frau einzufühlen) Okay.

7. Ihre Ehefrau ist eine Typ A-Persönlichkeit und das ist auch ein Grund, warum Sie geheiratet haben.

Bitte verschonen Sie mich mit der Geschichte, wie Ihre Frau Sie früher mit in die Umkleidekabine nahm, wenn sie neue Unterwäsche anprobierte. Sie dachten damals, sie ist die zu Fleisch gewordene Spontanität. Es gab Dutzende Merkmale, dass sie extrem gut organisiert war, beispielsweise an ihrer Arbeitsstelle oder wenn sie für jemanden eine perfekt organisierte Geburtstagparty schmiss oder dass sie immer versuchte, ihr Bestes zu geben (zum Beispiel wenn Sie mit in die Umkleidekabine durften oder dass sie überhaupt Dessous kaufte). Und etwas in Ihnen mochte diese Liebe zum Detail und die Aufmerksamkeit, die Ihnen dadurch zukam.

Männer, die sich später beschweren, ihre Frauen sein zu steif und perfektionistisch, hatten normalerweise eine Kindheit, wo niemand wirklich einen echten Fokus auf etwas hatte, insbesondere nicht auf die heranwachsenden Kinder.

Nicht nur am Anfang ihrer Beziehung, auch während der Ehe fühlen Sie sich durch die Aufmerksamkeit Ihrer Frau und ihren Perfektionismus geliebt. Es lässt Sie sicher sein, dass die Kinder, das Haus und Ihr Leben im Allgemeinen unter Kontrolle sind.

Sehen Sie also nicht immer nur die Kehrseite. Die gleiche Frau, die immer fünf Minuten zu früh kommen möchte, ist auch die Frau, die Ihnen eine Überraschungsparty für Ihren 40. Geburtstag plant und die sich um Sie kümmert, wenn Sie krank sind. Ihre Kinder werden nie diejenigen sein, die als letztes vom Sport abgeholt werden und deren Mutter vergessen hat, ihnen Taschengeld für die Klassenfahrt einzupacken.

Senden Sie diesen Artikel Ihrem Partner und eröffnen Sie das Gespräch. Welcher von diesen Gründen wird am meisten nachklingen? Wie können Sie in Zukunft zusammen daran arbeiten, dass der Stress Ihrer Frau gelindert wird? Wie kann sie zu verstehen geben, was sie braucht, und wie können Sie mit Akzeptanz, Liebe und Empathie antworten? Das ist die Hausaufgabe für heute, meine virtuellen Klienten. Und bis wir uns wieder hören, bleibe ich die Blogapeutin, die es hasst, zu spät zu kommen.

Dr. Rodman schreibt für den Blog Dr. Psych Mom und würde sich darüber freuen, wenn Sie ihr bei Facebook und bei Twitterfolgen würden.

Dieser Blog erschien ursprünglich auf "The Huffington Post USA" und wurde von Ann-Kathrin Pohlers aus dem Englischen übersetzt.

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.

Auch auf HuffPost:

Lesenswert: