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Ihr seid Nazis. Besorgt Euch Eier!

06/08/2015 18:00 CEST | Aktualisiert 06/08/2016 11:12 CEST

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Die Musik der Ärzte ist jetzt scheiße, weil Frontmann Farin Urlaub Rassismus erklärt. Ein Facebook User wünscht sich Til Schweiger nach Auschwitz, nachdem dieser ankündigt ein Flüchtlingsheim aufzubauen. Ein CDU-Politiker erhält Morddrohungen, weil er Flüchtlingen Unterkunft bei sich gewährt und die NPD Trier persifliert sich selbst.

Die vergangenen Wochen haben einmal mehr die nationale asylpolitische Debatte aufgewühlt und tausende Internetnutzer zur rechten Weißglut gebracht oder ihnen zu patriotischem Vaterlandsschmerz verholfen. Letzteres auch als „Fremdschämen" bekannt.

Doch genau wie Anja Reschkes Appell in der Tagesschau es fordert, wird es für alle die, die es noch nicht getan haben, höchste Zeit, sich in die asylpolitische Debatte im Rahmen ihrer Möglichkeiten einzumischen, den Mund aufzumachen und Haltung zu zeigen!

Seit Monaten sind unsere Medien und die Gesprächsthemen vieler Gerontostammtische, sowie insbesondere die demonstrativen Weckrufmärsche aller möglichen Alltagsrassisten wieder durchströmt von einer ganz bestimmten Begrifflichkeit, dem Asylmissbrauch.

Diese Terminologie wird besonders gerne von denjenigen Einwohnern Deutschlands verwendet, die sich über die angeblich schrecklich zunehmende und vorhandene Anzahl an kriminellen Asylanten in Deutschland beschweren, bei jedem selbstverursachten Problem mit ausgestrecktem Finger gen Mekka zeigt, gegen Asylanten protestiert und, wenn/ weil niemand auf sie hört, auch mal das ein oder andere Asylantenheim attackiert.

Wir alle haben jetzt das Bild eines bestimmten Stereotypen vor Augen.

Voilà: Der Wutbürger

Interessanterweise scheint jedoch unser Vorstellungsvermögen uns hierbei einen Streich zu spielen, denn, so behaupten die besagten Wutbürger stetig, sie sind keine Ausländerfeinde, keine Rassisten und erst recht keine Nazis. Sie bezeichnen sich viel mehr als „freiheitsliebende Menschen die ihre Heimat schützen wollen".

Stellt sich die Frage, wovor beschützen?

Ganz einfach, vor dem Asylmissbrauch, oder auch dem Asylbetrug, dem Asylirrsinn, der Asylüberfremdung, der Asylflut, dem Sozialtourismus oder auch der Massenzuwanderung. Die Liste der Synonyme ist schier endlos.

Facebook Pages dieser „freiheitsliebenden Menschen" vergleichen die „Massenzuwanderung" in Deutschland bereits mit dem Wilden Westen und der Ausrottung der Indianer. Doch ironischerweise sehen die „Heimatschützer" sich dabei nicht in der Rolle des revolverfuchtelnden Vorstadtsheriff, der das Land von „Rothäuten" befreit.

Nein, sie sehen sich höchstselbst in der Rolle eben dieser „Rothäute".

„Welch ironische Betrachtungsweise" könnte man denken, doch tun wir den „Freiheitsliebenden" den Gefallen und spinnen ihren Gedankengang einmal zu Ende:

Was würde passieren, wenn die Flüchtlinge und Asylanten unsere Ressourcen in Anspruch nehmen und sich an unserem Wohlfahrtsstaat bis zum bitteren Ende ergötzen? Wenn sie unsere Wohnungen beziehen und unsere Arbeitsplätze belegen?

Was für ein Staat wäre Deutschland dann?

Antwort: Einer, in dem die Deutschen als Ureinwohner unterdrückt werden und letztlich, aufgrund der Überbevölkerung, für sie kein Platz mehr existiert. Der wohl schlimmste Alptraum der meisten Asylgegner. Aber was für ein Volk wären dann die Deutschen?

Richtig, ein „Volk ohne Raum".

Wozu diese Feststellung führt, das sollte historisch betrachtet reichlich klar sein.

Es ist jedoch freilich nicht das erste mal, dass sich „Pseudo-Freiheitsliebende" mal wieder selbst in die Opferrolle zwängen und den „bösen Ausländer" verantwortlich für etwas machen, was ihnen aufgrund ihrer veralteten Weltanschauung nicht in den Kram passt.

„Deutschland den Deutschen" war das Motto dieser veralteten Weltanschauung einer sehr dunklen Epoche. Das Presseorgan der NPD „Deutsche Stimme" titelt inzwischen patriotisch „Europa den Europäern". Fraglich wird sein, mit welchem Begriff man in Zukunft versuchen wird auszudrücken, dass die Erde den „freiheitsliebenden Erdbewohnern" gehört, wenn Mr. Spock & Co vorbeischauen...

Mit Verlaub, ein solcher Schwachsinn hat mit Liberalismus rein gar nichts zu tun.

Mit Ausländerfeindlichkeit und Rassismus jedoch alles.

Doch die besagten Gruppen verstecken sich vor diesen Wörtern, weil sie Angst davor haben, sich offiziell zu einer gesellschaftlichen Randgruppierung zu zählen.

Sie benutzen die Begriffe Asylbetrug, Massenzuwanderung und Überfremdung als Pseudonym für rassistische Motive.

Deshalb:

„Liebe Wutbürger, hört auf, Euch hinter Worthülsen in Deckung zu halten, und die Schuld für Eure Unzufriedenheit den Nichtdeutschen zuzuschreiben.

"Eure Freiheit endet dort, wo die Freiheit der Anderen beginnt"

Wenn Ihr schon nicht den Mut aufbringen könnt, Euch einmal in die katastrophal ausgestatteten Asylunterkünfte zu begeben, wenn Ihr Euch nicht einmal mit den flüchtenden Menschen persönlich über ihre Motive unterhaltet, wenn Ihr nicht ein einziges Mal selbst in ein Krisenland gereist seid und Euch von der Situation vor Ort ein Bild gemacht habt, wenn Ihr zu all dem nicht den Mut hattet, dann zeigt bitte wenigstens öffentlich den Mut dazu, zu Eurer Ausländerfeindlichkeit zu stehen.

Streitet nicht ab, dass Ihr die sozio-kulturelle Globalisierung verachtet, sondern traut Euch, Euch Eures eigenen Verstandes zu bedienen und Euerer Person frei nach ihrem Handeln die ihr zustehende Bezeichnung zu geben, denn, Ihr seid nicht Deutschland.

Ihr seid nicht das Volk.

Ihr seid Nazis.

Besorgt Euch Eier und steht wenigstens dazu!

Diese derzeit stattfindende propagierte Flüchtlingshetze ist und bleibt ein sehr ernstes Thema, das, trotz übergreifender idiotischer Argumentationen der Asylgegner, von der deutschen Politik wesentlich ernster genommen werden muss. Eine Regierung darf in dieser Thematik nicht nur reaktiv agieren, sondern auch sie muss aktiv Haltung zeigen und die Richtung dieser Debatte maßgeblich bestimmen. Pro Asyl.

Gerade in einer Zeit, in der der Ruf „Deutschland den Deutschen" alias „444" wieder häufiger zu vernehmen ist, muss die Administration unserer Bundesrepublik, die Chance wahrnehmen, den Asylanten und Flüchtlingen zu beweisen, dass diverse noch in der Welt vorzufindende Vorurteile gegenüber Deutschland nicht länger der Realität entsprechen.

#daswirdmanjawohlnochsagendürfen


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