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Was das Geschwafel um politische Korrektheit Deutschland wirklich bringt

Ver├Âffentlicht: Aktualisiert:
POLITISCH KORREKT
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Sehr viele Menschen in Deutschland haben genug. Ich ahnte das schon vorher, aber so richtig bewusst geworden ist es mir erst in den vergangenen Tagen.

W├Ąhrend die meisten Menschen damit besch├Ąftigt waren, G├Ąnsebraten zu essen und Geschenkpapier aufzurei├čen, verbreitete sich die Botschaft einer alten Frau im Netz. Sie rechnet in einem Gastbeitrag in der Huffington Post mit politischer Korrektheit ab.

Es m├╝sse m├Âglich sein, Worte wie Negerkuss, Zigeunerschnitzel und Kr├╝ppel zu benutzen, ohne gleich aufs moralische Schafott gef├╝hrt zu werden, fordert sie. "Wem um Himmels Willen n├╝tzt dieser ganze politische inkorrekte Bl├Âdsinn au├čer notorisch beleidigten Wohlstandsmadames mit zuviel Tagesfreizeit", fragt sie.

Tausende Menschen gaben ihr recht. Endlich mal jemand, der es ausspricht, schrieben sie. Endlich Klartext. Sie wollen sagen k├Ânnen, was sie denken. Und nicht erst ewig nachgr├╝beln, bevor sie etwas sagen.

Nat├╝rlich gab es prompt Emp├Ârung. Eine geh├Ârlose Bloggerin zum Beispiel fand den Text menschenfeindlich, behindertenfeindlich und rassistisch. Sie war "rasend sauer", dass wir so einen Artikel ├╝berhaupt "online haben".

Ich k├Ânnte jetzt darauf hinweisen, dass wir eine Debattenplattform sind, auf der verschiedene und auch gegens├Ątzliche Meinungen Raum haben. Ich k├Ânnte klarstellen, dass die Beitr├Ąge der Gastautoren nicht die Meinung der Redaktion wiedergeben. Und dass es eher ein Fall f├╝r den Beziehungstherapeuten ist als f├╝r den Ethikrat, wenn die Autorin ihren eigenen Mann als "Kr├╝ppel" bezeichnet.

Stattdessen m├Âchte ich etwas anderes tun. Ich m├Âchte sagen, dass ich die Debatte um "Zigeunerschnitzel" und um Neger-Firmenlogos sinnlos und sogar gef├Ąhrlich finde.

Und das sage ich als Journalistin, die immer gegen Fremdenfeindlichkeit angeschrieben hat, die deswegen in rechten Blogs als "Medienhure" beschimpft wird und die das ganze Geseire der "besorgten B├╝rger" zum Kotzen findet.

Ganz ehrlich, wir haben viel gr├Â├čere Probleme als die Tatsache, dass in vielen deutschen Wirtsh├Ąusern ein Fleischgericht auf der Karte steht, das eine veraltete Bezeichnung f├╝r eine verfolgte Minderheit tr├Ągt.

Zuwanderer werden bespuckt und verpr├╝gelt, Asylunterk├╝nfte niedergebrannt und wir emp├Âren uns ├╝ber Schnitzel und Schaumk├╝sse?? Ich glaube nicht, dass jeder Mensch, den diese Sprachklauberei aufregt, auch fremdenfeindlich ist. Ich glaube, dass viele die Diskussion einfach nur nervig finden.

Man darf nicht mehr "Studenten" sagen oder "Radfahrer". Das muss "Studierende" und "Radfahrende" hei├čen, weil es sonst zu m├Ąnnlich klingt. Das ist doch Wahnsinn! Jede Sekunde, in der sich jemand dar├╝ber aufregt, w├Ąre besser investiert gewesen in die Frage, wieso es immer noch Gehaltsunterschiede zwischen M├Ąnnern und Frauen gibt.

Die eigene Freiheit h├Ârt dort auf, wo die Freiheit des anderen anf├Ąngt, hei├čt es. Aber das Bem├╝hen, blo├č niemanden zu kr├Ąnken oder in seinen Rechten zu beschneiden, kann sich schnell ins Gegenteil verkehren.

Das zeigen die USA, die den Freiheitsgedanken regelrecht pervertiert haben. Denn dort darf an vielen Orten ├Âffentlich NIEMAND mehr seine Meinung ├╝ber Religion und Politik sagen. Egal ob die rechts ist oder links oder irgendwo in der Mitte. Man k├Ânnte ja sonst jemandem zu nahe treten.

In einem Uni-Seminar wurde ich von der amerikanischen Dozentin ger├╝gt, weil ich eine Karikatur von George W. Bush als Pavian zeigte. "Ihr in Europa denkt, ihr k├Ânnt euch alles erlauben", sagte sie mir ver├Ąchtlich. "In anderen L├Ąndern t├Âten Menschen wegen solcher Bilder. Karikaturen sind nicht witzig." Ich war entsetzt ├╝ber solche Engstirnigkeit.

Das Schlimmste ist, dass wir die Konflikte durch solche Diskussionen kleinreden. Wenn sich die Unterst├╝tzer einer guten Sache in winzige Details verbei├čen, in Wortendungen oder ungeschickte Formulierungen, liefern sie ihren Gegnern den besten Vorwand, sie nicht ernstzunehmen.

Das ist kein Kampf um Menschenrechte, das ist B├╝rokratie. Und jeder wei├č, dass B├╝rokratie Ver├Ąnderungen aufh├Ąlt, statt sie voranzutreiben.

Statt uns ├╝ber Worte zu emp├Âren, sollten wir uns um das Verhalten k├╝mmern. Am Ende z├Ąhlt nicht, wie jemand etwas sagt, sondern was er tut. Wo werden Menschen ausgegrenzt und angegriffen? Wo werden sie beschimpft und bedroht? Was k├Ânnen wir dagegen tun?

Wenn sich ein Zuwanderer in Deutschland gedem├╝tigt und diskriminiert f├╝hlt, dann sicher nicht, weil irgendjemand im Fernsehen ein Wort benutzt hat, das politisch unkorrekt ist. Mit unseren ├╝bertriebenen Richtlinien bauen wir noch mehr Ber├╝hrungs├Ąngste auf, wo es ohnehin schon zu viele gibt.

Mehr von mir: "Die neuen Asozialen: Wie 'besorgte B├╝rger' Deutschland mit Dummheit und rechtem Hass an den Abgrund bringen". (riva Verlag, 14,99 Euro). Es basiert auf dem gleichnamigen Artikel aus der Huffington Post Deutschland, der mehr als 45.000 Mal auf Facebook geteilt wurde.