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Sind Männer sexuell einfacher Gestrickt?

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Männer wollen nur das Eine, besitzen nur eine erogene Zone und ticken ähnlich wie Hunde. Männer sind halt sexuell etwas einfacher gestrickt, wird immer wieder behauptet, öffentlich wie privat und nicht zuletzt auch von Sexualforschern. Aber stimmt das überhaupt?

2015-05-27-1432728992-147893-748937_photo_jpg_xs_clipdealer.de.jpg1. Männer sind schneller erregbar und kommen im Unterschied zu Frauen regelmäßig durch Geschlechtsverkehr zum Orgasmus.

Diese Tatsache spricht nur dann für eine einfachere männliche Sexualität, wenn man aus der Fähigkeit von Männern, leicht erregbar zu sein und schnell zum Höhepunkt zu kommen, eine Art Zwangsläufigkeit ableitet. Eine solche gilt jedoch als Funktionsstörung, ist also kein Merkmal genuiner Männlichkeit. Männer, die ihren Körper gut kennen, können ihre Erregung im ganzen Körper spüren und halten, verschiedenartige Orgasmen erleben und diesen von einer reinen Ejakulation unterscheiden.

2. Männer reagieren auf optische Reize, schauen eintönige Pornografie und besuchen Prostituierte.

Daraus wird abgeleitet, dass Männer nach einfachem Reiz-Reaktionsschema funktionieren, während Frauen komplexere Bedürfnisse haben sowie Lust und Liebe weniger zu trennen vermögen. Bei letzterem handelt es sich genau genommen um ein Unvermögen, bei leichter Erregbarkeit jedoch um ein Vermögen. Wie diese ausgelebt wird und ob eine Trennung von Sex und Herz für Männer erfüllend ist, ist eine andere Frage.

Männer begnügen sich mit Junksex, weil sie es nicht besser kennen, es sich so antrainiert haben, sich ihrer Sexualität schämen oder weil sie dies überall als typisch männlich beschrieben finden. Wer jedoch Gourmetsex kennen gelernt hat, wird sich erotisch kaum ausschließlich von „Currywurst" und „Hamburger" ernähren wollen.

3. Männer sind angeblich von Natur aus auf schnellen Sex programmiert.

Diese These wird aus Erkenntnissen unterschiedlichster Fachrichtungen wie Evolutionsforschung, Archäologie, Physiologie oder Psychoanalyse abgeleitet. Jede dieser „Erkenntnisse" steht, wenn man näher hinschaut, auf tönernen Füßen und erst recht deren populärwissenschaftliche Verbreitung. 2015-05-27-1432737108-9237144-2606721_photo_jpg_xs_clipdealer2.de.jpg

  • Männer maximieren ihren Fortpflanzungserfolg, indem sie ihre Spermien möglichst breit streuen, also so viele Frauen wie möglich schwängern. Darwinistisch gedacht klingt das überzeugend, aber warum konnte dann Homosexualität bei Tieren wie beim Menschen überleben, obwohl sie keinen Fortpflanzungserfolg einbringt? Wieso gibt es monogame Tierarten und warum gilt Monogamie als dominierendes Beziehungsideal beim Menschen? Ganz so einfach ist es offenbar nicht.

  • Oft muss, wie im Theaterstück Caveman, die Steinzeit der Jäger und Sammler herhalten, um Geschlechterstereotypen zu begründen. Der Mann musste qua größerer Muskelkraft auf die Jagd, ausgedehnter Sex in der Wildnis war lebensbedrohlich. Die Frau jedoch musste den Mann als Ernährer und Beschützer an sich binden. Daher will sie mehr als sich kurz von ihm begatten zu lassen. Inzwischen hat die Archäologie längst entdeckt, dass es sich bei den Steinzeitstereotypen eher um Projektionen von Forschern und Fantasten handelt.

    Exemplarisch sei der Zirkelschluss erwähnt, bei dem Waffen im Grab als Beweis für ein männliches Skelett herhielten, um später aus „typischen" Grabbeigaben die Tätigkeit von Männern als Krieger und Jäger abzuleiten. Es ist nicht immer so offensichtlich, aber viel zu oft „beweist" Wissenschaft ihre eigenen Vorannahmen.




  • Der höhere Testosteronspiegel beim Mann galt lange als Beleg dafür, dass höheres Aggressionspotenzial und größere Libido Merkmale des männlichen Geschlechts seien. Das klang plausibel bis bekannt wurde, dass Testosteron auch ganz andere Wirkungen hat. In einem denkwürdigen Experiment verhielten sich Frauen, die glaubten, Testosteron bekommen zu haben, signifikant konkurrenter, während Frauen, die tatsächlich Testosteron bekommen hatten, sich kooperativer verhielten als der Durchschnitt. Der Ruf von Testosteron ist mithin ein Selbstläufer. Gilt dies auch für weitere angebliche Merkmale von Männlichkeit? Entpuppen sie sich weitgehend als sich selbst erfüllende Prophezeiungen?



  • Manchen Psychoanalytikern entsteht Männlichkeit aus der notwendigen Abgrenzung des Jungen von seiner Mutter. Er muss anders werden als sie, sonst wird er kein richtiger Mann.

    Diese Annahme setzt erneut voraus, was sie beweisen will, nämlich dass Männer grundsätzlich andere Eigenschaften aufweisen als Frauen. In einer Kultur, in der es Männern wie Frauen vollkommen frei stünde, sowohl als weiblich wie als männlich geltende Eigenschaften zu entwickeln, müssten Jungen sich nicht auf stereotype Weise von ihrer Mutter abgrenzen.

    Sie würden wie Mädchen zunächst von Mama und Papa lernen und sich später im Rahmen ihrer Individuation von beiden abgrenzen. Anatomische, physiologische und hormonelle Faktoren nehmen natürlich Einfluss, brauchen aber keine ideologische Fürsprache wie „Wenn du ein Mann sein willst, setze dich durch und heul hier nicht rum!" Solche Ermahnungen lassen ahnen, dass berechtigte Zweifel an der Wirkung der Hormone bestehen.

Die These, Männer seien einfacher gestrickt, fällt auf ihre Verfechter zurück. Sie sind es, die einfach gestrickt langlebigen Mythen aufsitzen. Inzwischen bekommt Gegenwind, wer solche Mythen weiter verbreitet. Auf ZEIT-Online mutmaßt der Sexualforscher Prof. Dr. Ulrich Clement, der Mann habe vielleicht „doch nur eine erogene Zone". Auf die Nachfrage „Unterstellen wir der männlichen Sexualität damit nicht, allzu simpel zu sein?" antwortet er: „Ich versuche, mich dagegen zu wehren. Aber sie ist vielleicht tatsächlich einfacher als die der Frau."

Auf Facebook wie bei Zeit-Online gab es einen Sturm der Entrüstung. Manche nahmen es dagegen mit Humor:

Natürlich sind Männer einfacher als Frauen! Werbung für Männer ist das einfachste der Welt, man muss ihnen nur suggerieren 'Wenn ich dieses Produkt konsumiere, bekomme ich Sex mit einem vollbusigen Supermodel.' Frauen fallen darauf nicht herein. Frauen sind vielschichtiger und komplizierter. Auf Frauen zugeschnittene Werbung muss vermitteln: 'Wenn ich dieses Produkt konsumiere, werde ich ein vollbusiges Supermodel'.

Es wird Zeit, das Bild von männlicher Sexualität zu differenzieren. Männer sind unterschiedlich. Statistischer Durchschnitt lässt offen, was darin zum Ausdruck kommt. Sind es biologische Konstanten, archetypische Geschlechtsmerkmale, gesellschaftliche Konditionierungen, erotische Vorlieben? Über Potenziale sagt Normalität nichts aus, denn Potenzial ist eben mehr als das, was normalerweise gelebt wird.

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Mich interessieren eher reizvolle Möglichkeiten als Durchschnitt. Das war der Ausgangspunkt für das Buch Lustvoll Mann sein - Expeditionen ins Reich männlicher Sexualität, das kürzlich erschienen ist. Anstatt auf Basis statistischer Erhebungen einen Normalmann zu konstruieren, haben wir leibhaftige Männer interviewt, die Klischees hinter sich gelassen haben. Solche Männer sollten in den Blick der Sexualwissenschaft geraten, wenn diese nicht nur den Status quo fortschreiben will.

Sexualforscher sind keine objektiven Beobachter, sondern immer auch Mitakteure in der kulturellen Gestaltung der Sexualität. Allerdings: Um Sexualforscher zu sein muss niemand ein Studium absolvieren. Männer wie Frauen sind ganz naheliegend ihr eigenes Forschungsobjekt - und Subjekt. So können auch Männer die Vielfalt und den Reichtum ihrer Sexualität entdecken und lassen den Mythos, Männer seien einfacher gestrickt, mit einem Augenzwinkern hinter sich.


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