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Ihr Lügner! Es herrscht längst Krieg gegen deutsche Frauen

Veröffentlicht: Aktualisiert:
KLN
dpa
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Was in Köln passiert ist, klingt wie der Albtraum vieler Deutscher: Sexuelle Übergriffe in einer Menschenmasse von 1.000 Männern. Männer, die Zeugen zufolge aus dem "arabischen oder nordafrikanischen Raum" stammen.

Was in Köln passiert ist, ist furchtbar. Die Täter müssen konsequent bestraft werden und die Behörden müssen mit allen Mitteln verhindern, dass so etwas wieder passiert.

Und es ist der richtige Zeitpunkt, um auf die Heuchelei hinzuweisen, die gerade die Diskussion beherrscht. Ja, ihr habt richtig gelesen. Heuchelei.

Bei Facebook kommentierte eine Nutzerin:

"Es herrscht in Deutschland bereits Krieg gegen die eigene Bevölkerung - angefangen bei den Frauen!"

Ja, es herrscht in Deutschland Krieg gegen Frauen. Schon lange. Nur anders als die gute Dame es meint.

Denn die Menschen, die jetzt am lautesten brüllen, machen Frauen die 364 restlichen Tage im Jahr das Leben schwer. Es ist geradezu lächerlich, wie sie jetzt im Chor nach Frauenrechten rufen und von "Kulturen mit patriarchalischen Strukturen" faseln. Denn sie schüren seit Jahren einen Frauenhass in Deutschland, der mir schon oft unheimlich war.

Ich musste diese latente Frauenfeindlichkeit in der letzten Zeit immer wieder beobachten. Sie geht von Männern aus und von Frauen. Gleichermaßen. Ja, auch viele Frauen in Deutschland hassen Frauen.

Aber darüber darf man nicht reden. Nicht ohne sofort ein Label aufgedrückt zu bekommen. Und eigentlich will es auch keiner hören.

Unter jedem Artikel über Sexismus oder über Vergewaltigung (durch westliche Männer) sammeln sich dutzende Kommentare wie:

"Also wenn Mädchen mit 14-15 Jahren mit nichts als ner strumpfhose (oder ner sehr dünnen leggins) und nem Oberteil, welches bis zum Po-Beginn reicht, herumlaufen, glaube ich nicht, dass das "normal" sein kann!"

"Mit 15 ist man sich als Mädchen seiner Wirkung auf's andere Geschlecht durchaus bewusst! Also sind sie, die Girlies, so unschuldig nun auch nicht!"

"wenn diese frau vergewaltigt wurde tut sie mir unendlich leid.
doch wo fängt eine vergewaltigung tatsächlich an?"

"Mal eine ernsthafte Frage: Warum lese ich NIE etwas über vergewaltigte Männer?"

Gerade die Anhänger von Pegida und AfD sind die Schlimmsten. Sie schlachten die Vorfälle in Köln jetzt für ihre Propaganda aus. Dabei ist es sonst ihr liebstes Hobby, gesinnungsfremde Journalistinnen und Politikerinnen zu verspotten und zu beschimpfen.

Sie reden dann von "linksgrünen Gutmensch-Schlampen" und von "frigiden Emanzen", die mal wieder richtig "durchgevögelt" werden müssten.

Ich kann schon nicht mehr zählen, wie viele Spinner mir im Netz gewünscht haben, dass ich von Muslimen vergewaltigt werde. Dann würde ich endlich meine Lektion lernen. Einer schrieb mir bei Twitter: "hoffentlich fallen horden von muselmännern über dich her. Dann schreist du nach denen, die das deutsche volk verteidigen wollen."

Wer hofft, dass Frauen vergewaltigt werden, verliert das Recht im Nachhinein empört zu sein. Ich frage: Ist derjenige, der einem anderen Leid wünscht, so viel besser als der, der es ausübt?

Diese Menschen empören sich über das vermeintlich veraltete und verachtende Frauenbild des Islam. Und selbst machen sie es wie der Rechtspopulist Akif Pirinçci ständig zum Thema, wenn ihr Gegenüber eine Frau ist.

Als ob das in irgendeiner Weise erwähnenswert wäre und mit ihrer politischen Meinung zu tun hat. Bei welchem männlichen Journalisten heißt es später: "Der ist ein Mann, war ja klar"?

Diese Menschen bejubeln Eva Herman, die fordert, dass Frauen "öfter den Mund halten sollen". Und können es selbst im 21. Jahrhundert nicht ertragen, wenn eine Frau in der Öffentlichkeit ihre Meinung sagt - vor allem dann nicht, wenn sie ihrer eigenen widerspricht.

Ihr lieben Empörten und Besorgten:

Wenn Medien über das grausame Schicksal von Flüchtlingen berichten, fragt ihr stets: "Und was ist mit deutschen Kindern/Armen/Frauen?" Ja, genau: Was ist eigentlich mit deutschen Frauen?

Nehmen wir eure Forderung einmal wörtlich und schauen uns an, wie es Frauen heute in einem modernen, aufgeschlossenen Deutschland geht. Los geht's:

1. "Feministin" gilt heute regelrecht als Schimpfwort. Wenn eine Frau öffentlich mehr Gleichberechtigung fordert oder sich über Sexismus aufregt, tut sie das eurer Meinung nach nur, weil sie selbst "fett" oder "hässlich" ist und "keinen abkriegt".

2. Wenn junge Frauen in der Pornoindustrie oder als Prostituierte misshandelt und ausgebeutet werden, heißt es bei Facebook nur: "Mir kommen die Tränen! Selbst Schuld." Oder: "Männer haben eben Bedürfnisse" und müssten "Dampf ablassen".

3. Wenn Frauen auf der Straße begafft und dumm angemacht werden, ist das für euch normal und harmlos. Das Thema Sexismus ist inzwischen ein echter Aufmerksamkeitskiller. Die meisten sind eher genervt von der Debatte.

Es ist eben nur spannend, wenn die Belästigung durch "Asylantenhorden" oder Muslime begangen wird.

Ich betone noch einmal (denn dieser Vorwurf wird garantiert kommen): Ich möchte die Verbrechen in Köln NICHT relativieren. Ich möchte sie nicht kleinreden oder verharmlosen.

Hier ist, was ich stattdessen erreichen will: Dass wir auch über die Frauenfeindlichkeit in Deutschland reden, die sonst vergessen und verdrängt wird. Vielleicht sind jetzt endlich wieder mehr Menschen für dieses Problem sensibilisiert.

Frauenrechte beschränken sich nicht nur darauf, dass wir vor sexuellen Übergriffen geschützt werden. Sie fordern auch ein, dass wir wegen unseres Geschlechts nicht verurteilt, verniedlicht oder verspottet werden. Und da hat Deutschland noch einiges nachzuholen.

So, und jetzt könnt ihr mit euren frauenfeindlichen Beschimpfungen loslegen, denn jede einzelne davon ist ein weiteres Argument für meine These.

Sabrina Hoffmann ist Autorin des Buches "Die neuen Asozialen: Wie 'besorgte Bürger' Deutschland mit Dummheit und rechtem Hass an den Abgrund bringen". (riva Verlag, 14,99 Euro). Es basiert auf dem gleichnamigen Artikel aus der Huffington Post Deutschland, der mehr als 45.000 Mal auf Facebook geteilt wurde.

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