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Wer Terror nicht verstehen will, wird ihn nicht überwinden

02/12/2015 09:51 CET | Aktualisiert 02/12/2016 11:12 CET
dpa

Der Erschütterung durch die Ereignisse rund um Krieg, Flucht und Terror kann sich kaum entziehen, wer sich nicht vollständig von Medien fernhält. Auch die Reaktionen auf diese Ereignisse z.B. in den sozialen Medien sind manchmal erschütternd. „Macht sie alle platt" oder „Der Merkeldreck muss weg" sind nicht einmal die schlimmsten.

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In tief verunsichernden Krisenzeiten sind einfache Erklärungen und Lösungen besonders gefragt, führen aber in die Irre. Krisen zeichnen sich nicht durch einfach beherrschbare Situationen aus, sondern durch eine unüberschaubare Anzahl von Faktoren, die auf undurchsichtige Weise zusammenwirken. Sie fordern uns zu neuen, noch unbekannten Denk-, Fühl- und Verhaltensweisen heraus. Um diese zu entwickeln brauchen wir allerdings etwas, was wir gerade in der Krise nicht zu haben glauben: Zeit. Die Suche nach Abkürzungen gerät aber leider oft zum langwierigsten Umweg.

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Terror als Weltkrieg titulieren


In unserem Denken zeigt sich die Suche nach Abkürzungen vor allem darin, dass wir unsere Interpretation einer Situation für die einzig gültige oder entscheidende halten. Solche Verengungen des Bewusstseins sind beim Thema Terror so verbreitet wie gefährlich. Die Thesen, die daraus resultieren, offenbaren mehr über diejenigen, die sie vertreten, als über das Thema selbst.

Mit Heinz Erhardt möchte ich ihnen zurufen: Sie dürfen nicht alles glauben, was Sie denken! Mit unseren Gedanken und Interpretationen erschaffen wir allzu oft genau das, was wir eigentlich nur zu erkennen glauben. Wenn Wut und Angst dazu führen, den Terror als Weltkrieg zu titulieren, wird daraus im schlimmsten Fall eine sich selbst erfüllende Prophezeiung.

Was kann helfen? Die eigenen Interpretationen nicht zu ernst zu nehmen und sie vor allem nicht zu verabsolutieren. Die folgende Liste gängiger Interpretationen des Terrors verbinde ich mit der Einladung, sie für eine Art Selbstdiagnose zu nutzen. Welchen Thesen stimmen Sie zu? Welche lehnen Sie ab? Bei welchen Thesen sind Sie bereit zu differenzieren?

Terror, wie ihn der IS ausübt, ist


  • Ausdruck eines Glaubenskrieges
  • ein Kampf der Intoleranz gegen Toleranz
  • ein Kampf gegen die Freiheit westlicher Gesellschaften
  • Konsequenz einer dem Islam inhärenten Rechtfertigung von Gewalt
  • Folge einer Respektlosigkeit gegenüber dem Islam 2015-12-01-1448977631-4099378-P1040985.jpg
  • Ausdruck der Absolutheitsansprüche aller monotheistischer Religionen
  • Folge der Doppelmoral des Westens bezüglich der Geltung seiner Werte
  • Spätfolge des globalen europäischen Kolonialismus
  • Folge der globalen Ausbeutung der Menschheit durch multinationale Konzerne
  • Folge kriegerischer Interventionen vor allem des Westens im nahen Osten
  • Konsequenz der Waffenexporte von Industrienationen
  • Ausdruck patriarchaler Herrschaftsansprüche
  • Folge der Unterdrückung von Frauen
  • Folge der gescheiterten Integration von Muslimen in Europa
  • Folge verbreiteter Jugendarbeitslosigkeit in europäischen Ländern
  • Folge der Ungleichverteilung gesellschaftlichen Reichtums
  • Folge der Fremdenfeindlichkeit in vielen Ländern
  • ein Versagen der Geheimdienste und Sicherheitskräfte
  • Folge der ungeregelten Migration von Flüchtlingen
  • Folge mangelnder Einigkeit in der EU und in Europa
  • Folge rigider Sexualmoral im Islam
  • Folge sexueller Doppelmoral im Westen
  • Folge sexueller Frustration junger, armer Migranten
  • Folge unzeitgemäßer Männlichkeitsideale
  • Ausdruck eines entgleisten Bedürfnisses nach Anerkennung und Zugehörigkeit
  • Folge individueller Traumatisierung, Ausgrenzung und Demütigung
  • 2015-12-01-1448981103-59481-sonnenstrahlen2.jpg

  • ein Spiegel für verleugnete Schattenseiten und Gewalt in der westlicher Kultur
  • eine Herausforderung, den eigenen Hass zu integrieren und nicht zu agieren
  • eine Herausforderung, die eigenen Werte konsequent zu vertreten
  • eine Herausforderung, die eigenen Werte zu relativieren
  • eine Motivation für die Privilegierten dieser Welt, Ungerechtigkeit zu verringern
  • ein Impuls, das Leben in seiner Verletzlichkeit wertzuschätzen
  • ein Impuls, Mitgefühl zu entwickeln
  • ein Impuls zu lernen, mit Differenzen friedlich umzugehen
  • ein Impuls für einen anstehenden Bewusstseinssprung der Menschheit
  • Anzeichen eines bevorstehenden Weltkrieges oder Weltuntergangs
  • ein Phänomen, das mit meinem Leben nichts zu tun hat.

Terror hat viele Gesichter


Auch wenn Ihre bevorzugte These fehlt: Diese Auswahl an Interpretationen dürfte ausreichen, um die multifaktorielle Beschaffenheit der Lage vor Augen zu führen. 2015-12-01-1448977059-5991035-IMG_2466.jpg Keine Interpretation ist nur richtig oder nur falsch. Es hängt vom eigenen Standpunkt ab. Dieser wird in der Debatte oft ausgeblendet, so als sei er selbstverständlich oder allgemeingültig. Darin liegt ein Problem.

Es gibt nicht nur die eine Perspektive und es gibt nicht den einen Ansatz, mit dem der Terror aus der Welt geschafft werden könnte. Wenn wir unsere individuelle Perspektive mit einem Absolutheitsanspruch verbinden, greifen wir damit bereits selbst zur Waffe, oft ohne uns dessen bewusst zu sein.

Jede Perspektive verweist auf einen Aspekt des Ganzen. Jede Perspektive kann, wenn wir das darin zugrundelegende Anliegen verstehen, einen sinnvollen Beitrag für die Überwindung des Terrors leisten.

Die Polarisierung in der Flüchtlingsdebatte zeigt, was geschieht, wenn unterschiedliche Perspektiven gegeneinander ausgespielt werden. Wer darauf hinweist, dass ungebremste Migration die Probleme nicht löst, sondern neue schafft, wird der Fremdenfeindlichkeit bezichtigt. Wer Flüchtlinge nicht als bedrohliche Masse, sondern als hilfsbedürftige Menschen wahrnimmt, wird des Landesverrats beschuldigt.

Wir werden die anstehenden gewaltigen Probleme nicht lösen, wenn wir die verschiedenen Perspektiven nicht integrieren. Gegenseitiges Verständnis ist eine Voraussetzung für friedliche Lösungen, wird jedoch oft als Schwäche ausgelegt. Ich sehe darin jedoch eine Stärke. Besonders schwierig ist es, einen Feind zu verstehen. Allein schon der Versuch gilt manchen als anrüchig.

Jemanden zu verstehen heißt jedoch nicht, sein Verhalten zu rechtfertigen! Erst wenn wir wirklich verstehen, was Menschen dazu treibt, für eine Terror-Organisation wie den „Islamischen Staat" zu kämpfen, werden wir Lösungen finden, die zumindest weniger neue Probleme schaffen als sie lösen.

Ihr bekommt meinen Hass nicht!


Kürzlich las ich den berührenden offenen Brief eines Mannes, der seine Frau beim Terroranschlag in Paris verlor. „Ihr bekommt meinen Hass nicht!" war er überschrieben und er wolle Hass nicht mit gleicher Münze zurückzahlen, heißt es weiter. 2015-12-01-1448977305-3677124-P1000108.jpg

Das ist höchst ehrenwert, denn es hilft nicht, auf Terror mit Hass und Gewalt zu antworten, wie dies der französische Präsident mit seinem Kriegsgeheul tat und in das viele mit einstimmen.

Unser Reptiliengehirn legt solche Reaktionen nahe, aber unser Gehirn ist größer als das. Doch auch die Geste prinzipieller moralischer Überlegenheit birgt Gefahren, nämlich dann, wenn wir so tun, als gäbe es nicht auch in unserer Psyche Abgründe und Gewaltpotenziale.

Mit einer solchen Demütigung treiben wir den anderen weiter in die Gewalt hinein. Unsere Abgründe sind nicht nur individueller Art. Einer der tiefsten Abgründe in der kollektiven westlichen Psyche ist die Verleugnung dessen, was unsere Kultur der Menschheit angetan hat und jeden Tag weiter antut.

Frieden braucht multiperspektivisches Verständnis


Wir alle weben an dem großen Teppich, der die Grundlage menschlichen Zusammenlebens auf dem Planeten bildet. Die vielen verschiedenen Perspektiven besitzen eine jeweils relative, aber keine absolute Gültigkeit. Erst alle zusammen ergeben ein Gesamtbild. Dieses ist den Fokus zu rücken ist der Faden, den ich in den Teppich hineinweben möchte, denn ich sehne mich nach einer Welt, in der wir in aller Unterschiedlichkeit friedlich miteinander leben können.

Die Bereitschaft zu multiperspektivischem Verständnis scheint mir dafür ein wichtiger Mosaikstein zu sein.

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