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Männliche Sexualität wird unterschätzt

10/06/2015 10:28 CEST | Aktualisiert 10/06/2016 11:12 CEST
Thinkstock

In meinem Beitrag vom 28. Mai 2015 habe ich ausgeführt, warum die Behauptung, männliche Sexualität sei einfacher als weibliche, als sich selbst erfüllende Prophezeiung gelten darf und kaum als wissenschaftlich belegbare Tatsache.

Das Thema findet große Resonanz in sozialen Medien. Prof. Dr. Ulrich Clement hält dagegen und behauptet, ich würde „schöne Potenziale gegen nüchterne Daten ausspielen, farbig gegen grau, Wünsche gegen Tatsachen". Doch trifft das zu? Kündigt sich hier nicht eher ein Paradigmenwechsel in der männlichen Sexualität an, wie er bei der weiblichen längst stattgefunden hat?

2015-06-09-1433860024-574503-IMGP0508.jpg Die Frage, ob männliche Sexualität einfacher sei als die der Frauen, kann wohl nie zweifelsfrei beantwortet werden, genauso wenig wie die Frage, welches Geschlecht intelligenter sei. Es sei auch dahin gestellt, wem solche Fragestellungen überhaupt dienen.

Entscheidend ist aber: Es mischen sich immer Interpretationen und unhinterfragte Vorannahmen in die Erhebung und Darstellung statistischer Daten. Eine solche Vorbedingung ist der vereinfachende Blick auf Männlichkeit, der noch immer soweit Mainstream ist, dass seine Ergebnisse als Fakten durchgehen.

2015-06-09-1433860095-9986465-IMGP0509.jpg Besonders bedenklich finde ich, dass bestimmte Aspekte männlicher Sexualität von der Sexualwissenschaft ignoriert werden. Außergewöhnliche Erfahrungen, wie die im Buch Lustvoll Mann sein dargestellten, werden oft nicht ernst genommen bzw. als Randphänomen aus dem Fokus der Wissenschaft verbannt. Dieses Vorgehen ist alles andere als wissenschaftlich, denn wissenschaftliche Theorien müssen sich gerade gegenüber Ausnahmen von der Regel behaupten können.

Prof. Clement bringt sechs bedenkenswerte Belege für die These, männliche Sexualität sei einfacher als weibliche:

  • die geringere Variationsbreite bei Männern in Bezug auf den Orgasmus
  • die höhere Konzentration von Männern auf optische Reize
  • die „spezifischere" Reaktion von Männern auf sexuelle Reize
  • die weniger kontextbezogene sexuelle Motivation von Männern
  • die geringere Selektivität vom Männern in der Wahl eines Sexualpartners
  • die ausschließliche Existenz einer Lustpille für den Mann, weil die weibliche Sexualität lt. Pharmaindustrie (Viagra Hersteller Pfizer) dafür zu kompliziert sei.

2015-06-09-1433860388-6823590-809344_photo_jpg_xs_clipdealer.de.jpg Alle sechs belegbaren Phänomene bedürfen jedoch der Interpretation, um sie angemessen einzuordnen. Nur auf den ersten und möglicherweise voreingenommenen Blick hin sprechen diese Daten für eine einfachere männliche Sexualität. Bei genauerem Betrachten erscheinen sie in einem anderen Licht:

  • Die meisten Männer kennen kaum Variationsmöglichkeiten in punkto Orgasmus, weil sie nie davon gehört haben. Männer, die - z. B. im Kontext von Tantra - von anderen Möglichkeiten erfahren und diese ausprobieren, erleben differenziertere Orgasmusformen. Oft relativiert sich dann auch die Bedeutung des Orgasmus gegenüber dem gesamten sexuellen Erleben.
  • Männer könnten deswegen mehr auf optische Reize reagieren, weil sie ihre anderen Sinneskanäle weniger entwickelt haben. Es handelt sich dann nicht um ein Merkmal von Männlichkeit, sondern um eine Folge männlicher Sozialisation.
  • Männer reagieren möglicherweise spezifischer auf sexuelle Reize, weil sie mehr Angst vor Abweichungen von der sexuellen Norm haben. Das könnte damit zusammenhängen, dass Abweichungen - wie z.B. Homosexualität - bei Männern oft mehr diskriminiert werden als bei Frauen.
  • Die sexuelle Motivation von Männern ist vielleicht deswegen weniger kontextbezogen, weil viele Männer sich eine diesbezügliche Dissoziation regelrecht antrainiert haben, z.B. durch eine schnelle, schambehaftete Masturbationspraxis.
  • Zum Thema „Frauen sind wählerischer". In sozialen Experimenten, die auf Youtube zu besichtigen sind, nimmt keine von 100 Frauen ein spontanes Sexangebot eines Mannes an, bei den Männern sind es im umgekehrten Fall 30 von 100. Welches Geschlecht zeigt in diesem Fall mehr Variationsbreite?
  • Bleibt die Pharmaindustrie als Kronzeugin einer einfacheren männlichen Sexualität. Gerade die Pharmaindustrie hat jedoch aus nachvollziehbaren, gewinnorientierten Gründen ein großes Interesse daran, Sexualität auf deren einfaches Funktionieren zu reduzieren. Sie fällt als glaubwürdiger Kronzeuge aus.

    Aus unseren Untersuchungen im Rahmen des Buchprojektes ging hervor: Männer, die bei Erektionsstörungen nicht zu Viagra griffen, sondern Neugierde für die Botschaft ihres Körpers entwickelten, wollten später die daraus gewonnenen Erkenntnisse, Erfahrungen und Optionen nicht missen.

    Viagra scheint als Nebenwirkung sexuelle Verhaltensoptionen von Männern zu reduzieren. Warum greifen Männer zu diesem Medikament? Die Gründe sind wohl denen vergleichbar, aus denen Frauen zu Schlaf- oder Kopfschmerztabletten greifen.

Eine weit verbreitete Annahme: Männliche Sexualität ist weniger komplex als weibliche

In jedem einzelnen Beispiel lassen sich Gründe finden, die nichts mit Männlichkeit als solcher zu tun haben, sondern mit einer einengenden kulturellen Prägung von Männern. 2015-06-09-1433860492-9028604-1860900_photo_jpg_xs_clipdealer.de.jpg Zu dieser Prägung gehört wesentlich die verbreitete Annahme, männliche Sexualität sei weniger komplex als weibliche.

Es ist noch nicht lange her, da war es Stand der Wissenschaft, dass Frauen kaum eigene Lust auf Sex haben und ein Orgasmus bis auf wenige Ausnahmen Männern vorbehalten ist. Kein ernstzunehmender Sexualforscher würde das heute noch behaupten.

Wenn Frauen tatsächlich im Durchschnitt weniger Spaß am Sex haben, so gilt dies längst als Folge jahrhundertealter Unterdrückung und nicht als Merkmal von Weiblichkeit.

Analoge Äußerungen über Männer werden aber, wie obige Beispiele zeigen, immer noch gerne angeführt, ohne ihren Kontext zu beleuchten. Sie treffen nun zunehmend auf Gegenwind.

Der Gegenwind speist sich nicht zuletzt aus eigener Erfahrung. 2015-05-27-1432729350-4532805-Cover_RiekSalm_LustvollMannsein209kb.jpg Männer, wie die von uns interviewten, die lange Jahre den alten Normen entsprechend gelebt haben und diese erst später überwanden, wissen um den „Wahrheitsgehalt" der Klischees.

Klischees treffen solange zu, wie man an sie glaubt und nichts anderes riskiert und erforscht. Die Männer, die wir im Buch Lustvoll Mann sein zu Wort kommen lassen, können mit gewissem Recht als Ausnahmemänner bezeichnet werden.

Aber sie alle haben sich erst mit den gängigen Männlichkeits-Normen auseinandersetzen müssen, um ihre Besonderheiten zu entwickeln. Insofern waren sie zunächst ganz normale Männer, die sich jedoch nicht davon abhielten ließen, unerforschtes erotisches Territorium zu erkunden.

Was soll ein Mann, der nach langen Jahren penisfixierter Sexualität gelernt hat, seinen ganzen Körper lustvoll und erotisch zu erleben, davon halten, wenn er liest: Der Mann hat nur eine erogene Zone? Soll er denken, er habe vielleicht eine Gen-Anomalie? Zuwenig Testosteron im Blut? Nein. Er wird solchen Thesen schlicht nicht mehr auf den Leim gehen. Dazu möge auch dieser Text beitragen.

Ich möchte dazu anregen, dass auch die Sexualwissenschaft nicht mehr sogenannte nüchterne Fakten gegen vielfältig-bunte Potenziale ins Feld führt, sondern alle Phänomene, Normalität und Abweichung, in ihrem Zusammenhang zu verstehen versucht. Um diesen Zusammenhang zu begreifen sind die Erfahrungen von Männern, die beides kennen, Konventionen und deren Überwindung, besonders hilfreich.

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