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Liebe Eltern: Hört auf, eure Kinder zu verweichlichten Menschen zu erziehen

Veröffentlicht: Aktualisiert:
KIND VERWEICHLICHT
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Gestern sah ich eine Szene mit an, die mich ratlos machte. Zwei Erzieherinnen kehrten mit einer Gruppe von Kindern vom Spielplatz zurück. Die Kleinen waren vielleicht zwischen zwei und drei Jahre alt.

Die Erzieherinnen versuchten, einen riesigen Kinderwagen zur Eingangstür der Krippe zu manövrieren. Ein kleines Mädchen rannte vor und steckte seine Hand in den Türschlitz. Es brach sofort in martialisches Geschrei aus.

Ich wunderte mich, wieso. Denn die Tür war geschlossen. Die Finger konnte sich die Kleine nicht eingeklemmt haben. Hatte sie sich gestoßen? Hatte sie sich aufgeschürft? Hatte sie einen Stromschlag mit 1000 Volt verpasst bekommen?

Sofort waren die Erzieherinnen bei dem Mädchen. Seine Hand sah völlig unversehrt aus, alles war gut. Doch die Frauen schwirrten panisch um das Kind herum.

Sie tasteten es am ganzen Körper ab, wiegten es hin und her, flüsterten tröstende Worte. "Wenn das die Mutter mitbekommt, kriegen wir wieder Ärger", sagte eine der Erzieherinnen. Ihre Stimme klang ängstlich.

Ich dachte an meine Kindheit zurück. Ich hatte eine Kita besucht, die Züge einer kommunistischen Diktatur trug. Als meine Mutter mir eine Milchschnitte mitgegeben hatte, wurde sie sofort konfisziert und in 23 gleiche Teile geschnitten.

Wenn ich nicht Pipi machen wollte, musste ich so lange auf dem Töpfchen ausharren, bis ich es doch tat. Einmal beim Mittagessen zwang mich eine Erzieherin, ein Büschel Petersilie zu essen, obwohl ich das eklig fand. Mit dem Ergebnis, dass sie später fluchend ein anderes Kind saubermachen musste, das ich vollgekotzt hatte.

Die Pädagogik der 80er-Jahre klingt rückblickend sehr grausam. Aber ich habe keine bleibenden Schäden davongetragen. Vielleicht hat es mich sogar stärker gemacht.

Heute fällt mir auf, dass Kinder immer empfindlicher werden. Und das ist eure Schuld, liebe Eltern. Ihr erzieht sie zu verweichlichten Menschen - weil ihr sie vor allem und jedem beschützen wollt.

Als meine Reitlehrerin mir vor kurzem erzählte, dass sie die Polizei holen muss, wenn ein Kind vom Pferd fällt und sich weh tut, war ich sprachlos. Und dann kämen die Fragen: Wie viele Reitstunden hatte das Kind? In wie vielen Reitstunden wurde das Pferd eingesetzt? Warum hat die Stunde auf dem Platz stattgefunden und nicht in der Halle, die sicherer ist?

Ich konnte das kaum glauben. Denn als ich vor 20 Jahren mit dem Reiten anfing, war das undenkbar. Damals stand der Reitlehrer mit Korn-Fahne in der Mitte der Halle, schwang seine Peitsche und brüllte: "Galopp marsch!"

Ich fürchtete nichts mehr als diesen Moment, denn jedes Mal ging eines der Pferde durch - und die anderen folgten ihm. Und doch liebte ich diese Stunde im Sattel inbrünstig.

Die Zähne zusammenbeißen, meine Angst überwinden, sattelfest werden - das waren die Dinge, die ich dort lernte. Und ich bin dankbar dafür. Nach jedem Sturz stieg ich sofort wieder auf. Das war die wichtigste Lektion, die der Reitlehrer uns beibrachte. Für den Reitplatz und für das Leben.

Heute seien die Kinder so ungelenk, dass sie sich bei jedem Sturz verletzten, erzählte mir meine Reitlehrerin. Sie fielen wie die Steine. Ein Mädchen sei so steif, dass es nicht mal alleine auf ein Pony aufsteigen könne.

Eure Kinder zahlen den Preis für eure Angst, liebe Eltern. Ich weiß, ihr meint es nur gut. Ihr wollt die besten Eltern sein. Ihr wollt eure Kinder beschützen, ihr informiert euch, ihr gebt ihnen Essen ohne Zusatzstoffe, Teddys aus organischer Baumwolle, ihr lasst jedes Wehwehchen vom Arzt untersuchen. Wer euer Kind zurechtweist oder sich nicht an eure Regeln hält, der lernt eure Wut kennen.

Wenn man mit Lehrern spricht, erzählen sie, dass immer mehr Eltern ihre Kinder von der Schule abholen. Das erste, was sie dann tun: Ihnen den Schulranzen und das Instrument abnehmen. Früher packten Kinder ihre Sachen selbst zusammen und fuhren mit dem Rad nach Hause. Aber das findet ihr viel zu gefährlich, liebe Eltern.

Ihr hüllt eure Kinder in einen Kokon, der sie beschützen soll - und ihnen die Chance raubt, die Welt kennen zu lernen. Ihr seht überall eine Bedrohung, auch dort wo keine ist.

Früher taten Eltern Dinge, für die sie heute wahrscheinlich Besuch vom Jugendamt bekommen würden. Sie gaben ihren Kindern Apfelsaft (unverdünnt!!), obwohl er viel zu viel Zucker enthält. Sie ließen sie mit Knallfröschen spielen und unbeaufsichtigt Fahrrad fahren. Und dass auch noch ohne Helm, Knie-, Hand-, Ellenbogenschoner und Rippenschützer und Reflektoren.

Ich sage nicht, dass ihr das heute auch tun sollt. Ich sage nur, dass wir es alle irgendwie überlebt haben.

Heute empören sich Eltern über ein Fotoprojekt wie dieses hier, weil ein Fotograf Babys Zitronenscheiben zum Probieren gab. Und ihren Gesichtsausdruck fotografierte. Sofort hieß es: Zitronensäure ist für Babys ungesund. Unverantwortlich sei das.

Euer Beschützerinstinkt nimmt wahnwitzige Ausmaße an. Eine Freundin erzählte mir einmal, dass sie das Baby von Bekannten nicht halten durfte, weil sie davor eine Zigarette geraucht hatte. Natürlich nicht in Gegenwart des Kindes. Aber es hätten Nikotin-Reste an ihren Fingern kleben können.

Kommt euch das nicht auch ein bisschen albern vor, liebe Eltern? Dabei ist es nicht lustig, sondern eigentlich recht traurig. Ich frage mich, was für eine Generation da heranwächst.

Das Schicksal der Welt soll in den Händen von Menschen liegen, die nie erlebt haben, was es heißt, hinzufallen. Was es heißt, sich wieder aufzurappeln und weiterzumachen.

Ihr wollt das Sitzenbleiben abschaffen und am liebsten die Noten dazu. Damit sich eure Kinder nicht mit anderen messen müssen und in ihrer eigenen Geschwindigkeit lernen können.

Doch was werden sie tun, wenn sie in der Wirklichkeit angekommen sind? Das Leben ist manchmal hart und sie werden sich durchsetzen müssen. Die Welt hält nicht an, damit eure Kinder aufholen können.

Einmal sah ich den Dokumentarfilm "Babys", der das erste Lebensjahr von Kindern aus verschiedenen Regionen der Welt zeigte: San Francisco, Namibia, Mongolei, Tokio. Die kleine Hattie aus den USA geht zum Eltern-Kind-Tanzen, blättert in pädagogischen Bilderbüchern und bekommt eine erstklassige medizinische Versorgung.

Ponijao aus Namibia dagegen wächst in ihrem Stamm auf, von Anfang an begleitet sie ihre Mutter bei den Wanderungen. Ihr Spielzeug sind Stöcke, Dreck und Steine. Und während Hattie nach einem Jahr noch auf unsicheren Beinen wankt wie ein winziger, betrunkener Erwachsener, kann Ponijao schon rennen. Und eine Schale auf dem Kopf balancieren.

Vielleicht würde es Kindern helfen, wenn wir sie wieder mehr wie normale Menschen behandeln. Wenn wir uns an unsere eigene Kindheit erinnern und daran, dass all die Gefahren damals gar nicht so bedrohlich wirkten.

Liebe Eltern, euer Kind ist ein Wesen mit erstaunlichen Fähigkeiten. Es lernt unglaublich schnell, es ist angetrieben von großer Neugierde. Und es hat einen Körper, der dazu gemacht ist, hunderte Stürze und Rückschläge zu verkraften.

Habt Vertrauen, dass es alles schaffen kann. Dann wird es auch so sein.

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