BLOG

Sex in der Partnerschaft: "Ich bin zu müde, Hase!"

06/04/2017 19:30 CEST | Aktualisiert 06/04/2017 19:31 CEST
PeopleImages via Getty Images

Wir schweben auf Wolke sieben, schmieden Zukunftspläne und scheitern dann doch häufig daran: eine langjährige und glückliche Beziehung zu führen. Dagmar Cassiers ist seit über 20 Jahren Paartherapeutin. Sie stellt die These auf, dass unglückliche Paare oft dasselbe Problem eint: die Unzufriedenheit im Bett.

Haare im Waschbecken oder ständiger Streit um die Kindererziehung: Wie sind Sie zu der These gekommen, dass an Konflikten in der Beziehung die sexuelle Frustration Schuld sei?

Dagmar Cassiers: Mich hat es immer gewundert, wieso sich jedes dritte Ehepaar scheiden lässt. Die meisten Paare heiraten, weil sie ihr ganzes Leben miteinander verbringen wollen. Erst ist alles rosarot, man ist schrecklich verliebt, und dann soll diese große Liebe plötzlich zu Ende sein? Ich habe während meiner Arbeit als Therapeutin festgestellt, dass die Paare, die sich getrennt haben, über unglaublich viele Baustellen berichteten: Bartstoppel im Waschbecken, Kosmetika, die das ganze Badezimmer besetzen, pinkeln im Stehen, die Spülmaschine, die er oder sie nie ausgeräumt hat.

Die Paare trennten sich also aufgrund von vermeintlichen Kleinigkeiten wie einem unterschiedlichen Verständnis von Ordnung?

Dagmar Cassiers: Ja, es waren tatsächlich diese Alltagsbaustellen, weshalb sich die Paare in den Haaren hatten. Das hat mich stutzig gemacht und ich habe mir angewöhnt ganz konkret zu fragen: Wie sieht es sexuell bei Ihnen aus? Als Antwort bekam ich meist ein Augenrollen, einen bedeutungsvollen Blick zwischen den Partner oder sie sagten ganz klar, dass zwischen ihnen im Bett schon lange nichts mehr läuft. Ich habe dann tiefer gebohrt und gefragt, was denn für sie befriedigender Sex sei? Es stellte sich heraus, dass die beiden Partner oft ganz unterschiedliche Vorstellungen davon hatten. Diese Erfahrungen waren die Grundlage für meine These: Glückliche Paare passen sexuell gut zueinander, unglückliche schlecht.

Glückliche Paare kommen wahrscheinlich nicht in Ihre Beratung. Woher wissen Sie, dass diese eine erfüllte Sexualität haben?

Dagmar Cassiers: Es kommen auch Paare wegen anderer Konflikte zu mir - zum Beispiel wegen hoher Stressbelastung am Arbeitsplatz oder Erziehungsfragen. Wenn auch in diesen Zusammenhängen die partnerschaftliche Sexualität zur Sprache kommt, dann höre ich in fast allen Fällen, dass der Sex von Anfang an toll war und es nach vielen Jahren immer noch ist - und zwar für beide gleichermaßen.

Was ist denn guter Sex überhaupt?

Dagmar Cassiers: Es gibt keine Norm. Das ist wie beim Essen: der eine mag Rosenkohl, der andere eben nicht. Deshalb vermeide ich bewusst die Begrifflichkeiten „guter Sex" und „schlechter Sex". Gut ist der Sex, wenn ihn beide als gut empfinden. Dabei spielt es keine Rolle, ob der Sex einmal am Tag oder einmal im Jahr stattfindet. Schwierig wird es nur dann, wenn der eine es fünfmal am Tag möchte, der andere aber nur einmal die Woche.

Im Umkehrschluss heißt das also: Wenn es bei den ersten Dates im Bett nicht ganz perfekt harmoniert, sollte ich mir besser gleich eingestehen, wir passen nicht zusammen?

Dagmar Cassiers: Es wäre optimal, diese Ehrlichkeit seinen eigenen sexuellen Bedürfnissen gegenüber zu haben. Meistens ist es doch so beim ersten Date: Da steht ein Typ, den wir in gutaussehend finden. Vielleicht hat er diese strahlend blauen Augen, die wir uns bei einem Mann schon immer gewünscht haben, und vielleicht können wir uns mit ihm auch gut unterhalten. Wir fühlen uns wie magisch angezogen, denn so haben wir ihn uns schon immer vorgestellt: unseren Traummann. Dann kommt es meist früher oder später zu ersten Zärtlichkeiten. Und dabei ist der erste Kuss schon wahnsinnig aufschlussreich. Ich hatte zum Beispiel ein Paar in der Beratung, in der mir die Frau erzählte, ihr waren seine Küsse von Anfang viel zu feucht. Gesagt hat sie ihm das nie. Irgendwann drehte sie immer öfter den Kopf weg, wenn er sie küssen wollte - und damit begannen die Missverständnisse. Es folgten Vorwürfe auf verschiedenen Ebenen und alles führte dahin, dass sie sich trennten.

Was ich damit sagen will: Im hormonellen Ausnahmezustand des Verliebtseins wird Unpassendes einfach ausgeblendet. Wenn wir dann die rosarote Brille abgelegt haben, stolpern wir immer häufiger über diese Passungenauigkeiten. Dann stecken wir aber oft schon mittendrin in der Beziehung.

Anstatt meinen Traummann gleich abzuweisen, könnte ich doch auch zuerst mit ihm darüber reden ...

Dagmar Cassiers: Ja, natürlich. Hätte sie ihn von Anfang darauf angesprochen und gefragt, ob er vielleicht auch weniger nass küssen könne, dann wäre die Beziehung vielleicht haltbarer gewesen. Hätte er aber gesagt, dass für ihn Küsse gar nicht nass genug sein können, dann wäre von Anfang klar gewesen, dass eine Beziehung zwischen den beiden nicht funktionieren kann. Grundsätzliche unterschiedliche Bedürfnisse sind schwer zu verändern.

Reden die meisten Paare nicht über ihre sexuellen Bedürfnisse und entstehen dadurch erst Probleme im Bett?

Dagmar Cassiers: Ja, denn häufig ist das Sprechen über Sexualität mit Scham behaftet. Häufig fürchte ich auch, den anderen zu verletzen, wenn ich etwas anspreche, das mir im Bett nicht so gut gefällt. Deshalb habe ich in meinem Buch „Sex-Pass" Fragen gestellt, die sich nicht mit einem einfachen „Ja" oder „Nein" beantworten lassen. Stattdessen gibt es Abstufungen wie „ist mir sehr wichtig", „mag ich" oder „mag ich nicht". Mithilfe der 423 Fragen zu verschiedenen sexuellen Bereichen können Paare sich mit ihrer Sexualität auseinandersetzen, müssen aber nicht nach Worten ringen. Das macht es leichter herauszufinden: Was will ich? Was will der andere? Was mögen wir beide sehr gerne? Und auch: Gibt es große Divergenzen, die wir so stehen lassen können, weil wir genügend andere Bereiche haben, die uns beiden gefallen? Oder kann einer von uns auf spezielle Praktiken partout nicht verzichten und eine Trennung von Tisch und Bett wäre das Beste für beide?

Unterschiedliche sexuelle Bedürfnisse bedeuten also nicht gleich das Aus für eine Beziehung. Es kommt auch darauf an, wie viele gemeinsame sexuelle Vorlieben wir haben?

Dagmar Cassiers: Ja, für die Wahrnehmung der Paare ist es wichtig zu sehen, es gibt nicht nur Divergenzen. Wenn ich ständig mit meinem Partner über sexuelle Probleme rede, dann fokussiere ich sie auch: die Probleme. Wenn ich aber sehe, wir haben ganz viele sexuelle Bedürfnisse, in denen wir wunderbar zusammenpassen, dann relativieren sich Probleme und einzelne Unstimmigkeiten werden nicht mehr als so problematisch empfunden.

Gibt es nicht schwerwiegendere Probleme in einer Partnerschaft als Sex? Zum Beispiel, wenn der eine Partner sich ein Kind wünscht, der andere nicht?

Dagmar Cassiers: Ich denke, wenn ein Paar in sich ruht und eine feste Basis hat - nämlich, dass beide sich auch selbst genug sein können -, dann kann es auch ohne Kinder gehen. Wenn es aus gesundheitlichen Gründen beispielsweise nicht klappt, obwohl sich beide ein Kind wünschen, dann wird ein Paar daran nicht zerbrechen, wenn es eine feste Basis hat. Und diese ist nach meiner Erfahrung tatsächlich die Sexualität. Paare sollten sich bei solchen Themen - sei es ein Kind, die Weltreise, der Hausbau - immer die Frage stellen, wie wichtig ist das für unsere Beziehung? Wofür steht eigentlich ein bestimmter Lebensentwurf?

Es ist ja nicht ungewöhnlich, dass die Lust in der Beziehung nach einigen Jahren etwas einschläft, wenn die Schmetterlinge nicht mehr täglich flattern. Was können Paare tun, wenn die Leidenschaft nachlässt?

Dagmar Cassiers: Meine Erfahrungen sind da ganz andere. Bei Paaren, bei denen es sexuell wirklich stimmig ist, habe ich selten erlebt, dass die Lust einschläft. Dieses Einschlafen ist häufig auch ein Alibi-Argument, wenn es vorher schon nicht schon so richtig gepasst hat.

Dieses Interview erschien zuerst auf dem Work:Life Blog des pme Familienservice.

Lesenswert:

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2017-03-08-1488965563-6721107-iStock482232067.jpg

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blog-Team unter blog@huffingtonpost.de.

Sponsored by Trentino