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Wenn Juden auf Muslime treffen

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BERLIN MOSCHEE
dpa
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„Ein Jude in Neukölln", heißt das Buch. Das klingt wie: ein Schaf unter Wölfen. Armin Langer ist der Jude, um den es geht. Er ist alles andere als ein Schaf, das der Herde blind folgt. Und fĂŒr ihn, den Juden, klingt der Titel wahrscheinlich eher wie eine LiebeserklĂ€rung an seine Wahlheimat und deren Bewohnern, als eine Bedrohung.

Armin Langer ist geboren und aufgewachsen in Ungarn. Mit 16 erfuhr er beilĂ€ufig im GesprĂ€ch mit dem Vater von seinem jĂŒdischen Hintergrund. Seine Eltern waren derart assimiliert, dass die Religion keine Rolle spielte, nicht unĂŒblich unter osteuropĂ€ischen Juden. Seinem Urgroßvater wurde sein Glauben noch zum VerhĂ€ngnis. Er wurde in Auschwitz vergast.

Drei Generationen spĂ€ter prangert der heute 26-jĂ€hrige Armin Langer das VerhĂ€ltnis seiner Glaubensgeschwister zur Shoa, den gegenwĂ€rtigen Antisemitismus oder die uneingeschrĂ€nkte LoyalitĂ€t zum Staate Israel an. Es dĂŒrfe nicht sein, dass die jĂŒdische IdentitĂ€t durch solche negative Faktoren geprĂ€gt werde. Ein zentrales identitĂ€tsstiftendes Merkmal kommt dabei aus Langers Sicht zu kurz: die Lehre des jĂŒdischen Glaubens.

Salam-Shalom vs. No-go-Areas

Um die Inhalte seiner Religion besser zu verstehen, begab sich Langer 2013 von Budapest ĂŒber Jerusalem nach Berlin, um am renommierten Abraham Geiger Kolleg ein Rabbinerstudium zu beginnen. Er versank jedoch nicht in den unendlichen Tiefen der theologischen Schriften, sondern widmete sich aus seinem persönlichen ReligionsverstĂ€ndnis heraus dem gesellschaftlichen Engagement, insbesondere dem Kampf gegen Rassismen - egal, gegen wen sie sich richten.

Noch im selben Jahr grĂŒndete er mit Mitstreitern die Salam-Shalom Initiative, um den interreligiösen Dialog zwischen Juden und Muslimen zu stĂ€rken. Langer leugnet mit keiner Silbe den existierenden Antisemitismus unter Muslimen, ebenso wenig islamophobe Einstellungen unter Juden. Er wehrt sich jedoch dagegen, bestimmte Berliner Bezirke, aufgrund ihres hohen Anteils von Personen mit islamischer Religionszugehörigkeit als „No-go-Areas" fĂŒr Juden zu bezeichnen. Dies behauptete bspw. Daniel Alter, Antisemitismus-Beauftragter der JĂŒdischen Gemeinde Berlin.

Juden gehören zum Mainstream

Laut Langer gehören Juden nach Jahrhunderten der UnterdrĂŒckung lĂ€ngst zum Mainstream Europas, insbesondere in Deutschland. Daraus resultiere vor allem fĂŒr deutsche Juden eine Verantwortung, sich gegen Diskriminierung anderer Minderheiten hierzulande einzusetzen. Das Engagement gegen die Benachteiligung, der in Deutschland lebenden Muslime, stellt fĂŒr Langer eine Herzensangelegenheit dar. Er untermauert sein Engagement mit diversen Studien und Statistiken.

Wer meint, er hĂ€tte es bei der LektĂŒre mit abstrakten Thesen a la Sarrazin zu tun wird bereits nach wenigen Seiten, eines Besseren belehrt. Langer berichtet von GesprĂ€chen und Begegnungen mit Muslimen unterschiedlicher Herkunft, in Moscheen und CafĂ©s der Hauptstadt. Der Charme, mit dem der Autor, die Konversationen beschreibt, ist ehrlich. Er bedient sich arabischer Floskeln und FĂŒllwörter mit der PrĂ€zision eines Schweizer Uhrwerks.

Muslime sind die neuen Juden

Unweigerlich komisch ist der Austausch mit einem tĂŒrkischstĂ€mmigen Muslim namens Ozan, seinerseits Rassismusforscher. Letzterer nennt Langer, Akhi, was auf Arabisch so viel bedeutet wie Bruder. Ungeachtet seiner Sympathie kritisiert er den Meinungsbeitrag des angehenden Rabbiners „Muslime sind die neuen Juden", welcher im September 2014 im Tagesspiegel veröffentlicht wurde. Ozan findet diesen Titel undifferenziert. Aus seiner Sicht sind höchstens 80 Prozent der Inhalte des Artikels zutreffend. Langer fragt scherzhaft nach: „Warum nicht 90?" Letztlich verstĂ€ndigten sich die beiden auf 85 Prozent.

Der humor- und respektvolle Umgang, den Langer an den Tag legt, spricht fĂŒr ihn. Sein Artikel im Tagesspiegel hatte in den Tagen und Wochen nach der Veröffentlichung hohe Wellen geschlagen. Verantwortliche des Geiger-Kollegs legten ihm daraufhin zum wiederholten Male nahe, sich mit kontroversen MeinungsĂ€ußerungen zurĂŒckzuhalten. Dazu zĂ€hlt auch der interreligiöse Dialog zwischen Juden und Muslimen, zu dem der Aktivist unermĂŒdlich aufruft.

Langer gegen das jĂŒdische Establishment

Wenn das Wort alternativlos seine Berechtigung hat, dann fĂŒr Langer, der wohl nicht im Traum daran gedacht hat, sich zurĂŒckzuhalten. Selbst dann nicht, wenn er von seinen Glaubensgeschwistern, als einen sich selbst hassenden Juden bezeichnet wird. Selbstbewusst entgegnet er den Kritikern, dass bedeutende jĂŒdische Intellektuelle wie Hannah Arendt einst selbst mit solchen VorwĂŒrfen konfrontiert wurden.

Langer machte sich im jĂŒdischen Establishment, darunter im Zentralrat der Juden, keine Freunde. Das VerhĂ€ltnis zwischen dem Vorsitzenden Schuster und dem angehenden Rabbiner Langer, gipfelte in RassismusvorwĂŒrfen. Schuster hatte in einem Zeitungsinterview behauptet: „Viele der FlĂŒchtlinge fliehen vor dem Terror des ‚Islamischen Staates' und wollen in Frieden und Freiheit leben, gleichzeitig aber entstammen sie Kulturen, in denen der Hass auf Juden und die Intoleranz ein fester Bestandteil sind." Langer schlug dem Zentralrat der Juden daraufhin eine NamensĂ€nderung vor, und zwar in:

„Zentralrat der rassistischen Juden."

Langers Wortwahl löste bundesweite Empörung aus und machte vor den WĂ€nden des Geiger-Kollegs nicht halt. Er entschuldigte sich zwar fĂŒr die Tonart, blieb jedoch inhaltlich bei seiner Kritik. Antisemitismus mit der Ethnie der FlĂŒchtlinge zu verbinden, ist aus seiner Sicht schlicht rassistisch, vielmehr handele es sich bei Antisemitismus um ein gesamtgesellschaftliches Problem. Kurze Zeit spĂ€ter verlor Langer seinen Studienplatz, mit der BegrĂŒndung, dass er dem Ansehen der gesamten jĂŒdischen Gemeinschaft im Land geschadet habe.

Armin, der KĂ€mpfer

Armin Langer wĂ€re jedoch nicht Armin Langer, wenn er nicht weiter kĂ€mpfen wĂŒrde. Sein Vorname Ármin stammt aus der gleichen Wurzel wie das Wort Armee und bedeutet KĂ€mpfer. Auf einem seiner Schachtfelder wird er sich weiter darum bemĂŒhen, Rabbiner zu werden. Mehrere auslĂ€ndische UniversitĂ€ten haben bereits Interesse am engagierten Neukölner signalisiert. Nach dem Lesen dieses Buches kann man nicht anders, als Langer viel Erfolg bei der Fortsetzung seiner Ausbildung zu wĂŒnschen. Andererseits wĂ€re es ein großer Verlust, wenn er Deutschland verlassen wĂŒrde.

Eins ist jedoch sicher. Er wird kein ĂŒblicher jĂŒdischer Gelehrter. Er will ein alternatives Vorbild sein. Das ist er nicht zuletzt aufgrund seiner HomosexualitĂ€t, aus der er kein Geheimnis macht. Auf seine sexuelle Orientierung sollte er jedoch nicht reduziert werden, ebenso wenig, wie auf seinen Glauben. Armin Langer ist einer jener Menschen, die sich nur schwer in eine Schublade einordnen lassen.

Er scheut keine heiklen Themen und erst recht keine Konflikte. Das Wort Jisrael bedeutet, derjenige, der mit Gott kĂ€mpft und ĂŒberlebt. Judentum bedeutet fĂŒr Armin Langer einen ewigen Kampf. UnabhĂ€ngig davon, wo Langer studieren wird, ist davon auszugehen, dass er sich weiter gegen jede Art von Diskriminierung und fĂŒr ein besseres Miteinander der Religion einsetzen wird. Wer diese Ziele und Ideale teilt, fĂŒr den ist dieses Buch Inspiration und Motivation zugleich, es Armin Langer gleichzutun.

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