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Êzîdxan? Eziden denken über Selbstbestimmung

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Die Eziden haben durch den Völkermord, den die Daesh (IS) verübt hat, eine traurige Bekanntheitsgrad erlangt. Die Welt hat eine Minderheit im Nahen Osten wahrgenommen, die weder Christlich noch Muslimisch ist. Es gibt keine offizielle Zählung der Eziden. Ihre Zahl wird weltweit auf 800.000 bis 1.000.000 geschätzt. Mehr als die Hälfte davon lebt in der Autonomen Region Kurdistan im Nordirak. Die Eziden betrachten sich teilweise als ethnische Kurden, teilweise als eigenständige ethno-religiöse Gruppe. Seit kurzem entsteht eine Bewegung, die sich immer mehr als rein Ezidisch sieht und selbst verwalten möchte. Der Begriff Êzîdxan (Land der Eziden) ist in aller Munde.

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Êzîdxan Flagge
(Photo SM)

Die Eziden sprechen den kurdischen Dialekt Kurmanci, der wird innerhalb der Kurden in Syrien, Türkei und Bahdinan gesprochen. Die Tragödie im August 2014 hat die kleine Minderheit bewegt, sich selbst militärisch zu bewaffnen. Wir haben momentan innerhalb der KRG Streitkräfte Peshmerga reine Eziden Einheiten, innerhalb der Föderation Nordsyrien Rojava Streitkräfte YPG und zu guter Letzt noch eine Êzîdxan Miliz. Die größte ezidische Einheit stellen die Peshmerga dar. Die Ziele der verschiedenen Gruppen überschneiden sich nicht wirklich, aber alle stellen ezidsche Kampfeinheiten dar, die es so historisch davor nicht gab.

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Irakische Gouvernements Karte, seit April 2014 ist die 19 Provinz Halabja aus der Teilung Sulaymaniyah hinzugekommen (Photo Wikipedia)

Der Irak ist föderal aufgestellt und besitzt 19 Gouvernements. Das Kapitel 5 der irakischen Verfassung beschreibt die Pflichten und Rechte der autonomen Regionalregierungen. Entweder kann jede einzelne Provinz, als autonom angesehen werden oder mehrere Provinzen schließen sich zu einer Region zusammen. Dazu reicht eine Zweidrittelmehrheit, der Provinzregierung oder ein Zehntel der Bevölkerung, in den betroffenen Provinzen. Zurzeit gibt es nur die kurdische Autonome Region, die aus 4 Provinzen besteht. Die fünfte Provinz Kirkuk soll nach dem Krieg offiziell eingliedert werden.

"In der irakischen Verfassung ist ein Referendum über umstrittenes Territorium vorgesehen"

Das Gebiet Êzîdxan ist mehrheitlich in der Provinz Ninwa. Die Provinzhauptstadt Mosul wird momentan von IS besetzt. Im Sommer 2014 wurde die Kleinstadt Shingal (Sindschar) von selbsternannten Gotteskriegern überrannt. Der Diskret Shingal wird offiziell von irakischen Hauptstadt Baghdad verwaltet, aber de facto von kurdischen Regionalhauptstadt Arbil. Baghdad hat bei der Rückeroberung im November 2015 zwar keine Rolle gespielt, aber trotzdem möchten sie den Distrikt nicht hergeben, die kurdische Regionalregierung hat darauf ebenfalls Ansprüche. In der irakischen Verfassung ist ein Referendum über umstrittenes Territorium vorgesehen. Die Zweidrittelmehrheit innerhalb der Provinz Ninwa haben Eziden nicht. Êzîdxan braucht natürlich die Stadt Lalish. Lalish ist der heiligste Ort der Ezîden und Zentrum der Schöpfung. Die Stadt selber gehört zum Distrikt Shekhan, der widerum zur Provinz Duhok und damit zu Kurdistan Irak. Die politische Klasse in Baghdad und Arbil versprechen ein Referendum über den Distrikt Shingal. Eine langfristge Verwaltung von Baghdad ohne Lalisih ist für viele Eziden undenkbar. Eine Zusammenlegeung der Distrikte Shingal, Baadre, Shekhan, Bashiqa und Bahzane ergeben Êzîdxan.

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Lalish ist das zentrale Heiligtum der Eziden
(Photo SK)

Immer wieder ist von einer Autonomie Region Êzîdxan innerhalb Kurdistans Iraks in den sozialen Netzwerken zu lesen. Eine Autonomie innerhalb Kurdistan ist nicht nötig, bei der Ernennung Shingals zu einer Provinz hat sie das Recht sich selber zu verwalten mit eigenen Stadtrat. Das sieht die irakische Verfassung vor. Des Weiteren würde sie neben dem eigenen Stadtrat, Abgeordnete im kurdischen Parlament in Arbil stellen. Die Option Kurdistan scheint der Realität am nächsten zu sein. Ein Verbleib im Rest Irak wäre Spiel mit dem Feuer. Die Ressentiments gegenüber Eziden innerhalb der arabischen Community sind sehr stark verbreitet. Vereinzelt hört man Stimmen in Baghdad, die mit der Vertreibung der Eziden Glücklich sind. So würden die Araber in einigen Distrikten die Mehrheit erlangen. Konflikte bei der Rückkehr der Vertriebenen wären vorprogammiert. Auf der anderen Seiten fühlt sich ein Teil der Eziden verraten von der kurdischen Regionalregierung. Realpolitisch kann man genau mit diesem Punkt wuchern. Die Kurden müssen der konfessionellen Minderheit eine Perspektive bieten. Der Wideraufbau der zerstörten Gebiete, entschädigungs Zahlungen für die Opfer Famlien, Aufarbeitung der Shingal Operation vom 3 August mit entsprechenden juristischen konseqenzen.

"Êzîdxan ist Gegenwart und Zukunft "


Die IS befindet sich im Irak im Rückzug, die Befreiung Mosuls ist für dieses Jahr angekündigt, anschließend wird die Shingal bzw. Êzîdxan Frage auf den Tagespunkt kommen. Innerhalb Eziden gewinnt die Idee der Selbstverwaltung immer mehr Anhänger. Trotzdem müssen sie sich in einer Frage einig werden, Baghdad oder Arbil. Die Autonomie Region Kurdistan möchte sich langfristig unabhängig erklären, das heißt die Frage wird zeitnah erklärt werden müssen. In einem Punkt sind sie sich schon einig, wehrlos ohne eigene Kampfeinheiten wollen sie nie wieder sein, der Völkermord hat Spuren innerhalb der ezdischen Gesellschaft hinterlassen. Die Aufarbeitung wird Jahre dauern, aber die gleichen Fehler wie in der Vergangenheit werden sie nicht machen. Êzîdxan ist Gegenwart und Zukunft der kleinen tapferen Minderheit. Sie haben historisch zum ersten Mal Ihr Schicksal selber in der Hand.

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