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Cybermobbing: An die Frau, die mir wünscht, dass ich vergewaltigt werde

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VERGEWALTIGT
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Ich kenne Sie zwar nicht. Und wahrscheinlich werden wir uns auch nie begegnen. Das macht nichts. Ich möchte Ihnen trotzdem einen Vorschlag machen: Wie wäre es, wenn wir versuchen, ab jetzt anders miteinander umzugehen? Verständnisvoller, höflicher, freundlicher. Nicht nur Sie und ich, wir alle.

Ich kann mich nicht erinnern, wann die Stimmung in Deutschland zuletzt so aufgeheizt war wie jetzt. Die Menschen beschimpfen und beleidigen einander. Überall sind Wut und Hass. Ja, solche Gefühle gab es schon immer. Aber ich finde, dass sie heute eine neue Dimension erreicht haben.

Zum Beispiel an dem Tag, an dem Sie mir geschrieben haben. Ich hatte in einem Artikel um mehr Toleranz für Ausländer geworben und das hat Ihnen offenbar nicht gefallen. Sie haben sich über meine Ignoranz aufgeregt. Darüber dass ich die Augen vor der Wahrheit verschließen würde.

Dann kam dieser Satz: "Ich wünsche Ihnen, dass Sie nachts von einem dieser Ausländer vergewaltigt werden. Dann lernen Sie Ihre Lektion schon".

Das Verrückte: Sie waren nicht die Erste, die diesen frommen Wunsch geäußert hat. Und Sie werden mit Sicherheit nicht die Letzte sein. Ich frage mich, warum. Warum wünschen Menschen einer fremden Frau solches Leid?

Ich glaube, dass es an der Art liegt, wie wir heute miteinander reden. Wir kommentieren bei Facebook, wir schreiben in Foren, wir twittern. Das Internet hat uns grenzenlose Möglichkeiten der Kommunikation eröffnet.

Wir können mit Menschen sprechen, die wir noch nie gesehen haben. Menschen, die sich gerade in einer anderen Stadt befinden. Oder auf einem anderen Kontinent. Jeder kann sich einmischen. Jeder kann seine Meinung sagen. Jeder hat die Chance, gehört zu werden.

Diese neue Freiheit der Kommunikation ist wundervoll. Aber sie hat auch ihren Preis, einen sehr hohen sogar. Ich sehe ihn jeden Tag, weil Social Media mein Job sind. Und ich muss gestehen: Was ich dort sehe, wird mir manchmal zuviel.

Ich bin überwältigt von der Feindseligkeit, mit der sich fremde Menschen in Facebook-Kommentaren beschimpfen. Geschockt von den bösen Bemerkungen über Ausländer, Frauen, Homosexuelle. Sprachlos darüber, dass ein Jugendlicher das Foto eines behinderten Kindes mit "hässlich" kommentiert.

Dumm, Scheiße, Müll, Mist, Idiot, Schlampe, Schwuchtel, Wichser: Das sind Worte, die ich dauernd lese. Und wenn es nicht diese vulgäre Art der Beleidigung ist, dann sind es subtilere Angriffe. Mit dem Ziel, den anderen zu erniedrigen und bloßzustellen.

Über jede Kleinigkeit tun Menschen im Netz ihren Unmut kund. "Wen interessiert's", schreiben sie unter Themen und "Zeitverschwendung". Ohne zu merken, dass sie sich mit diesen Kommentaren selbst widersprechen.

Diese Menschen sind keine Einzelfälle. Keine Psychopathen, die ihre kranken Triebe online ausleben. Es sind Menschen, die morgens beim Bäcker freundlich grüßen. Die der alten Dame die Tür aufhalten. Und wenn sie dann abends vor dem Rechner sitzen, sagen sie einem Fremden: "Du bist so dumm, dass sich deine Mutter für dich schämt."

Manchmal schreiben mir Nutzer, dass sie bei vielen Themen gern mitdiskutieren würden. Sie tun es nicht, weil sie die vielen, herabwürdigenden Kommentare und die Streitereien nicht ertragen. Das finde ich sehr schade.

Das Internet ist ein Ort, an dem andere Gesetze herrschen. Deshalb gibt es mittlerweile sogar Experten für digitale Ethik, die sich mit Phänomenen wie Cybermobbing und Shitstorms beschäftigen. Sie glauben, dass die Anonymität des Internets schuld ist. Weil die Menschen sich in Sicherheit wähnen vor rechtlichen Konsequenzen.

Doch in Zeiten von Facebook sind Nutzer längst nicht mehr anonym. Sie veröffentlichen ihre Kommentare unter ihrem vollständigen Namen. Mit einem Profil, das den Wohnort, die Schule, den Arbeitsplatz verrät. Auch über Sie könnte ich diese Informationen mit einem Klick bekommen.

Nein, ich glaube, dass die digitale Wut der Menschen aus einem anderen Grund ausgeartet ist. Ich glaube, es liegt daran, dass sie einander online nicht in die Augen schauen müssen. Dass sie nicht die Stimme des anderen hören.

Sie reden mit einer Maschine, nicht mit einem Menschen. Sie müssen keine Konsequenzen fürchten, wenn sie jemanden beleidigen. Sie können ihr kleines, wohl geschnürtes Päckchen Hass abladen und sich davonstehlen. Das Fenster schließen, offline gehen.

Ich wollte wissen, wie Sie reagieren, wenn ich Ihnen auf Ihre Nachricht antworte. "Wie können Sie jemandem so etwas wünschen? Dann sind Sie doch auch nicht besser als die Ausländer, denen sie solche Taten vorwerfen", schrieb ich. Sie entgegneten, dass ich es falsch verstanden hätte. Dass ich Ihren Punkt nicht gar nicht verstehen wolle. Es sei eine Metapher gewesen.

Unabhängig davon, wie glaubhaft das ist, hat mir die Unterhaltung mit Ihnen eines gezeigt: Viele Menschen merken nicht, was sie da eigentlich schreiben. Sie erwarten gar keine Antwort. Und wenn sie dann doch eine bekommen, rudern sie zurück. Ich glaube nicht, dass Sie mir ins Gesicht gesagt hätten, was Sie abends vor ihrem Rechner in die Tastatur getippt haben.

Menschen sind nämlich von Natur aus nett zueinander. Das müssen sie sein, denn wenn früher jemand aus dem Stamm vertrieben wurde, war das sein Todesurteil. Respekt, Höflichkeit, Rücksicht: All das sind Eigenschaften, die wir der Evolution zu verdanken haben. Durch die Technik haben sie an Bedeutung verloren.

Deshalb frage ich Sie, liebe Unbekannte: Wollen wir diese Werte nicht zurückholen? Wollen wir das Internet nicht zu einem Ort machen, an dem Menschlichkeit ihren Platz hat? Nicht nur Sie und ich. Wir alle. Das wäre schön. Und wichtig. Gerade in Zeiten wie heute, in denen es genug schlechte Nachrichten gibt.

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