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Der Missbrauch ist ein Teil von mir, den keine Therapie aus meinem Leben entfernen kann

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KIND
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Als vor ein paar Monaten eine Gesetzesänderung im Sexualstrafrecht eingeführt wurde, war ich offen gestanden enttäuscht. Natürlich war eine solche Änderung längst überfällig - dass "nein" auch wirklich "nein" heißt, hätte längst Gesetz sein müssen.

Aber wieder wurde etwas Entscheidendes vergessen: Was ist mit den Kindern, die in Deutschland Opfer sexueller Gewalt werden? Wann werden endlich die Gesetze zum Kindesmissbrauch verschärft?

Ich beschloss, meine Wut in etwas Sinnvolles zu verwandeln. Ich wollte etwas tun, das die Aufmerksamkeit der Menschen auf das Thema Kindesmissbrauch lenkt. Ich entschied mich für eine Fahrradtour.

Ganz alleine macht ich mich auf den Weg von Krefeld nach Berlin. Je mehr Kilometer ich zurücklegte, desto größer der Effekt, dachte ich mir. Es darf kein Weg zu weit sein, um Kindern zu helfen. Bevor es losging, bemalte ich mein T-Shirt mit entsprechenden Parolen.

Das Thema liegt mir am Herzen

Es war eine tolle Erfahrung. Manchmal fuhren hupende Autos an mir vorbei und die Fahrer jubelten mir zu. Wenn ich Pause machte, sprachen die Menschen mich oft an und lobten meinen Einsatz. Und schließlich kam ich in Berlin auf dem Fanfest an und Willi Herren, der ein sehr guter Freund von mir ist, zog mein Radel-T-Shirt auf der Bühne für mich an.

willi herre

Das war natürlich nur der Anfang. Als nächstes wollte ich von Krefeld aus nach Monaco fahren - doch dann wurde mein Fahrrad gestohlen. Also fuhr ich mit dem Kinderfahrrad meiner Tochter - nicht bis nach Monaco, aber immerhin bis nach Köln.

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Sabrina Tophofen auf Tour gegen Kindesmissbrauch
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Ihr merkt, wie sehr mir das Thema am Herzen liegt. Ich bin als Kind selbst schwer misshandelt und missbraucht worden und seit meiner eigenen Kindheit hat sich in Deutschland im Grunde nichts geändert. Bei Kindesmissbrauch wird so häufig weggesehen, dass nur wenige Fälle überhaupt bekannt werden. Das liegt auch daran, dass es meist in der eigenen Familie oder im engen Freundeskreis geschieht. So wie in meinem Fall.

Und wenn die Täter dann tatsächlich gefasst werden, werden sie viel zu milde bestraft. Die meisten bekommen Bewährungsstrafen oder nur wenige Jahre Haft. Doch die Kinder bekommen lebenslänglich.

Meine Kindheit begleitet mich jeden Tag

Sie werden für immer damit leben müssen, was ihnen angetan wurde. Glaubt mir, ich spreche aus Erfahrung. Meine Kindheit begleitet mich jeden Tag. Die Dinge, die mir angetan wurden, sind ständig präsent. Der Missbrauch ist ein Teil von mir, den keine Therapie aus meinem Leben entfernen konnte.

Und obwohl ich es geschafft habe, so viele positive Dinge in mein Leben zu ziehen, mich immer wieder aufzurappeln und immer wieder zu motivieren, zieht es mich auch bis heute noch manchmal in den Abgrund.

Vor einem Jahr war ich wieder an einem solchen Punkt. Ich wollte nicht mehr leben. Ich bin in die Garage gegangen, um mich umzubringen. Ich weiß nicht, was mich letztendlich davon abgehalten hat, denn die ganze Zeit ging mir durch den Kopf, dass ich sowieso nichts ausrichten könne.

Dass sich niemand für den Missbrauch interessiert. Dass mir ja doch niemand zuhört. Und dass niemand diese armen Kinder beschützt, die das gleiche durchmachen müssen wie ich.

Aber ich bin wieder aufgestanden. Habe mich ein weiteres Mal aufgerappelt und weitergemacht.

Kinderschänder müssen die Strafe bekommen, die sie verdienen

Ich bin vielleicht nur ein einzelner Mensch in einem großen Land und ich habe keine große Macht. Aber ich werde nicht aufhören. Ich werde immer weiter kämpfen, in der Hoffnung, dass sich irgendwann etwas ändert.

Dass Kinderschänder eines Tages die Strafe bekommen, die sie verdienen. Damit Täter auch endlich begreifen, dass es Konsequenzen hat, wenn sie ein Kind anfassen.

Sobald ich genug Geld gespart habe, um mir ein neues Fahrrad zu kaufen, werde ich meine Tour nach Monaco machen. Und wer weiß, wohin es mich danach verschlägt.

tophofen berlin

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