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Unbekannte Potenziale männlicher Lust

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MANN MODEL
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Der Facettenreichtum weiblicher Sexualität wird zunehmend geschätzt. „Selbstbewusst, mutig, tabulos" charakterisierte kürzlich "Der Spiegel" die weibliche Lust - auf seiner Titelseite.

Männliche Sexualität gilt hingegen nach wie vor als relativ einfach strukturiert. Wenn er genügend oft Sex hat, sein „bestes Stück" zur rechten Zeit steht und er nicht allzu früh kommt, scheint alles in bester Ordnung. Doch immer mehr Männer werden ebenfalls mutiger und entdecken ihre erotische Vielfalt jenseits trostloser Klischees.
Auch Frauen werden neugieriger auf das unbekannte Wesen Mann, dass vielleicht doch mehr Facetten aufweist, als manche Ratgeberbücher glauben machen.

Im Buch Lustvoll Mann sein haben wir mutige Männer interviewt und weitere online befragt. Aus den Recherchen haben wir 10 Thesen herausdestilliert, die einen frischen Blick auf männliche Sexualität anregen und zu Dialog und Austausch einladen.

  1. Je mehr Neugier Männer sich zugestehen, desto weniger Krisen sind nötig, um sich für neue Horizonte zu öffnen. Für viele Männer ist eine Krise der Ausgangspunkt ihrer Entdeckungsreise, sei es Trennung, Krankheit, schmerzlicher Verlust oder schleichende Unzufriedenheit. Neugier und Entdeckungsfreude können Krisen entbehrlich machen. Sie ermuntern dazu Risiken eingehen, so wie jedes Kind ständig Neues riskiert.
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  3. Liebe und Beziehung sind Männern genauso wichtig wie das unmittelbare sexuelle Erleben. Dass Männer Sex über Liebe stellen, ist ein langlebiger Mythos. Männer favorisieren jedoch unterschiedliche Beziehungsformen - von lebenslanger Treue bis zu spontanen Begegnungen gibt es ein weites Spektrum möglicher Vorlieben. Wenn Männer darauf hoffen können, dass es sich lohnt, sind sie auch zu herausfordernder Beziehungsarbeit auf Augenhöhe bereit.
  4. Auch Männer sind fähig, vielfältige Formen von Lust und Orgasmus zu erleben. Die Ejakulation als Schlussakkord jeder sexuellen Begegnung ist nicht mehr selbstverständlich und auch nicht von allen Männer erwünscht. Es ist zugegeben nicht einfach, unterschiedliche Qualitäten von Lust und Befriedigung detailliert zu beschreiben. Dafür braucht es noch eine angemessene Sprache.
  5. Männer haben vielschichtige Gefühle und sind zu tiefem emotionalem Erleben fähig. Allerdings wurde vielen Männern schon in der Kindheit das Fühlen abtrainiert. Die Wiederentdeckung der Innenwelt kann ein langwieriger und zuweilen schmerzhafter Prozess sein. Sexuelle Erfüllung und das bewusste Spüren der eigenen Gefühle liegen nahe beieinander. Die Aussicht auf tiefer erfüllenden Sex kann Männer zum Risiko größerer emotionaler Öffnung motivieren.
  6. Männer sind es kaum gewohnt, sich selbst zu lieben. An die Stelle von Selbstliebe treten Selbstsucht, Sexsucht oder Abwertung anderer. Sich mit innerer und äußerer Abwertung auseinanderzusetzen, mit der Geringschätzung eigener Körperlichkeit, mit der Unterdrückung eigener Gefühle, mit der vielfältigen Abwertung von Mannsein, all das kann helfen, Selbstliebe zu entwickeln und unabhängiger von Anpassung zu werden. Selbstbefriedigung kann zum Ausdruck wirklicher Selbstliebe werden.
  7. Homophobie - die verdeckte Angst vor dem Schwulsein - beißt sich mit einem entspannten Verhältnis zur eigenen Sexualität. Auch Männer, die Frauen begehren, können erotischen Erfahrungen mit anderen Männern etwas abgewinnen, wenn sie bereit sind, sich ihrer Angst zu stellen. Die Kategorien hetero-, homo- oder bisexuell werden der inneren Vielfalt an Erlebnismöglichkeiten nicht gerecht.
  8. Männer tragen männliche wie auch weibliche Seiten in sich. Sexuelle Befriedigung hängt eng mit einer gelungenen Gestaltung der inneren männlich-weiblichen Polarität zusammen. Diese Polarität wird von Männern unterschiedlich erlebt, das Spektrum an Vorlieben reicht von aggressivem Sex über die Lust an der Initiative bis zum empfänglichen, stillen Verweilen ineinander oder gar zum Wunsch, selbst penetriert zu werden.
  9. Männer sind bereit, sich sexuell fortzubilden, wenn sie sich etwas davon versprechen. Viele Männer haben keine Kenntnis davon, welche Möglichkeiten der Weiterbildung es überhaupt gibt. Liebesschulen finden sich eher in gesellschaftlichen Nischen. Oft sind große Scham- und Schuldgefühle zu überwinden, bis Männer sich Hilfe holen oder entsprechende Seminare und Trainings besuchen.

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  11. Die Frage nach dem richtigen Mann verliert an Bedeutung. Herausfordernde Initiationen ins Mannsein haben eine gewisse Anziehungskraft. Viele Männer wünschen sich, Selbstzweifel und Abhängigkeiten hinter sich zu lassen. Doch je mehr Männer ihr inneres Erleben und ihre Sexualität neugierig erkunden und je mehr Akzeptanz sie sich selbst mit ihren Stärken und Schwächen entgegenbringen, desto weniger müssen sie sich beweisen. Es braucht Mut, zum individuellen, einzigartigen Mannsein zu stehen, besonders wenn Kollegen, Freunde oder die Partnerin etwas anderes erwarten.
  12. Die erotisch-sexuellen Vorlieben von Männern sind unterschiedlich. Diese letzte These ist einerseits banal, andererseits noch nicht im kollektiven Bewusstsein verankert. Der eine liebt das unverbindliche erotische Spiel, der andere öffnet sich erst in einer verbindlichen intimen Beziehung. Mancher verbindet Sex mit Kinderwunsch, ein anderer liebt es, über Grenzen zu gehen und Tabus zu brechen, und wieder andere fühlen sich am tiefsten von der spirituellen Dimension im Sex berührt. Wir können versuchen, Erklärungen für diese Unterschiede zu finden, müssen das aber nicht. Wir können sie einfach als Ausdruck der Fülle Lebens betrachten, zu der wir Männer wesentlich beitragen.

Das neue Selbstbewusstsein von Frauen in sexuellen Belangen wird auch von Mainstreammedien gerne aufgegriffen. Von Slowsex bis Shades of Grey bestimmt das weibliche Begehren, was heute angesagt ist. Männliche Sexualität taucht im öffentlichen Diskurs am ehesten im Zusammenhang mit Übergriffen, Prostitution oder Viagra auf.

Doch viele Männer sind längst unterwegs, neugierig die Vielfalt ihres eigenen Begehrens zu entdecken. Was hält die Sexualwissenschaft bislang davon ab, diese Phänomene eingehender zu erforschen? Was hindert die großen Medien, darüber zu berichten?

Oder genießen Männer, dass von ihnen auf erotischem Terrain nicht allzu viel erwartet wird? Anstatt unter der Last hoher Erwartungen zu versagen, können sie so mit fantasievollen Liebeskünsten überraschen.

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