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Ich habe eine Art von Liebe entdeckt, die ich nie erwartet hätte

18/02/2016 16:29 CET | Aktualisiert 18/02/2017 11:12 CET
Leren Lu via Getty Images

Ich gebe es zu: Ich war immer eine Romantikerin. Der Schmetterlinge-Feuerwerk-Geigen-im-Himmel-Typ. Das schreit nach Klischee, ich weiß.

Als 12-Jährige verkroch ich mich mit Kitsch-Romanen unter der Bettdecke (ja, die mit den braungebrannten Muskelmännern auf dem Cover, in deren Armen sich gelockte Schönheiten räkeln.)

Ich träumte von ewiger Liebe und Schicksal. Nachts saß ich auf der Fensterbank und seufzte den Mond an. Kurz gesagt: Es war schlimm. Richtig schlimm.

Heute, mit Anfang 30, weiß ich, dass es verschiedene Arten von Liebe gibt. Eine besondere Form ist mir erst jetzt bewusst geworden. Ich fand sie dort, wo ich sie nie vermutet hätte.

Der Auslöser war ein Anruf meiner Mutter. In dem Gespräch fiel ein Satz, der mich rührte. "Papa hat mich zum Valentinstag zu dem Chinesen um die Ecke eingeladen", sagte sie nebenbei. Eigentlich nichts besonders, könnte man meinen. Der Chinese um die Ecke ist wahrlich kein schicker Laden. Sie gingen mittags dort hin und aßen vom Buffet für 7,99 Euro.

Doch es ist besonders.

Nicht nur, weil mein Vater selten romantische Gesten zeigt. Das ist einfach nicht sein Ding. Ich war gerührt, weil es mir gezeigt hat, wie besonders die Beziehung meiner Eltern ist. Seit etwa 32 Jahren sind sie jetzt zusammen. Und gleichzeitig sind sie nicht zusammen.

Vielleicht muss ich das kurz erklären: Als ich acht war, ließen sich meine Eltern scheiden. Sie hatten davor viel gestritten und wir waren alle froh, dass es vorbei war. Gleichzeitig war das der Zeitpunkt, an dem ihre Liebesgeschichte angefangen hat.

Denn obwohl sie geschieden waren, blieben meine Eltern mir zuliebe in engem Kontakt. Mein Vater besuchte uns täglich. Er brachte mich zur Schule, er kochte für uns. Wir waren immer noch eine Familie. Streit gab es nicht mehr.

"Sind deine Eltern noch ein Paar, obwohl sie geschieden sind", fragten mich meine Freunde. Und ich versuchte ihnen zu erklären, was man eigentlich nicht erklären kann. Weil es für diese Art der Beziehung kein Wort gibt.

Meine Eltern führten keine Liebesbeziehung an sich. Ihr Verhältnis ist all die Jahre ein Platonisches geblieben. Aber sie waren in jeder anderen erdenklichen Hinsicht füreinander da.

Dass mein Vater meine Mutter nun zum Valentinstag ausgeführt hat, ist nur eine kleine Geste. Aber sie hat mich an all die Liebesbeweise erinnert, die ich vorher schon erlebt habe.

Mein Vater verbrachte jeden Tag im Krankenhaus, als meine Mutter an der Hüfte operiert wurde.

Meine Mutter kauft meinem Vater eine neue Jacke, wenn sie findet, dass seine alte nicht mehr zu gebrauchen sei. Und wenn einer den anderen einmal länger telefonisch nicht erreicht, sehe ich die Sorge in ihren Gesichtern.

Meine Eltern haben sich aus Liebe für diese Art der Beziehung entschieden. Aus Liebe zu mir, weil sie wollten, dass ich mit beiden Elternteilen aufwachse. Und aus Respekt und Zuneigung füreinander. Und am Ende ist das nichts anderes als Liebe.

Beide suchten sich nie einen neuen Partner. Vielleicht, weil sie einander genug sind.

Als Kind beneidete ich manchmal meine Freunde, deren Eltern noch verheiratet waren. Doch während diese Beziehungen mittlerweile in die Brüche gegangen sind, teilen meine Eltern ihr Leben noch immer. Und das, obwohl ich längst aus dem Haus bin.

Ich sage nicht, dass sie zum Vorbild für alle Beziehungen werden sollen. Und ihre stille Vereinbarung ist sicher nichts für jeden. Vielleicht nicht einmal für viele.

Ich bewundere die Beziehung meiner Eltern, weil sie eben keiner Konvention entspricht, keinem gesellschaftlichen Maßstab. Sie haben für sich einfach das aufgebaut, was für sie richtig war.

In einer Zeit, in der jede zweite Ehe scheitert, zeigen sie mir, dass es ein Danach gibt. Es muss nicht das Ende sein, wenn der Traum vom ewigen Glück zerbricht. Meine Eltern zeigen mir, dass nach einer Trennung von der Liebe etwas übrig bleiben kann, das für immer hält.

Unterstützung, Beistand, Verlässlichkeit und Zusammenhalt - auch das ist Liebe. Wahrscheinlich noch eher als die Fantasien, die mich als Teenager wachgehalten haben. Als Lehre nehme ich für mich daraus mit, dass sich das Leben nicht planen lässt. (Wahnsinnig überraschende Einsicht, ich weiß).

Was ich damit aber meine, ist: Vielleicht finden einige Menschen nie die Art von Beziehung, die sie sich immer gewünscht haben. Vielleicht merken sie das erst, wenn sie später auf ihr Leben zurückblicken.

Doch mittlerweile macht mir diese Vorstellung nicht mehr so große Angst. Denn es gibt andere Arten der Liebe, die das auffangen können. Dank ihnen sind wir am Ende doch nicht allein.

Wenn ich meine Eltern auf ihre besondere Beziehung anspreche, ist ihre Antwort meist nicht sehr romantisch. "Es hat sich eben so ergeben." Aber ich glaube, sie wissen eines genau: Wenn sie zurückschauen, werden sie feststellen, dass ihre Liebe letztlich die Größte und Dauerhafteste in ihrem Leben war.

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