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Wann ist ein Mann ein Mann?

22/10/2015 12:37 CEST | Aktualisiert 22/10/2016 11:12 CEST
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Wann ist ein Mann ein Mann? Die Frage, die Herbert Grönemeyer vor Jahrzehnten mit Leidenschaft, aber auch Selbstironie besang, wird leider allzu oft ernst genommen. Sie ist so überflüssig wie ein Kropf. Sie suggeriert, dass ein Mann erst bestimmten Anforderungen genügen muss, um als richtiger Mann gelten zu dürfen.

Aber was soll das sein, ein richtiger Mann? Und vor allem: Was bitteschön ist ein falscher Mann? Ein Softie? Ein Hausmann? Ein Schwuler? Oder haben sich die Verhältnisse soweit verkehrt, dass inzwischen Patriarchen, Machos oder Workaholics die falschen Männer sind?

Politisch unkorrekt sind letztere inzwischen allemal. Seit einem weiteren Megahit der 80er (Neue Männer braucht das Land) wird Jahr für Jahr ein Neuer Mann ausgerufen, dessen Anforderungsprofilprofil immer komplexer wird und das einer eierlegenden Wollmilchsau inzwischen locker überbietet.

Er ist nichts weniger als verantwortungsbewusst, sexy, erfolgreich, empathisch, bindungsfähig, freiheitsliebend, kreativ, zielstrebig, hingebungsvoll, intelligent, tolerant, gefühlsbetont, kinderlieb, sozial engagiert, undogmatisch spirituell, taktvoll und musikalisch, ein bescheidener Weltmeister der Herzen, jederzeit bereit die Welt zu retten, aber ganz ohne jede Selbstüberschätzung. Die Liste ist natürlich nur vorläufig und längst nicht abschließend.

Warum gibt es keinen Aufschrei von Seiten der Männer oder zumindest einen schlichten Kommentar wie „Habt ihr es vielleicht eine Nummer kleiner?"

Schämen sich Männer in Anbetracht solcher doch eigentlich offensichtlichen Überforderung? Männer stehen heute wegen ihrer vermuteten sozialen, emotionalen oder sexuellen Unzulänglichkeiten unter permanenter kritischer Beobachtung. Schau dir einen 08/15 Porno an und du weißt, was die Kerle insgeheim antreibt. Männer sind Schweine, auch das nicht zufällig ein Megahit.

Zugegeben, manche Männer verhalten sich so, als wenn ihr Herz in der Hose sitzt oder sie gar keins besitzen. Nicht wenige Männer können kaum etwas fühlen, außer vielleicht unmittelbar beim Orgasmus. Für erschreckend viele Männer erfüllt sich ihr Leben im Ausüben ihrer Funktion. Was ist da los? Sind das genuine Merkmale von Männlichkeit, womöglich sogar hormonell, genetisch oder evolutionsbiologisch determiniert?

Nein! Jeder erfahrene Psychotherapeut sieht in solchen Symptomen Anzeichen schwerer Verletzungen. Was Männer über Jahrtausende als Jungen durchmachen mussten, um vermeintlich richtige Männer zu werden, ist im Kern eine unmenschliche Dressur.

Ich will nicht behaupten, dass es Mädchen leichter hatten, aber das weibliche Geschlecht bekommt längst das, was Opfer von Unterdrückung und Traumatisierung dringend brauchen: Empathie.

Empathie für Männer, die kaum etwas fühlen, die bindungsunfähig sind, die Unternehmen unerschrocken führen wie ein Kriegsregiment, aber lebensbedrohlichen Ekel verspüren bei der Vorstellung, einen anderen Mann zu küssen? Fehlanzeige. Das sind einfach Arschlöcher.

Männer sind die einzige gesellschaftliche Gruppe, der Empathie systematisch verweigert wird, zumindest in ihrer Eigenschaft als Mann. Er stirbt statistisch gesehen sechs Jahre früher als seine Frau, wenn er bis dahin nicht längst an seinem ungesunden Lebensstil zugrunde gegangen ist, sich totgesoffen hat oder sich direkt ums Leben gebracht.

Na und? Ist er doch selbst schuld. Musste er doch nicht! Ein Jammerlappen, ein Weichei, wer dafür noch wohlwollende Einfühlung verlangt. Und dann schaut er sich auch noch diesen Schweinkram im Internet an oder kauft sich Sex? Solche Ungetüme gehören bestraft, am besten eingesperrt. Seine echten Beweggründe dürften doch wohl niemanden interessieren.

Oder doch? Interessieren sich zumindest die Männer selbst für ihre Motive? Kaum. Noch immer selten.

Männer haben es in diesen Zeiten schwer, sich an einem Ideal zu orientieren. Müssen wir daher ein neues Männerideal entwerfen? Nein, lassen wir das doch einfach bleiben. Viel wichtiger erscheinen mir Neugier und eine offene Bereitschaft, sich für Männer und ihre Befindlichkeiten zu interessieren und sich in sie einfühlen zu können.

Das hat nichts mit weinerlichem Getue zu tun, sondern mit einer Grundqualität menschlichen Miteinanders, dem Mitgefühl. Wenn Jungen und junge Männer ermutigt würden, sich neugierig in ihre eigenen Wünsche und Bedürfnisse einzufühlen und ihre eigenen Werte und Ziele zu entwickeln, werden wir eine Vielfalt und einen Reichtum männlicher Lebensentwürfe und Lebensweisen erleben, die der Gesellschaft gut tut und den Frauen nichts wegnimmt, sondern sie ihrerseits ermutigt, das Gleiche zu tun.

Wir brauchen keine festgefügten Geschlechterrollen mehr und auch keine diesbezüglichen Ideale. Damit jedoch bei aller Geschlechtergerechtigkeit die erotische Anziehung nicht verloren geht, brauchen Männer wie Frauen mehr erotische Intelligenz.

Erotik und Sexualität leben von Polarität. Diese durch festgefügte Rollenkorsetts herstellen zu wollen, scheint zwar naheliegend, halte ich aber für nicht mehr zeitgemäß. Doch mit etwas Neugier, Phantasie und Kreativität wird sexuelle Anziehung neue Ausdrucksformen finden.

Sexuelle Unterschiede und Vielfalt nivellieren zu wollen ist nicht die Folge von Gleichberechtigung, sondern von politischer Korrektheit, mangelnder Phantasie und nicht zuletzt von Scham. Das Antidot zu Scham heißt: Einfühlung, individuell, aber auch kollektiv, was übrigens keineswegs Rechtfertigung bedeutet. Einfühlung in männliche Befindlichkeiten statt normative Vorgaben als gewichtiger Punkt auf der geschlechterpolitischen Agenda, das wäre allerdings eine Revolution. Eine, für die unsere Kultur wahrscheinlich noch nicht bereit ist.

Wenn Männer sich nicht mehr darum kümmern, ob sie richtige Männer sind, haben sie Kräfte frei, sich in sich selbst einzufühlen, ihre individuelle Version von Mannsein zu entwickeln und zu leben. Ich wünsche mir eine Gesellschaft, in der Männer wie Frauen verantwortlich und frei mit allen möglichen Rollen spielen, anstatt dass althergebrachte Rollen unser aller Leben weiter im Griff haben.

Von Saleem Matthias Riek, Autor von „Lustvoll Mann sein" www.lustvoll-mannsein.de

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