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Wie wir nach den Sex-Übergriffen verarscht werden

16/01/2016 16:29 CET | Aktualisiert 16/01/2017 11:12 CET
dpa

Bin ich die einzige, die sich ein bisschen verarscht vorkommt? Ist da draußen noch jemand, dem es auffällt? Hallo?

Heute ist es wieder passiert: Ich wache morgens auf, nehme mein Smartphone in die Hand - und schon sind sie wieder da. Die Meldungen, die man seit den Übergriffen an Silvester stündlich liest: Diebstahl, sexuelle Belästigung, Vergewaltigung.

Diese Verbrechen werden natürlich immer durch Asylbewerber, Nordafrikaner oder zumindest durch Männer mit "südländischem Aussehen" begangen. Es scheint, als könne man sich plötzlich nicht mehr auf die Straße trauen. Schon gar nicht als Frau.

Deutschland scheint über Nacht zu einem gesetzlosen Moloch geworden zu sein. Zu einem Wallfahrtsort der Sex-Täter und Gruppenvergewaltiger.

Sorry, aber ich kann einfach nicht glauben, dass die Zahl solcher Straftaten seit Silvester so explodiert ist. Natürlich werde ich mir jetzt anhören müssen, ich sei "blind", "naiv", ein "Gutmensch", blablabla. Aber damit hat das nichts zu tun. Es kommt mir einfach unlogisch vor. Gegen jede Vernunft.

Selbst wenn ich es wollte, selbst wenn ich mir den Gedanken mit meiner eigenen Faust einhämmern würde: Ich kann einfach nicht glauben, dass Asylbewerber und Zuwanderer in Deutschland an Silvester auf ein geheimes Zeichen hin mobil gemacht haben. Und sich seit dem auf jede Frau stürzen, die ihnen auf der Straße begegnet. (Im Kopf von Eva Hermann klingt das totaaaal schlüssig.)

Wieso sollten sie gerade jetzt damit anfangen, von einem Tag auf den anderen?

Ich glaube auch nicht, dass die Polizei früher alle Verbrechen durch Ausländer geheim gehalten hat. Die Studie eines Kriminalwissenschaftlers hat übrigens ergeben, dass Boulevardmedien immer schon überproportional oft über Straftaten von Zuwanderern berichtet haben.

Um das nochmal klarzustellen: Überproportional heißt, dass sie sehr oft davon berichten, obwohl der Anteil an den gesamten Straftaten klein ist. (Und ja: Wer die Kriminalitätsstatistiken richtig interpretieren kann, weiß, dass er klein ist.)

Wenn es vorher also schon überproportional war, wie ist es dann jetzt erst??

Damit will ich überhaupt nicht sagen, dass die schrecklichen Übergriffe nicht geschehen sind. Die Polizei hat die Öffentlichkeit nach Silvester irreführend informiert. Und offenbar hat es auch in den Monaten zuvor schon Vorfälle gegeben, die die Politik nicht öffentlich gemacht hat.

Das ist ein Skandal, der nun aufgearbeitet werden muss. Aber gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass wir jetzt alle hyperventilieren.

Ich lese zu viele stimmen, die es ja immer schon gewusst haben. Ich zum Beispiel wurde noch nie in meinem Leben von Ausländern belästigt. Dabei arbeite ich neben einem Flüchtlingsheim und bin in einem Ort aufgewachsen, wo sehr viele Migranten leben.

Einen Vorfall gab es neulich doch: Vergangene Woche hat mich ein Mann bei Edeka an der Kasse angestarrt. Er wartete, bis ich bezahlt hatte. Das war mir unheimlich, also trödelte ich, bis er aus dem Laden gegangen war. Als ich nach einer Weile auch ging, stand er neben dem Ausgang und starrte mich immer noch an.

Ich ging im Stechschritt die Straße entlang, bog um die Ecke und versteckte mich dort hinter einer Hecke. Ich wartete, bis er vorbeiging und nirgends mehr zu sehen war. Der Mann hatte einen grauen Schnauzbart und sah deutsch aus. Und was soll ich jetzt aus dieser Erfahrung lernen?

Das ist ein trauriger Einzelfall! Das werden jetzt viele rufen. Ja, genau. Es ist ein Einzelfall. Von dem aus ich nicht auf eine Gruppe von Menschen schließe.

Auch wenn sich die Zahl der gemeldeten Übergriffe gerade häufen, sollten wir das versuchen.

Warum ist eigentlich plötzlich von "Nordafrika-Banden" die Rede? Ist das ein Fachbegriff, den ich verpasst habe? Oder ist es nicht eher eine Wortschöpfung, durch die man bei Lesern seit Köln sofort das gewünschte Bild erzeugt?

Ich glaube, was gerade in Deutschland passiert, ist typisch: Medien und Behörden wollen überkompensieren, was sie an Silvester verpasst haben. Weil sie nach den Übergriffen in Köln (und möglicherweise in den Monaten davor) aus Angst vor Unruhe und angeheizter Fremdenfeindlichkeit Fakten zurückgehalten haben, melden sie jetzt jeden einzelnen Vorfall.

Bitteschön. Aber dann müssen wir auch über jede einzelne Vergewaltigung oder Belästigung durch Deutsche, Amerikaner, Franzosen, Norweger, Schweden und ALLE ANDEREN berichten. Das passiert meiner Meinung zu wenig. Gerade jetzt.

Solche Taten sind genauso verachtenswert.

All das heißt übrigens nicht, dass wir Verbrechen dulden müssen. Aber um sie zu bekämpfen, sind Behörden und Gesetze da. Nicht Bürgerwehren in Düsseldorf.

Ich habe das Gefühl, dass uns in dieser aufgeheizten Stimmung ein wenig der Blick für die Fakten verloren geht. Eigentlich wissen wir bislang viel zu wenig. Vielleicht ist alles noch viel schlimmer, als viele annehmen.

Vielleicht aber auch nicht. Wir wissen es einfach nicht. Wir sprechen gerade viel zu selten über die Dinge die wir nicht wissen.

Bevor ich mir ein Urteil erlaube, möchte ich Zahlen sehen. 2014 gab es laut Polizeilicher Kriminalstatistik 1911 nichtdeutsche Tatverdächtige, die Vergewaltigung und sexuelle Nötigung begangen haben sollen. 1911 zu viel. Für 2015 gibt es diese Zahlen noch nicht. Erst recht nicht für Januar 2016.

Erst wenn wir diese Fakten kennen, wissen wir, ob es wirklich mehr Straftaten durch Zuwanderer gibt. Oder ob sie jetzt nur ungewöhnlich viel Aufmerksamkeit bekommen.

Natürlich sind es nicht deutsche Familienväter, Lohnbuchhalter und Neurochirurgen, die auf der Straße Frauen belästigen. Aber das liegt nicht an ihrer ethnischen Herkunft. Sondern daran, dass sie einer gesellschaftlichen Schicht angehören, die seltener zu Kriminalität neigt. Jedenfalls zu solcher Art der Kriminalität auf offener Straße.

Anders sieht es Zuhause aus: Wir wissen längst, dass Missbrauch innerhalb der Familie überall vorkommt. Jede dritte Frau zwischen 18 und 30 Jahren wurde schon sexuell belästigt. Tatort ist hier aber nicht die Straße, sondern allzu oft die Familie. Nur sprechen mag darüber niemand so recht. Dabei wäre es genau jetzt an der Zeit. So verachtenswert die Übergriffe von Ausländern sind - so ekelerregend ist der nächtliche Besuch des Onkels bei der kleinen Sophie.

Warum muss in Deutschland alles immer so übertrieben werden? Jedes Ereignis, jeder Skandal, jeder Fehltritt eines Prominenten wird wochenlang diskutiert. Nur um dann wieder in den Tiefen des kollektiven Vergessens zu verschwinden.

Warum können wir Probleme nicht sachlich behandeln und nach einer Lösung suchen - statt in Schnappatmung auszubrechen und mit dem Empörungshammer alles klein zu schlagen? Dafür ist das Problem, vor dem wir gerade stehen, einfach zu groß.