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"Radikalisierung" ist kein importiertes Problem, sondern entsteht bei uns in Europa

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FLUECHTLINGSHEIM
dpa
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Die Monate Juli und August ließen für Medien kein Sommerloch als Verschnaufpause zu. Die Folgen der terroristischen Vorfälle der letzten Wochen sind für Geflüchtete, HelferInnen und JournalistInnen unterschiedlich:

Zum ersten kommt es derzeit zu einer plötzlichen Entwertung freiwilliger und professioneller Arbeit im Flüchtlingsbereich, die ein Jahr zuvor noch als einheitsstiftendes Element fast patriotisch gefeiert wurde. Helfende Organisationen werden zur Zielscheibe rechten Hasses und zur hetzerischen Stimmungsmache missbraucht. Ob die Fakten dabei frei erfunden sind, scheint nebensächlich. Der Phantasie sind in Wahlkampfzeiten keine Grenzen gesetzt: So wurde etwa der Caritas Österreich vorgeworfen, für die Kosten des neuesten iPhones für Asylsuchende aufzukommen.

Zweitens war es für Geflüchtete bereits bisher schwierig, sich abseits der Fremddefinition (von Teilen der Linken) als hilfsbedürftige Opfer einerseits und andererseits von rechten Parteien und Boulevardmedien als potentielle Täter (Asylmissbrauch, Missbrauch des Sozialsystems) zu positionieren. Diese Dynamik hat sich verstärkt und macht es für Asylsuchende faktisch unmöglich, sich als selbstbestimmt Handelnde abseits einer tickenden Zeitbombe zu präsentieren.

Abgeschottete Asylquartiere

Die Möglichkeiten für den Austausch mit der Bevölkerung im Aufnahmeland waren durch abgeschottete Asylquartiere schon bisher rar, wobei trotz allem Projekte wie Patenschaften hervorzuheben sind. Angesichts der sich ausbreitenden Angst vor den neu Angekommenen besteht die Gefahr, dass parallele Welten entstehen.

Die dritte Folge betrifft diejenigen, die über diese Vorfälle berichten: Nach Priestermord in Saint-Etienne-du-Rouvray kam es zu einer Selbstreflexion der Medien, etwa in Bezug auf die Veröffentlichung von Namen, Foto und Herkunftsland. Es ist unklug, den Fokus lediglich auf den Moment der Tat und ihre Grausamkeit zu richten, denn klarerweise ist ein Hauptmotiv für solche Attentate posthume Aufmerksamkeit.

Stattdessen sollte die vorangegangene Biographie und Erklärungsversuche ins Zentrum der Berichterstattung rücken. Dies bedeutet jedoch keineswegs, die Gewalttäter in irgendeiner Weise zu Opfern zu machen und zu entschuldigen. Der Wunsch nach Beachtung nach dem Tod hängt eng mit fehlender sozialer Anerkennung durch das eigene Umfeld zu Lebzeiten zusammen.

Radikalisierung ist kein importiertes Problem, sondern entsteht in Europa

Die Mehrzahl kommt aus Familien mit wenig religiösem Wissen. So genannte „Radikalisierung" ist also kein importiertes Problem, sondern entsteht in Europa bzw. wird am ehesten noch über Youtube-Videos von Hasspredigern eingeschleust. In einer auf Erwerbsarbeit und Konsum zentrierten Gesellschaft ist der Beruf vor allem bei jenen, die davon ausgeschlossen sind, wichtigste Quelle sozialer Anerkennung.

Haben Jugendliche, die ihre Identität während der Flucht und des Asylverfahrens (um-)formen, weder eine reale Chance auf Arbeit noch auf Ausbildung, so werden sie andere Sphären der Anerkennung suchen. Und dies kann in einem bestimmten Umfeld durchaus eine dogmatische Religionsausübung sein - wenngleich sie keineswegs mit theologischem Wissen einhergeht.

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Was tun? Zum einen braucht es vermehrte Fortbildungen im Schul- und Sozialbereich, um Veränderungen bei Jugendlichen richtig einzuschätzen. Dies betrifft nicht nur Selbstmordattentate, sondern auch die einzelnen Vorfälle von Vergewaltigungen durch zum Teil minderjährige Flüchtlinge, die Unbehagen bei den betreuenden Einrichtungen erzeugen. Ansonsten besteht ähnlich wie lange Zeit bei Fällen von Verdacht auf sexuellen Missbrauch die Gefahr, dass das Helfersystem zu lange wartet aus Angst, etwas Falsches zu tun.

Zum anderen muss der Austausch zwischen Geflüchteten und Bevölkerung vom ersten Tag an gefördert werden, idealerweise im Rahmen kleiner Unterkünfte statt Massenquartieren. Zudem muss Jugendlichen mit und ohne Migrationserfahrung insbesondere in der Phase der Identitäts(um-)bildung ermöglicht werden, soziale Anerkennung durch Bildung, Beruf und sinnstiftende Tätigkeit zu erfahren.