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Ein Studium darf nicht höherwertiger als ein Meisterbrief wahrgenommen werden

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STUDENTS UNIVERSITY
dpa
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Grenzen gibt es für mich nicht. Ich bin zwar in Fulda geboren, doch einen Teil meiner Kindheit verbrachte ich in der Heimat meiner Eltern: Italien.

Ich komme aus einer Arbeiterfamilie, mein Vater war Arbeiter, meine Mutter Arbeiterin. Auch ich beschritt anfangs den klassischen Bildungspfad eines Arbeiter- und Einwandererkindes: Zunächst Hauptschule, dann Berufsfachschule und mittlere Reife. Später machte ich auch mein Abitur, studierte und promovierte.

Doch meinen Weg können nicht viele gehen - denn etliche sind in ihrer Entscheidung nicht frei. Das gilt sowohl für Migranten-, Arbeiter- als auch Akademikerkinder.

Von der Hauptschule zur Universität

Schon früh merkte ich: Eltern sind die Anwälte ihrer Kinder. In meiner Kindheit wurde noch in der Grundschule entschieden, wer aufs Gymnasium gehen darf. Doch gerade die akademischen Eltern sprachen regelmäßig mit den Lehrern, um deren Entscheidung zu beeinflussen.

Meine Eltern wären nie auf den Gedanken gekommen, mit meinen Lehrern über deren Beurteilung zu sprechen.

Den Weg durch das deutsche Schulsystem musste und durfte ich alleine gehen.

Für mich war die Hauptschulzeit eine schöne Zeit. Ich wurde weitestgehend freigestellt und verbrachte viel Zeit beim Hausmeister. Mir machte die praktische Arbeit Spaß, in den Unterricht musste ich nur zu Klassenarbeiten.

Meine Eltern fanden meinen Wunsch zu studieren in Ordnung. Zur Finanzierung meines Studiums habe ich dann jahrelang nebenbei in einer Reifenfabrik gearbeitet. Für mich war das die Grundsicherung - und völlig normal, dass ich mich mit Arbeit finanziere.

Mehr zum Thema: Wie ich mich von der Hauptschule zum Master kämpfte

Das größte Problem ist die Finanzierung eines Studiums

In vielen Akademikerhaushalten ist der Studienabschluss eine wichtige Statusfrage. Umgekehrt ist für Menschen mit Migrationserfahrung und Arbeitereltern ein praktischer Beruf selbstverständlich.

Ich habe lange an einer Hochschule gelehrt und dort gemerkt: Egal ob Migrant, Arbeiterkind oder Sohn beziehungsweise Tochter eines Anwalts - eine große Zahl merkt, dass ein Studium für sie nicht perfekt ist, aber viele können nicht abbrechen.

Vor allem Akademikerkinder sehen sich gezwungen an der Universität zu bleiben, weil die Eltern das von ihnen erwarten.

Arbeiterkinder sind in ihrer Wahl freier - und wählen bei Zweifeln eher eine duale oder praktische Ausbildung als eine akademische Laufbahn.

Klar ist aber auch: Es ist deutlich schwieriger den Weg an eine Universität zu finden, wenn man aus einem Arbeiter- oder migrantischen Haushalt kommt

Das größte Problem sind die finanziellen Rahmenbedingungen: Es kann nicht sein, dass man auf die Eltern angewiesen ist. In vielen Uni-Städten haben sich die Mieten in den letzten Jahren verdoppelt. Zwar wurde das BAföG angehoben, aber die staatliche Unterstützung hält nicht Schritt mit den rapide steigenden Lebenskosten.

Außerdem müssen die Studiengänge viel internationaler werden. Deutschland sucht händeringend nach Fachkräften. Es muss selbstverständlich sein, dass Vorlesungen und Seminare auf Englisch gehalten werden.

Mehr zum Thema: Eine Grafik verrät, wie ungerecht die deutsche Bildungspolitik ist - doch niemand darf sie sehen

Beruflicher Erfolg ist auch ohne Studium möglich

Am wichtigsten ist aber, dass ein mentaler Wandel in der Gesellschaft erfolgt: Ein Studium darf nicht länger pauschal als ein höherwertiges Angebot als eine duale Ausbildung oder ein Meisterbrief wahrgenommen werden.

Alle jungen Menschen müssen frei entscheiden können, welchen Weg sie gehen - und unabhängig von den finanziellen Möglichkeiten ihrer Eltern.

Beruflicher und persönlicher Erfolg geht auch ohne Studium. Bei vielen ist noch im Kopf, dass man mit einem Uni-Abschluss abgesichert ist - doch das trifft heute nicht mehr zu.

Jeder sollte selbst schauen, was seine Neigung ist. Jeder sollte offen für verschiedene Bildungswege sein.

Ich war das auch. Und ich weiß: Ein Weg mit vielen Kurven und Abbiegungen schadet nicht. Er formt.

Dieser Text wurde von Marco Fieber aufgezeichnet.

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