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Warum wir an deutschen Schulen türkische Geschichte lernen sollten

21/04/2015 15:24 CEST | Aktualisiert 21/06/2015 11:12 CEST
Thinkstock

Die Wissenschaft ist sich weitestgehend einig, dass in der Türkei vor 100 Jahren ein Völkermord an den Armeniern stattgefunden hat.

Neben Papst Franziskus finden auch immer mehr europäische Politiker und das europäische Parlament deutliche Worte und nennen das Verbrechen an den Armeniern beim Namen. Es ist offensichtlich höchste Zeit, dass auch die Bundesregierung deutliche Worte findet und den Genozid offiziell benennt. Mit Bundespräsident Gauck nimmt am Donnerstag erstmals ein deutsches Staatsoberhaupt an einem Gedenkgottesdienst für die Opfer des Armeniergenozids teil. Ein denkbar passender Zeitpunkt, um das Unrecht beim Namen zu nennen.

Jugendliche unter Druck

Vor diesem Hintergrund wächst auch der Druck auf junge Menschen in Deutschland. Junge Menschen, deren Eltern oder Großeltern irgendwann aus der Türkei nach Deutschland kamen, junge Menschen, die hier geboren sind und hier sozialisiert wurden.

Spätestens seit meinem Engagement in der CDU mit 15 Jahren werde auch ich regelmäßig nach meinem „Verhältnis" zum Armeniergenozid gefragt. Die ersten Male habe ich wahrheitsgemäß geantwortet „keine Ahnung". Dann wurde mir das ganze unangenehm genug, um mich eigenständig zu informieren, im Verwandtenkreis zu fragen, in der Bibliothek und im Internet zu recherchieren.

Wie die meisten dieser jungen Menschen, von denen wir regelmäßig eine Haltung zu dieser Frage verlangen, habe ich eine deutsche Schule nach deutschem Lehrplan besucht. Wir haben den 1. und den 2. Weltkrieg behandelt. Haben in jedem Fach, außer den Naturwissenschaften, mehrfach den Nationalsozialismus thematisiert. Gab es den Holocaust? JA! Wie stehst du zum Armeniergenozid? Zum was?!

Aufklärung ist Aufgabe der Schule

Wer von jungen Menschen in Deutschland erwartet, Geschichtskenntnisse zu haben, muss diese lehren. Es ist gesellschaftliche Realität, dass Schüler unterschiedlicher Herkunft und Religionszugehörigkeit unsere Schulen besuchen. Wir tragen diesem Fakt Rechnung, indem wir muttersprachlichen Unterricht und z.B. islamischen Religionsunterricht geben.

Warum behandeln wir nicht auch in Grundrissen türkische Geschichte? Warum klären wir nicht in Schulen über den Armeniergenozid auf, die Geschichte des Osmanischen Reiches? Über die Rolle der heutigen Türkei im 1. Weltkrieg?

Zur Zeit ist Brandenburg das einzige Bundesland, in dem Schüler im Schulunterricht über den Völkermord an den Armeniern aufgeklärt werden. NRW Bildungsministerin Löhrmann kündigte so etwas bereits an. In allen anderen Bundesländern erfahren Schüler nichts über das Thema, was nicht von ihren Eltern, direkt von den Lehrplänen der Türkei für den türkischen Sprachunterricht in Deutschland oder ominösen Quellen im Internet stammt.

Aramäer fordern kritische Aufarbeitung

Der Bundesverband der Aramäer in Deutschland kritisierte bereits 2012 den Geschichtsrevisionismus in türkischen Schulbüchern bezüglich des Genozids an den Aramäern, Armeniern und Pontos-Griechen im osmanischen Reich sowie die mangelhafte Aufarbeitung der Verfolgung von Minderheiten wie Christen und Aleviten in der Geschichte der Türkei.

Die Einbeziehung in den Geschichtsunterricht an deutschen Schulen begrüßt der Vorsitzende des Bundesverbandes der Aramäer in Deutschland Daniyel Demir und sieht Deutschland nicht zuletzt wegen der engen Zusammenarbeit des osmanischen Reichs mit dem Kaiserreich in der Pflicht, Aufklärungsarbeit zu leisten: 2015-04-20-1429562115-8433057-11160453_10206909131272796_1914061814_n.jpg

„Deutschland ist in der Pflicht die Vergangenheit vollumfänglich auch im Geschichtsunterricht darzustellen und den Völkermord an Aramäern, Armeniern und Pontos-Griechen endlich beim Namen zu nennen."

Kritisches Bewusstsein schaffen

Unsere Aufgabe ist es, ein kritisches Bewusstsein zu entwickeln und jungen Mensch Raum zu schaffen für Reflexion. Letztlich stärkt es auch die Identifizierung mit Europa und baut einen belastenden Streit im offenen Diskurs ab. Eine gemeinsame Erinnerungskultur schafft Versöhnung und stärkt das Miteinander in einer pluralistischen Gesellschaft.

Der Frieden auf Schulhöfen wird immer wieder durch stereotype Feindbilder gestört. Vor dem Hintergrund der vielfältigen Schülerschaft an deutschen Schulen ist es unerlässlich aufzuklären, andere Sichtweisen aufzuzeigen, die Schüler zu überzeugen und mitzunehmen, um den inneren Frieden in Deutschland und auf den Schulhöfen nicht durch Unwissenheit und von Generation zu Generation weitergegebene Stereotype zu belasten.

Ich wäre damals mit 15 Jahren sicherer mit der Frage nach dem Armeniergenozid umgegangen, wenn ich gewusst hätte, wovon da überhaupt die Rede ist. Schulbildung schafft wissende, zur Reflexion geschulte Menschen, die Multiplikatoren sind und zur Meinungsbildung beitragen.

Video: Türkischer Imbissverkäufer verschenkt Essen an Arme: „Es kann jeden treffen"


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