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Auch Männer brauchen Einfühlung

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MAN SAD
Jamie Garbutt via Getty Images
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In der aktuellen #metoo-Debatte um Sexismus, sexuelle Belästigung und sexualisierte Gewalt bleiben die Ursachen männlichen Verhaltens meist im Dunkeln. Doch ohne Einfühlung greift der Apell „Ändert euch!" zu kurz. Männer brauchen Einfühlung, zuallererst von sich selbst, aber auch von außen. Dazu ein Auszug aus dem 2015 erschienenen Buch Lustvoll Mann sein.

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Eine einfühlende Innenperspektive versagen Männer sich nicht nur selbst, sie wird uns oft auch gesellschaftlich verweigert. In vielen Studien zur Gewaltthematik oder zur Prostitution kommt das darin zum Ausdruck, dass nur das vermeintlich objektive Tatgeschehen untersucht wird und nicht die Innenperspektive der Beteiligten, oder wenn, dann nur die des Opfers. Aber auch Opfer werden teilweise entmündigt.

Es entbehrt nicht der Ironie, wenn ausgerechnet von feministischer Seite Prostituierten die Fähigkeit und das Recht abgesprochen wird, für sich selbst zu sprechen. Noch weniger interessiert anscheinend, warum eigentlich Männer zu Huren gehen und was sie bei ihnen suchen. Es entsteht der Eindruck, die Antwort sei selbstverständlich: Männer wollen das Eine, egal wo, egal wie und egal mit wem, es liegt in ihrer Natur.

Es ist erstaunlich, wie weitgehend Männer sich damit arrangieren, dass Einfühlung in ihre Motive - zumindest auf der gesellschaftlichen Ebene - kaum gefragt ist.

Befürchten wir, dass nichts Gutes dabei zum Vorschein käme? Liegt es daran, dass Frauen oft die Definitionsmacht über die Domäne unseres Innenlebens beanspruchen? Oder versprechen wir Männer uns einfach nichts davon, Licht in das Dunkel von Verhaltensweisen zu bringen, die uns zur Last gelegt werden? Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen, und am besten auch nichts fühlen scheint eine bewährte Strategie zu sein, mit der Männer durchs Leben kommen, wenn es um ihr Innenleben geht. Ist dies ein wesensmäßiges Merkmal von Männlichkeit? Nein.

Gefühllosigkeit ist ein Symptom erlittener Gewalt

Gefühllosigkeit ist eine häufige Folge erlittener Gewalt. Sie ist eine Art emotionaler Totstellreflex. Diesen haben wir mit allen Reptilien und höher entwickelten Lebewesen gemeinsam. Bieten Kampf oder Flucht keine Chance auf Rettung, stellen Tiere sich tot. Gefühle abzuwürgen ist diesem Vorgang vergleichbar, es ist eine Art Schockreaktion.

Wenn der Ausdruck von Gefühlen chronisch sanktioniert wird oder sie mit zu viel Schmerz verbunden sind, lernen Kinder schon sehr früh, sie zu unterdrücken und nicht mehr zu fühlen. Dass Frauen, die sexuell missbraucht wurden, durch dieses Trauma oftmals ihre sexuelle Empfindungsfähigkeit verlieren, ist weithin anerkannt.

Die geläufige Karikatur des empfindungsreduzierten Mannes wird aber noch kaum im Zusammenhang mit erlittenen physischen oder psychischen Verletzungen gesehen. Männer, die Mühe haben, Angst, Trauer, Empathie oder auch ganzkörperliche Lust zu fühlen, haben im Laufe ihres Lebens an Empfindungsfähigkeit verloren oder sie nicht entwickeln können. Warum?
Jungen wird auf vielfältige Weise beigebracht, nicht zu fühlen.

Sprüche wie „Ein Indianer kennt keinen Schmerz" oder „Jungen weinen nicht" mögen altmodisch klingen, sind heute aber oft nur durch subtilere Botschaften ersetzt worden. Ab einem bestimmten Alter sind Jungen, die ihre Angst zeigen oder weinen, nach wie vor Häme oder gar Repressionen ausgesetzt.

Und vielen erwachsenen Männern lässt ihr beruflicher Alltag auch nicht gerade reichlich Raum für Gefühle, im Gegenteil, in manchen Branchen machen allzu viel menschliche Regungen berufsunfähig.

Männer sind Täter, Frauen sind Opfer?

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Beim Thema Gewalt gelten im Allgemeinen Männer als Täter, Frauen als Opfer. Männer nehmen erlittene Gewalt häufig gar nicht als solche wahr, weil sie sie entweder gewohnt sind oder der Opferstatus als unmännlich gilt. Doch Männer erleiden mehr Gewalt als Frauen, die Täter sind allerdings mehrheitlich ebenfalls Männer. Es geht hier also nicht um Schuldzuweisung an Frauen, sondern um etwas Anderes, Subtileres und viel Interessanteres.

Täterschaft wurde lange Zeit zum Merkmal von Männlichkeit stilisiert, die Opfererfahrung eines Mannes wurde und wird gnadenlos verdrängt.

Gefühllosigkeit, Egoismus, Suchtverhalten, Bindungsschwäche, Gewaltausbrüche - jeder Psychotherapeut weiß, dass es dafür in aller Regel einfühlbare Gründe gibt: eine mehr oder weniger traumatische Kindheit oder zumindest ein wenig empathisches, liebloses Umfeld in jungen Jahren.

Warum gibt es keinen Aufschrei von uns Männern, dass uns Symptome von Verletzung und Traumatisierung als Charakteristika unseres Geschlechts angedichtet werden? Doch wir schweigen. Weil wir uns nicht unbeliebt machen wollen, womöglich noch der Frauenfeindlichkeit verdächtigt werden? Oder weil wir mit Wegducken schlicht besser durchgekommen sind?

Strukturelle Gewalt gegen Männer

Bei der erlittenen Gewalt, von der wir hier sprechen, handelt es sich nicht unbedingt um persönlich ausgeübte, also personale Gewalt, sondern überwiegend um strukturelle Gewalt, die diffuser, viel weniger greifbar ist. Sie kann nicht einzelnen Tätern zugeordnet werden, ihre Ursachen liegen eher in gesellschaftlichen Gegebenheiten begründet.

Und selbst wenn bestimmte Personen einen Jungen aufgrund seiner Gefühlsäußerungen kränken oder beschämen, so liegen dem meist kollektive Normen und Verhaltensmuster zugrunde. „Strukturelle Gewalt ist die vermeidbare Beeinträchtigung grundlegender menschlicher Bedürfnisse oder, allgemeiner ausgedrückt, des Lebens, die den realen Grad der Bedürfnisbefriedigung unter das herabsetzt, was potentiell möglich ist."

Nach dieser Definition des Friedensforschers Galtung könnten wir vieles von dem, was Männer im Laufe ihrer Sozialisation durchmachen, als geschlechtsspezifische strukturelle Gewalt gegen Männer auffassen.

Männer wurden über Jahrtausende hinweg dazu erzogen, Gefühle und Schmerz zu unterdrücken und körperliche Bedürfnisse zu missachten. In vielen Kulturen wurden Männer dazu gebracht, bereitwillig ihr Leben auf dem Schlachtfeld zu opfern.

Viele Männer sahen sich in ihrer Rolle des Ernährers dazu gezwungen, in Fabriken oder Büros über ihre Grenzen zu gehen, um zu funktionieren, und sind dabei nicht selten emotional und körperlich abgestumpft.

Die langfristigen Folgen sind bekannt, hier die deutlichste: Männer sterben im Durchschnitt rund sechs Jahre früher als Frauen. Dies ist überwiegend nicht biologisch bedingt. In Klöstern schmilzt der Unterschied rapide ab.

Woher kommen die dunklen Seiten männlicher Sexualität?

Wie wirkt sich all das auf die Sexualität von uns Männern aus? Ist die oft beklagte männliche Schwanzfixierung Resultat dessen, dass alle anderen Regionen des männlichen Körpers innerlich verwaist sind, der Penis eine letzte Bastion inneren Lust- und Wohlgefühls?

Stehen die dunklen Seiten männlicher Sexualität - vom mechanischen Rammeln über den Konsum plumper Pornografie bis hin zu Belästigung, Missbrauch und sexueller Gewalt - möglicherweise in einem Zusammenhang mit erlittener - personaler oder struktureller - Gewalt?

Der Zusammenhang ist sicher komplexer als hier angedeutet und es sprengt den Rahmen dieses Buches, ihn hier genauer auszuleuchten. Er verdient aber unsere Beachtung und weitere einfühlsame Erforschung.

Auch ist uns die Brisanz dieser Gedanken bewusst, schließlich werden sie mitunter dazu missbraucht, Gewalttätigkeit von Männern als verständliche Reaktion auf selbst empfangene Gewalt zu rechtfertigen, Gewalterfahrungen von Frauen zu verharmlosen oder beide gegeneinander aufzurechnen.

Auch erlittene Gewalt entbindet nicht von Verantwortung

An der Wurzel männlicher Schattenseiten finden wir gewalttätige Strukturen, die uns neben vielem anderen geprägt haben. Das zu sehen und einzufühlen entbindet uns nicht von unserer Verantwortung. Was immer uns zu dem gemacht hat, der wir heute sind, niemand kann uns abnehmen, das Beste daraus zu machen.

Der Text stammt mit geringen Veränderungen aus dem Buch Lustvoll Mann sein von Saleem Matthias Riek und Rainer Salm

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