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Jahrzehntelang betrogen: Von diesem Verrat spricht niemand

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VERRAT REGIERUNG
Getty
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Hey, Sie da. Ja, genau Sie! Sie sind doch einer von denen, die in Deutschland das Sagen haben. Einer von den Mächtigen. Einer von den gewählten Volksvertretern.

Vermutlich haben Sie sich das alles nicht so vorgestellt. Das Politikerleben. Statt Blumen und Küsschen für Babys und Beifallsstürmen gibt es jetzt Beschimpfungen. Wahrscheinlich zählen Sie gerade zu den unbeliebtesten Menschen dieses Landes. Egal, zu welcher Partei Sie gehören.

Es war immer so einfach, die braven Deutschen zu regieren. Keine Aufstände, kein Ärger. Egal, was Sie beschlossen haben - die Menschen sind weiter jeden Tag zur Arbeit gegangen, haben Steuer gezahlt und konsumiert. Und gewählt.

Und dann? BUMM. Plötzlich stellen sich einige dieser Menschen mit Schlagringen und Pfefferspray im Stadtpark hin.

Plötzlich werden Sie auf Veranstaltungen ausgebuht und angebrüllt.

Plötzlich glauben viele dieser Menschen nichts mehr von dem, was Sie sagen und nehmen die Dinge selbst in die Hand.

Ja, verdammt! Sind denn die Deutschen unregierbar geworden?

Man könnte den Eindruck gewinnen, dass die Bürger und die Politiker nicht mehr die gleiche Sprache sprechen. Das Vertrauen ist weg. Und Sie wundern sich, warum? Die Flüchtlingskrise ist eine historische Herausforderung, ja.

Aber was gerade in Deutschland passiert, ist nur ein Symptom für eine Infektion, die sich schon lange durch die Republik frisst. Sie, die gewählten Volksvertreter, haben schon vor langer Zeit Verrat begangen.

Die Bürger haben Ihnen ihre Stimme gegeben. Weil Sie versprochen haben, dass Sie lenken, regieren und Dinge in die Hand nehmen können. Das ist eine große Verantwortung.

Und was machen Sie damit? Sie benehmen sich wie ein trotziges Kind. Sie geben anderen die Schuld, wenn etwas schief läuft. Meistens denen, die in der Rangordnung unter Ihnen stehen. Mal waren es die Politiker vor Ihnen, mal die Wirtschaft, mal die Umstände. Es waren jedenfalls immer die anderen.

Ja, den Fingerzeig beherrschen Sie.

Sie streiten mit politischen Gegnern. Doch um die Sache geht es dabei allzu oft überhaupt nicht. Sondern um Gurkentruppen und Wildsäue. Und darum, wer die Lacher auf seiner Seite hat.

Sie geben Milliarden für die Bankenrettung aus, aber alleinerziehenden Müttern können Sie nicht helfen. Die haben schließlich keine Lobby.

Sie basteln hinter verschlossenen Türen an TTIP. Und vergessen dabei, die Menschen zu informieren, deren Leben sich durch diese Megaprojekt ändern wird. Egal wie man zu dem Vorhaben steht: Die Menschen haben es verdient, informiert zu werden.

Sie prügeln das achtjährige Gymnasium durch - egal, was Schüler, Eltern und Lehrer denken. Mit den Leuten reden? Nein, das würde Ihnen nie einfallen. In Hamburg hat das zu einem jahrelangen Chaos an den Schulen geführt, das man nicht so schnell wiedergutmachen kann. Dennoch reden Sie auf der nächsten Sonntagsrede wieder davon, wie wichtig die beste Bildung ist.

Einen Fehler zuzugeben, das fällt Ihnen schwer.

Und so wird Politik zu einem Treffen grauer Gestalten, die viele Wörter brauchen, um nichts zu sagen. Wussten Sie, dass die überwältigende Mehrheit der Deutschen keine einzige Bundestagsdebatte verfolgt?

Wozu auch? Klare Worte hört man von Ihnen fast nie. Stattdessen Phrasen aus dem Parteiprogramm. Der immergleiche Quark, vorgetragen von rednerisch wenig begabten Anzugträgern, die ... zzZZZZZzzzz ... Was? Oh, Verzeihung, ich bin kurz weggenickt.

Die Entscheidungen werden sowieso nicht mehr hier gemacht, sondern in internationalen Verbänden und Organisationen, den Eindruck haben jedenfalls viele. Welthandelsorganisation, Internationaler Währungsfonds, der Klimagipfel, G7-Treffen. Was die so machen und wozu die da sind? Weiß keiner so genau.

Ist ihnen zu blöd? Kann ich verstehen. Aber vielleicht fangen Sie ja einmal an, das alles zu erklären.

Nein, Sie müssen sich nicht wundern, warum ihre Argumente bei vielen Bürgern abprallen. In Deutschland regiert jetzt die Wut - und nicht Sie. Das ist gefährlich.

Zu lange haben Sie es vermieden, mit den Menschen zu reden. Nun wollen die Ihnen nicht mehr zuhören.

Deutschland braucht jetzt Politiker, die einfach sagen, wie es ist. Die einmal alle Fehler, Versäumnisse und Niederlagen benennen. Auch wenn es für das ganze Land schmerzhaft ist. Wenn Sie ehrlich sind, wissen Sie schon, dass diese Veränderung sehr bald kommen wird.

Und nein, liebe Populisten, damit sind keine selbsternannten Klartext-Redner gemeint, die Stimmung schüren, um selbst davon zu profitieren, egal ob von rechts oder links.

Wir brauchen Politiker, die Probleme sehen - und tatsächlich angehen. Jenseits von Ideologie und Parteipolitik.

Die Zahl der armen Kinder nimmt ständig zu. Das deutsche Bildungssystem ist das reinste Chaos. Und die deutsche Wirtschaft läuft zwar prächtig. Doch man braucht nicht viel Fantasie um zu wissen, dass wir für viele Herausforderungen der Zukunft kaum gerüstet sind. Völlig zu Recht fragen sich viele Menschen, ob ihr Job im Zuge der Digitalisierung verschwinden wird. Dass Deutschland hier schlecht aufgestellt ist, spielt in der Debatte viel zu selten eine Rolle.

Vielleicht ist es am Ende ganz einfach: Vielleicht müssen wir endlich anfangen, Fehler zuzugeben. Vielleicht müssen wir uns viel öfter die Frage stellen, wie Deutschland in Zukunft aussehen soll. Und vielleicht müssen wir endlich anfangen, die Dinge zu verändern, die wirklich über unsere Zukunft entscheiden.