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Frauen und Männer. Wie verschieden hätten wir's denn gern?

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ullstein bild via Getty Images
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Ob im wissenschaftlichen Diskurs, auf der Party oder unter Liebenden, das Thema ist umstritten und die vertretenen Meinungen könnten kontroverser kaum sein. Das illustre Spektrum reicht von „Wir sind alle Menschen" bis zu „Männer und Frauen ticken doch völlig anders".

Dass Frauen und Männer oft unterschiedlich denken, fühlen und handeln, lässt sich kaum bestreiten. Die heikle Frage ist jedoch, warum dies so ist und welche Konsequenzen sich daraus ergeben.

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In der Genderforschung wird die These vertreten, dass männliches und weibliches Verhalten fast ausschließlich sozial konstruiert wird, also nicht biologisch, sondern durch gesellschaftliche Prozesse bedingt ist und damit kulturell veränderbar.

Einen Gegenpol vertreten beispielsweise biologistische Ansätze, die aus den anatomischen und physiologischen Unterschieden verschiedene oder gar entgegengesetzte Prinzipien ableiten, sozusagen geschlechtsspezifische Wesensarten.
Männer sind vom Mars, Frauen von der Venus" lautet ein Buchtitel, der inzwischen zum Allgemeinplatz aufgestiegen ist. Männer und Frauen sind demnach so unterschiedlich, dass ohne Übersetzungshilfe keine Verständigung möglich ist.

Was sind die Motive in der Geschlechterdebatte?

In der Geschlechterdebatte gewinne ich oft den Eindruck, dass zwischen den unterschiedlichen Standpunkten kaum Dialog stattfindet, sondern eher Schlagabtausch. Das bringt mich zu der Frage: Aus welchen Motiven wird so vehement die eine oder die andere Position vertreten? Was versprechen wir uns davon, Geschlechterunterschiede zu betonen - oder sie zu relativieren?

2015-10-05-1444041702-7964942-A27367690_photo_jpg_xs_clipdealer.de.jpgDass Männer naturgemäß, evolutionär oder religiös dazu bestimmt seien, die Führung zu übernehmen, ist hierzulande kaum noch gesellschaftsfähig, auch wenn mancher vielleicht insgeheim daran festhält. Sehr populär ist jedoch die Befürchtung, dass die erotische Spannung zwischen den Geschlechtern verloren geht, wenn Frauen und Männer sich zu sehr angleichen (Stichwort Unisex).

Wenn auf der Tanzfläche oder im Bett keiner mehr führt und keiner mehr folgt, dann - so die Besorgnis - fehlt das Salz in der Suppe. Es droht fader geschlechtsloser Einheitsbrei.
Aus der soziologisch-feministischen Richtung weht ein ganz anderer Wind.

Gleichberechtigung oder Gleichstellung

Das Ziel heißt hier Gleichberechtigung oder Gleichstellung und das macht es gar nicht opportun, in Führungsstärke oder Durchsetzungsfähigkeit essenziell männliche Qualitäten zu sehen. Aus dieser Blickrichtung betrachtet ist es Ausdruck eines patriarchalen Herrschaftssystems, wenn Männer mehr Führungspositionen innehaben als Frauen. Das kann und muss verändert werden.

Bei näherer Betrachtung argumentieren beide Seiten aneinander vorbei. Die Verbissen- und Verbohrtheit der Auseinandersetzung ergibt sich oft daraus, dass das jeweils eigene (Erkenntnis-)Interesse stillschweigend vorausgesetzt wird, anstatt genau darüber Verständigung zu suchen.

Viele Fragen

Warum wollen wir Geschlechtsunterschiede? Oder warum wollen wir sie nicht? Geht es um Begegnung auf Augenhöhe? Geht es um Chancengerechtigkeit? Geht es um erotische Anziehung? Geht es um friedliches Miteinander? Wenn über unsere Motive mehr Klarheit herrscht, können wir uns vielleicht darauf einigen, dass sowohl Gleichberechtigung als auch erotische Spannung wünschenswert wären.

2015-10-05-1444041445-8093655-847126_photo_jpg_xs_clipdealer.de.jpgAnstatt uns in ideologischen Debatten darüber zu verlieren, wie anders Frauen und Männer denn nun sind und warum, könnten wir differenzieren:

  1. Was bedeutet Gleichberechtigung? Wie viel Unterschiedlichkeit kann sie verkraften? Müssen gleich viele Frauen wie Männer Führungspositionen in Wirtschaft und Politik innehaben oder ist solche Zahlenarithmetik eher irreführend, weil zu wenig auf qualitative Kriterien geachtet wird?
  2. Müssen Frauen und Männer kollektiv geschlechtsspezifische Unterschiede betonen, um sexuell attraktiv füreinander zu sein? Oder gibt es auch individuellere, subtilere und vielleicht sogar beglückendere Möglichkeiten der erotischen Begegnung als immer wieder die polarisierende Standardformation zur Anwendung zu bringen?

Wir brauchen soziale und erotische Intelligenz

Es braucht soziale und erotische Intelligenz, um nicht in die Fallen geschlechtsspezifischer Klischees zu tappen. Wenn ich wieder irgendwo die komplett inhaltsleere Empfehlung lese, ein Mann müsse einfach nur Mann sein, um eine Frau zu befriedigen, beruhige ich mich gerne mit Einsteins Bonmot über die zwei Arten von Grenzenlosigkeit (des Universums und menschlicher Dummheit. Bei ersterer war er sich nicht sicher... ).

Ist ein Mann, der sich gerne um seine Kinder kümmert, seine Karriere nicht über alles stellt und Lust auf ausgiebige Zärtlichkeit hat, ein unerotischer Softie, ein Weichei? Die Recherchen im Rahmen des Buches Lustvoll Mann sein belegen eher das Gegenteil. Ernstzunehmende Paartherapeuten verkünden, ein Mann, der sich an der Hausarbeit beteilige, dürfe auf mehr und besseren Sex hoffen.

Männliche Hintergedanken

Allerdings: Wenn ein Mann nur aus solchen Hintergedanken heraus den Mülleimer herunter bringt, verhält er sich eher wie ein kleiner Junge denn als erwachsener Mann. Das aber wäre ein anderes Thema, es hat nichts damit zu tun, dass er zu weiblich wäre.
2015-10-05-1444041622-7286832-A29389049_photo_jpg_xs_clipdealer.de.jpgMuss eine Frau, die sich beruflich gut durchsetzt, auch im Bett den Ton angeben? Nein! Vielleicht freut sie sich darauf, sich ganz ihrem Partner hinzugeben. Aber sie könnte auch hier die Führung übernehmen, ohne deswegen an Attraktivität einzubüßen.

Mainstreammedien weisen darauf hin, dass viele Frauen inzwischen selbstbewusst ihre sexuellen Bedürfnisse zum Ausdruck bringen. Das mag manchem Mann Angst machen, aber viele stehen darauf. Warum auch nicht? Auch Männer möchten sich zuweilen hingeben. Wenn sich eine Frau allerdings im Bett so verhält wie im Büro und eine Agenda abarbeitet, ist das wahrscheinlich wenig lustvoll. Aber auch das hätte weniger mit männlichen oder weiblichen Qualitäten zu tun als mit der Unfähigkeit, echte Intimität zuzulassen.

Wenn die Rollen auf dem gesellschaftlichen Parkett wie auch im Bett nicht mehr vordefiniert sind, erleben wir Überraschungen, die uns herausfordern, unser Verhaltensrepertoire zu erweitern. Wem das nicht behagt, der favorisiert die bekannten Klischees. Wenn wir jedoch ein differenzierteres Verständnis für die Gesetze und Spielarten erotischer Anziehung und Spannung entwickeln als „Ich Tarzan, du Jane", müssen wir soziale Gleichberechtigung kaum fürchten. Es bleibt weiterhin spannend.

Forschung ohne Ideologie und Scheuklappen

Geschlechtergerechtigkeit heißt nicht, dass Männer und Frauen das Gleiche tun müssen. Es steht ihnen aber prinzipiell frei, abgesehen von wenigen biologischen Einschränkungen. Mit solchem Verständnis gewinnt die gesellschaftliche Debatte über Veränderungen geschlechtsspezifischer Rollen und Strukturen an Tiefe und Relevanz. Wir könnten uns ohne Ideologie und Scheuklappen darüber unterhalten, welche Aspekte unseres Verhaltens biologisch, psychologisch oder sozial bedingt sind und wie diese Ebenen miteinander interagieren. Wäre das nicht interessant herauszufinden? Wer jedoch immer schon weiß, was er beweisen will, kommt nicht vom Fleck.

Es wird dauern, bis sich ein tieferes Verständnis der Geschlechterfrage kollektiv ausbreitet. Beiträge wie So sind sie, die Männer! oder Typisch Frau/typisch Mann - Umfragen werden uns auf absehbare Zeit nicht erspart bleiben.
Doch wir müssen uns nicht ewig an Plattitüden abarbeiten. Statt dessen lernen wir, unterschiedlichste Beziehungen auf Augenhöhe zu gestalten. Und - wenn wir das wollen - würzen wir sie mit knisterndem, erotischem Flair.

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