BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Sabrina Stein Headshot

Hartz-IV-Empfängerin klagt an: "Ich bin es leid, schikaniert zu werden"

Veröffentlicht: Aktualisiert:
ARBEITSLOS
Alexander Hassenstein via Getty Images
Drucken

Ich bin es leid, mich schikanieren zu lassen.

Eigentlich habe ich nur einen Wunsch, den viele Familien in Deutschland haben: Ich will mit meinem neuen Lebensgefährten und meinem dreijährigen Sohn in eine gemeinsame Wohnung ziehen. Doch ich bin Hartz-IV-Empfängerin und er ist Minijobber.

Wir unterliegen beide den strengen Richtlinien des Jobcenters. Und deshalb ist es für mich schwerer als für andere, eine Wohnung zu finden - und das seit Jahren.

Ich bin seit der Geburt meines Sohnes Leistungsempfängerin. Ich war die ersten drei Jahre alleinerziehend. Mir ging es wie hunderttausenden Alleinerziehenden in Deutschland, die sich um ihre Kinder kümmern: Sie rutschen in die Armut, weil es für sie so schwer ist, einen Job zu finden.

Eine passende Wohnung zu finden, ist sehr schwer

Kürzlich habe ich eine Statistik gelesen, dass mehr als 40 Prozent der Alleinerziehenden in Deutschland von Armut gefährdet sind.

Eigentlich bin ich aus dem Erzgebirge in Sachsen. Bevor ich nach Hattingen in Nordrhein-Westfalen gekommen bin, habe ich in der Oberlausitz gewohnt. Vor zwei Jahren wollte ich dorthin zurückziehen. Der Kleine sollte seine Großeltern sehen. Außerdem wollte ich zurück wegen der Unterstützung meiner Eltern.

Schon damals fing der Ärger mit der Wohnungssuche an, der mich bis heute begleitet. Und der mich an der Gerechtigkeit unserer Gesellschaft zweifeln lässt.

Also habe ich in meiner alten Heimat eine Wohnung gesucht. Doch das Jobcenter in Bautzen stellte sich quer. Im Haus meiner Eltern war eine Wohnung frei. Dem Jobcenter war die aber neun Euro zu teuer und neun Quadratmeter zu groß.

Es wurde also nichts mit dem Umzug zu meinen Eltern. Ich lernte meinen aktuellen Freund kennen und wir beschlossen zusammenzuziehen.

Im Video: Wie Jobcenter Hartz-IV-Empfänger im Stich lassen

Vor einigen Tagen dachte ich, wir hätten endlich Erfolg und eine passende Wohnung gefunden.

Doch das Jobcenter hat mir wieder einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Das absurde Problem in diesem Fall: Die Kaltmiete der Wohnung war 60 Euro zu hoch - dabei lag die Gesamtmiete im Rahmen des Jobcenters.

Ich weiß, ich bin kein Einzelfall. Es ist nicht das erste Mal, dass mir das passiert. Ein Bekannter scheiterte einmal, weil die Miete seiner gewünschten Wohnung 20 Cent zu hoch war. Viele Hartz-IV-Empfänger schildern im Internet ähnliche Probleme.

Ich verstehe, dass die Mitarbeiter im Jobcenter nur ihre Arbeit machen. Aber was uns passiert ist, finde ich komplett unverständlich.

Mein Sohn wird dieses Jahr vier Jahre alt. Er geht seit einem Jahr in den Kindergarten, er hat sich in Hattingen eingelebt. Ich möchte, dass er dort bleiben kann. Daher beschränkt sich unsere Wohnungssuche auf Hattingen.

Mehr zum Thema: "Ich kann mir nicht einmal eine neue Hose leisten" - ein alleinerziehender Vater klagt an

Eine passende Wohnung für uns drei zu finden, ist schwer. Der Wohnungsmarkt ist generell schwierig. Eine Wohnung zu finden, die den Auflagen des Jobcenters entspricht, macht die Suche fast unmöglich.

Zwar gibt es ganz viele Zwei-Zimmer-Wohnungen. Aber das möchte ich nicht. Wir möchten uns künftig auch vergrößern können.

Erst habe ich mich noch wahnsinnig gefreut

Wir hatten uns einige Wohnungen angesehen. Am einem Montag habe ich morgens dann einen Anruf von einer Vermieterin bekommen. Sie wollte uns gerne haben.

Ich habe ihr das Formblatt geschickt, das ich vom Jobcenter bekommen habe. Wir müssen preisliche und räumliche Vorgaben erfüllen. Das Blatt habe ich an meine Sachbearbeiterin im Jobcenter weitergeleitet.

Ich habe mich wahnsinnig gefreut. Ich dachte: Das passt alles.

Die Kaltmiete der Wohnung lag bei 460 Euro, die Nebenkosten bei 130 Euro. Insgesamt also eine Miete von 590 Euro. Die Obergrenze des Jobcenters für die Miete liegt bei 661 Euro.

Dann hat mein Lebensgefährte eine Absage vom Jobcenter bekommen, danach ich. Der Grund: Die Miete war zu hoch.

Mehr zum Thema: Ich empfinde unser ganzes System als würdelos

"Das ist reine Schikane"

Die Grenze der Kaltmiete für Hartz-IV-Empfänger liegt bei 400 Euro, die Nebenkosten bei 141 plus Heizungskosten von 120 Euro. Das heißt: Insgesamt ist das Jobcenter bereit 661 Euro zu zahlen. Wenn die Kaltmiete allerdings 60 Euro zu hoch ist, obwohl der Rest passt: Geht nicht.

Da habe ich mich wahnsinnig geärgert.

Ich verstehe das nicht.

Für mich ist das Schikane.

Jetzt stehen wir da und haben mal wieder Pech gehabt.

Aufgezeichnet von Leonhard Landes.

Pointiert und meinungsstark: Der HuffPost-WhatsApp-Newsletter

2016-07-22-1469180154-5042522-trans.png

Lesenswert:

2016-10-24-1477314417-8667323-image_1465815956.jpeg

Oft schauen wir auf gesellschaftliche Entwicklungen nur aus einer abstrakten Perspektive: Experten sprechen über Probleme anhand von Studien. Politiker loben, was gut läuft, anhand von grauen Statistiken - all das hat mit dem Alltag der Menschen, die von diesen Entwicklungen betroffen sind oder sie prägen, oft wenig zu tun.

Diese Menschen kommen jetzt in der Huffington Post zu Wort. Denn wie fühlt sich Armut in einem reichen Land jenseits der Statistiken an? Wie sieht Deutschland aus der Perspektive eines Obdachlosen aus? Vor welchen Problemen steht ein gerade angekommener Flüchtling? Wer hat mit seiner Initiative ein gravierendes Problem gelöst? All das ist Thema in HuffPost-Voices.

Diskutiert mit und schickt uns eure Erlebnisse an Blog@huffingtonpost.de.