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Der Tag, an dem ich die Islamisierung in Deutschland finden wollte - und kläglich scheiterte

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ISLAMISIERUNG
Getty
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Tausende Pegida-Anhänger gehen auf die Straße, weil sie gegen die Islamisierung in Deutschland kämpfen wollen. Sie sind laut. Sie sind entschlossen. Sie sind überzeugt. Da ist nur ein Problem. ES GIBT KEINE VERDAMMTE ISLAMISIERUNG IN DEUTSCHLAND.

Islamisierung - was soll das überhaupt sein? Laut Duden bedeutet es: "zum Islam bekehren, dem Herrschaftsbereich des Islam zuführen." Aha. Das soll also gerade in Deutschland passieren? Wo?

Ich weiß ja nicht, in welchem Deutschland ihr lebt, liebe Pegida-Anhänger. Aber ich lebe in einem Deutschland, in dem ich Schweine-Rippchen essend, Bier trinkend, Minirock tragend und Bibelverse zitierend durch die Fußgängerzone schlendern könnte. Wenn ich das wollte.

Und weil ich die Angst der Pegida-Anhänger nicht verstehen kann, mache ich ein kleines Experiment: Einen Tag lang will ich die Augen offen halten für Zeichen. Zeichen für eine schleichende und fortwährende Islamisierung in Deutschland:

Als ich am Morgen zur Arbeit aufbreche, sieht München aus wie die meisten deutschen Städte an einem Wintermorgen. Schneematsch. Dreckige Autos. Menschen mit Schals und Mützen. Mein Blick fällt auf die bosnische Bar gegenüber. Die meisten Bosnier sind Muslime.

Am Wochenende werden in der Bar abends laut Lieder gespielt, die türkische Einflüsse haben. Nervig? Ja. Aber fühle ich mich dadurch islamisiert? Nö.

Ich steige ins Auto und fahre los. Ich fahre vorbei am Hauptbahnhof, durch ein Viertel mit türkischen Obstläden, türkischen Restaurants, türkischen Internet-Cafés. Aber sehe ich hier die Islamisierung? Nein, ich sehe türkische Obstläden, türkische Restaurants und türkische Internet-Cafés.

Ich schaffe es ins Büro, ohne dass mir jemand eine Burka übergeworfen oder einen Koran in die Hand gedrückt hat. Ich muss also weitersuchen.

Ha! Am Espresso-Automaten werde ich fündig. Kaffee-Genuss hat seinen Ursprung im Osmanischen Reich. Ich erinnere mich noch an die Strophen eines etwas rassistischen Liedes, das wir in der Schule gesungen haben: "Nichts für Kinder ist der Türkentrank, schwächt die Nerven, macht dich blass und krank." Misstrauisch beäuge ich die Packung. Sind es am Ende sogar Arabica-Bohnen?

Naja, wirklich bedrohlich ist auch das nicht. Ich schaue ich mich nach weiteren Warnzeichen um. Nach Terror-Schläfern, die als Kollegen getarnt sind. Die sich mittags in der Besenkammer einschließen, ihren Gebetsteppich ausrollen und "Allahu akbar" rufen. Fehlanzeige.

Eine Kollegin hat türkische Wurzeln. Und vor allem ist sie sehr nett. Nicht der Typ, der Ungläubige bekehrt oder auf dem Rechner Baupläne für Streubomben versteckt. Ich weiß nicht mal, ob sie Muslimin ist.

Nach der Arbeit fahre ich nach Hause. Noch immer habe ich die Islamisierung nicht gefunden. Natürlich ist dieser eine Tag in meinem Leben nur ein winziger Ausschnitt und kaum repräsentativ. Doch ich erinnere mich nicht daran, mich jemals vom Islam bedroht gefühlt zu haben.

Wo werden nachts deutsche Frauen von Salafisten vergewaltigt? Wo werden Christen in diesem Land daran gehindert, ihren Glauben auszuleben? Wann wird euch, liebe Pegida-Anhänger, in eurem privaten Alltag der Islam aufgezwungen? Die Antwort darauf würde ich gern hören.

Auf meinem Heimweg fällt mir doch noch ein Zeichen auf, das mir Angst macht. Es ist eine Gedenktafel. Manchmal stehen Kerzen davor.

An dieser Stelle war früher ein Schlüsseldienst. Er gehörte Theodorus Boulgarides, der 2005 von den NSU-Terroristen ermordet wurde. Weil er Grieche war. Boulgarides und neun andere Menschen fielen dem Fremdenhass des Nationalsozialistischen Untergrunds zum Opfer. Ich frage mich, ob die Anhänger von Pegida noch daran denken, wenn sie auf die Straße gehen. Erinnert ihr euch?

Video: Unterhaltsam und aufschlussreich: Diese Grafiken lassen Pegida ziemlich blöd aussehen


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