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Arbeitsbedingungen bei Lidl: Ein Brief an die unhöfliche Lidl-Kassiererin

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LIDL
Getty
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Liebe Lidl-Kassiererin,

ich schreibe diesen Brief, weil ich gestern bei Ihnen eingekauft habe. Nicht nur gestern, schon öfter. Die Situation ist immer die gleiche: Ich warte in der Schlange vor Ihrer Kasse. Die Unlust steht Ihnen schon ins Gesicht geschrieben, während Sie einen Artikel nach dem anderen über den Scanner jagen. Auf mein "Hallo" nuscheln Sie nur missmutig.

Sie schauen mir kein einziges Mal in die Augen. Stattdessen drehen Sie sich zu Ihrer Kollegin um und diskutieren mit ihr, wer gleich ins Lager gehen muss. Sie lassen mich warten, es kommt mir vor wie eine kleine Ewigkeit. Als ein Mann seine Einkäufe auf Ihrem Band ablegen will, brüllen Sie: "Bei mir bitte nicht mehr".

Sie seufzen, als ich in meinem Geldbeutel nach Kleingeld krame. "Danke für ihren Einkauf, bis zum nächsten Mal", sagen Sie, aber es klingt nicht ehrlich.

Ich könnte genervt sein von Ihrem schlechten Service. Ich könnte Ihnen Unhöflichkeit vorwerfen und Faulheit. Ich könnte sagen, dass Sie sich einen anderen Job suchen sollten, wenn Sie nicht gern mit Menschen zu tun haben. Ich könnte sagen: Mit einem zahlenden Kunden geht man nicht so um.

Wissen Sie was? Das werde ich nicht tun. Stattdessen frage ich mich: Was, wenn ich an Ihrer Stelle wäre? Ich weiß nichts über Sie. Aber ich bin mir sicher, dass Sie als kleines Mädchen nicht davon geträumt haben, bei Lidl an der Kasse zu sitzen.

Vielleicht haben Sie ein Kind zu Hause, das Sie versorgen müssen. Vielleicht sparen Sie schon lange, damit Sie ihm zum Geburtstag ein Fahrrad kaufen können.

Vielleicht haben Sie die lachenden, jungen Menschen auf den Bewerber-Plakaten gesehen und gedacht: Hey, das ist meine Chance. Und vielleicht haben Sie bald gemerkt, dass Sie sich das alles ganz anders vorgestellt hatten.

Sie bekommen mindestens elf Euro die Stunde. Das ist der Mindestlohn, den sich Lidl freiwillig verordnet hat. Das klingt fair. Ein Friseur zum Beispiel bekommt nur 8,50 Euro Mindestlohn.

Und doch kann ich mir vorstellen, dass die Billig-Waren beim Discounter ihren Preis haben. Irgendjemand muss ihn bezahlen. Wenn nicht der Kunde, dann wahrscheinlich Sie.

Vielleicht wirken Sie so teilnahmslos, weil Sie müde sind. Es heißt, Sie haben einen harten Job. "Putzkraft, Kassierkraft, Lagerkraft, Logistikkraft, Backkraft, Regalauffüllkraft - alles in Einem für 11,00 Euro", kommentierte ein Nutzer auf der Facebook-Seite von Lidl, als sich das Unternehmen für den neuen Mindestlohn feierte.

Vielleicht schauen Sie mir nicht in die Augen, weil Sie das Vertrauen in andere Menschen verloren haben. Es gibt Ex-Mitarbeiter, die berichten von traurigen Zuständen in einigen Filialen. Davon, dass die Mitarbeiter ständig Angst um ihren Job haben müssten. Dass Vorgesetzte behaupteten, sie würden stehlen. Nur, um sie dann entlassen zu können.

Vielleicht haben Sie den Mann hinter mir weggeschickt, weil Sie Angst haben, Ihre Arbeit nicht zu schaffen. Anonym erzählten Mitarbeiter den Reportern des ARD-Markenchecks, dass ihre Aufgaben an einem Tag nicht zu bewältigen seien. Sie stempelten nach Feierabend ab, um dann noch unbezahlte Überstunden zu machen.

Vielleicht drehen Sie sich zu Ihrer Kollegin um und diskutieren über das Lager, weil alles nach Vorschrift laufen muss. Denn wenn in einer Filiale etwas schief gehe, so berichten Ex-Mitarbeiter, dann gebe es großen Ärger. Weil jede Niederlassung ambitionierte Ziele erreichen müsse, damit die Bilanz stimme.

Es könnte viele Gründe haben, warum Sie sich so verhalten, wie Sie es tun. Ich werde Sie nicht dafür verurteilen.

Weil ich nach spätestens einer Stunde alles hinter mit lasse: Die drängelnden Menschen in den Gängen, den aufgeplatzten Joghurt-Becher auf dem Boden, die Schlange an der Kasse. Sie nicht, denn sie sind Ihr Alltag. Und ich wette, das kostet Kraft. Die wünsche ich Ihnen.

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