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Wenn du immer zu spät kommst, heißt das nur: Du bist ein Optimist

16/08/2015 18:08 CEST | Aktualisiert 16/08/2016 11:12 CEST
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Es gibt Tage, an denen macht mich mein Freund wütend. So richtig wütend. Ich-will-ihn-an-die-Wand-klatschen-und-dann-mit-Dartpfeilen-bewerfen-wütend.

Vor ein paar Wochen war so ein Tag. Eine gemeinsame Freundin hatte uns zu ihrem Geburtstag eingeladen. Um 19 Uhr sollte die Party losgehen und wir hatten tagsüber am See viel zu viel Zeit vertrödelt.

Als wir uns zu Hause umzogen, hetzte ich atemlos durch die Wohnung, zwängte mich in frische Kleidung, bürstete hastig meine Haare, versuchte mit aufgeregten Fingern, mir die Wimpern zu tuschen und verschmierte dabei alles.

Mein Freund dagegen zog sich in aller Ruhe an, trödelte ewig im Bad. Mir kam es vor, als würde er absichtlich jede seiner Bewegungen in Zeitlupe durchführen. Einmal kam ich ins Schlafzimmer und sah, wie er auf dem Bett saß. Er hatte sich nur ein Hosenbein angezogen, um dann innezuhalten und ins Nichts zu starren. Einfach so.

"Was machst du da", kreischte ich. "Hab' nur über was nachgedacht", sagte er.

Mit mieser Laune saß ich später im Bus. Es war schon kurz vor 21 Uhr und ich hatte Angst, dass unsere Freundin wütend sein könnte. Und dass wir zuviel von der Party verpassten hatten. "Wir sind viel zu spät", sagte ich immer wieder. Und mein Freund antwortete nur: "Das wird ein schöner Abend, du wirst sehen."

Mein Freund kommt fast immer zu spät. Ich habe das lange als Respektlosigkeit und Schwäche gesehen. Es erschien mir auch ein bisschen arrogant. So, als wäre seine eigene Zeit wertvoller als die anderer Menschen.

Heute denke ich anders.

Denn nur wenige Tage nach der Party las ich, dass Menschen, die dauernd zu spät kommen, Optimisten sind. Sie nehmen sich viel zu viele Dinge für einen viel zu kurzen Zeitraum vor und glauben, dass sie alles schaffen werden.

Das kam mir bekannt vor. Auch mein Freund glaubt, dass wir eineinhalb Stunden vor dem Kino noch joggen gehen können. Eineinhalb Stunden, um zu joggen, zu duschen, uns anzuziehen und 20 Minuten mit der Straßenbahn zum Kino zu fahren. Wenn ich ihm entsetzt vorrechne, dass dieser Plan nicht aufgehen kann, sagt er: "Hm, vielleicht hast du Recht. Ist wohl doch ein bisschen knapp."

Seit mir das bewusst wurde, sehe ich die Unpünktlichkeit meines Freundes mit anderen Augen. Er kommt nicht absichtlich zu spät oder weil er nachlässig oder gleichgültig ist. Er meint es wirklich nicht böse.

Er glaubt nur einfach immer, dass alles gut wird. Und darin unterscheidet er sich auf kolossale Weise von mir. Denn umgekehrt bedeutet es: Ich bin eine Pessimistin. Und es stimmt.

Ich rede mir zwar immer ein, dass ich aus Respekt vor anderen pünktlich bin. Aber eigentlich hat es einen anderen Grund: Ich habe Angst, zu spät zu kommen, weil ich mich vor den Konsequenzen fürchte. Davor, jemanden zu verärgern. Davor, etwas zu verpassen. Davor, dass zum Beispiel meine Reitlehrerin mir keinen Unterricht mehr geben will, weil sie keine Lust hat zu warten.

Solche Gedanken hat mein Freund erst gar nicht. Wenn ich ihm davon erzähle, schüttelt er nur den Kopf, streicht mir über die Haare und sagt: "Was du dir immer für schlimme Dinge ausmalst."

Ich weiß jetzt: Statt mich über meinen Freund zu ärgern, sollte ich mir lieber etwas von ihm abschauen. Denn seine Lebenseinstellung ist eindeutig gesünder als meine. Unter Stress schüttet der Körper Adrenalin und Cortisol aus - Hormone, die das Herz schneller schlagen lassen. Für Menschen wie mich ist das ein Dauerlauf, der irgendwann Folgen haben kann.

Optimisten leben laut einer großen Studie von 2013 länger und gesünder. Und die US-Psychologin Barbara Fredrickson konnte in einem anderen Experiment sogar nachweisen, dass positive Gefühle die schädlichen Wirkungen von Stress auf den Körper rückgängig machen können.

Ein entspanntes Verhältnis zur Zeit ist also keine Schwäche, sondern eine Tugend. Doch das ist eine Einsicht, die sich in Deutschland nur schwer durchsetzt. Mehr als 84 Prozent der Deutschen nehmen laut einer Umfrage Termine und Verabredungen sehr ernst und erwarten das auch von anderen. Aber übertreiben wir dabei nicht ein bisschen? Oder ein bisschen sehr?

Im Urlaub lernte ich diesen Sommer einen Weltenbummler kennen. Ein Kroate, der mit dem Rucksack in ferne Länder reist. Er erzählte mir eine wunderschöne Geschichte von seiner letzten Reise nach Sri Lanka:

Ich traf eine Deutsche und nahm sie mit zu einer Kanu-Tour. Auf der Fahrt hielt ich bei jeder Gelegenheit an, weil ich eine Höhle erforschen wollte oder einen Wasserfall entdeckt hatte. Und irgendwann merkte ich, dass es zu dunkel wurde, um zurückzufahren.

Meine deutsche Begleitung wurde wütend und panisch. "Wo sollen wir schlafen? In der Wildnis? Das geht doch nicht! Außerdem haben wir gar nichts zu essen", sagte sie. Ich entgegnete: "Alles wird gut. Wir haben doch eine Flasche Wein dabei!"

Also tranken wir den Wein und unterhielten uns, bis es Morgen wurde. Dann sagte sie zu mir: "Das war die schönste Nacht, die ich je erlebt habe. Wenn ich dir in dieser Situation vertrauen kann, möchte ich das den Rest meines Lebens tun." Und seitdem sind wir ein Paar.

Natürlich möchte ich jetzt nicht alle Arten der Unpünktlichkeit verteidigen. Es gibt Situationen, in denen man einfach nicht zu spät kommen sollte. Zum Beispiel zu einer Hochzeit. Oder zur Geburt des eigenen Kindes. Eigentlich immer dann, wenn man andere Menschen nicht nur nervt, sondern ihre Gefühle verletzt.

Und dass es im Beruf Folgen haben kann, dauernd zu spät zu kommen, muss ich wohl nicht erst erwähnen.

Trotzdem sollten wir in unserer Alles-Perfekt-Gesellschaft manchmal innehalten und uns fragen: Was können wir von den Chronisch-Unpünktlichen lernen? Denn oft ist ihr Umgang mit der Zeit nur eine von vielen Facetten ihrer Persönlichkeit.

Unpünktliche Menschen sind laut Forschern oft auch jene, die ihre Erfolge feiern und sich von ihren Niederlagen nicht entmutigen lassen. Sie probieren neue Dinge aus und erlauben sich selbst zu scheitern. Sie sind zufrieden mit dem, was sie haben, statt ständig nach mehr zu streben.

Und sie führen einfach ein viel entspannteres Leben, weil sie sich unnötige Sorgen sparen. Denn meistens wird wirklich alles gut. Wie bei der Geburtstagsparty, zu der mein Freund und ich zu spät dran waren. Es wurde tatsächlich ein schöner Abend, an dem wir bis in die Nacht zusammen auf der Terrasse saßen. Und ich hatte mich umsonst geärgert.

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