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An die Kundin, die sich an der Supermarktkasse verarschen lässt

05/11/2015 15:32 CET | Aktualisiert 05/11/2016 10:12 CET

Ich habe Sie schon öfter in der Schlange vor der Kasse gesehen. Und konnte kaum glauben, wie Sie sich behandeln ließen. Ständig schoben sich andere Kunden an Ihnen vorbei. Sie ließen sich anrempeln und zurückdrängen. Sie sagten nichts und lächelten nur.

Eines Tages wollte ich nicht länger zusehen und sagte laut: "Die Dame war vor Ihnen dran". Die junge Frau, die sich vorgedrängelt hatte, schimpfte zurück.

Und Sie? Sie lächelten mich milde an und sagten: "Was bringt es uns, sich wegen solcher Kleinigkeiten aufzuregen? Das tut uns selbst nicht gut. Und vielleicht war ihr gar nicht bewusst, dass ich länger warte als sie."

Ich wusste nicht, was ich darauf antworten sollte und schwieg. Doch auf dem Weg nach Hause konnte ich nicht aufhören, über diese drei Sätze nachzudenken. Sie sind so einfach. Sie sind so selbstverständlich. Sie sind so wahr.

Es gibt wohl kaum Menschen, denen wir mit soviel Misstrauen begegnen wie Fremden. Allein das Wort: "Fremde". Das klingt nach Gefahr, nach Du-bist-anders-als-ich. Wenn wir das Gefühl haben, dass sich ein unbekannter Mensch falsch verhält, gehen wir meistens davon aus, dass er es absichtlich tut. Mit Vorsatz. Und dann lassen wir ihm keine Zeit, sein Verhalten zu erklären oder zu rechtfertigen.

Ihr Verhalten sollte eine Lektion für uns alle sein. Wir stoßen auf der Straße zusammen und schimpfen los. Denn es ist grundsätzlich immer der andere Schuld. Jemand nimmt uns die Vorfahrt und wir sehen es als Respektlosigkeit oder Dummheit. Hinter dem Steuer fluchen wir, obwohl uns der andere nicht hört. Wir fluchen, poltern und gestikulieren wie Rumpelstilzchen im Pantomime-Seminar.

Dank Ihnen, liebe Unbekannte, dachte ich an Situationen, in denen ich fremde Menschen angemeckert hatte. Nur, weil ich mich ungerecht behandelt gefühlt hatte oder weil ich sauer war.

Ich dachte an den Tag vor ein paar Jahren, als ich auf dem Reitplatz auf dem Pferd saß. Es erschreckte sich, weil Kindergebrüll von einer nahegelegenen Böschung kam. Als ich hinunterschaute, sah ich, woher es stammte. Zwei Erzieherinnen waren mit den Kindern unterwegs. Sie forderten sie auf, irgendwelche Botschaften in den Wald zu brüllen. Es schien ein Spiel zu sein.

Ich schrie: "Was soll das? Hier ist ein Reitplatz. Sie machen die Pferde scheu!" Eine der Erzieherinnen entschuldigte sich kleinlaut und die Gruppe zog weiter. Später fühlte ich mich schlecht. Denn die Erzieherinnen wussten wahrscheinlich nicht, dass sie gerade an einem Reitplatz vorbeigingen. Aber ich hatte ihnen keine Chance gelassen, ihr Verhalten zu erklären. Ich hatte meine Wut bei ihnen abgelassen, als kleines, gut verschnürtes Päckchen und dann war ich davongerauscht.

Ich merkte, dass auch ich oft von Fremden beschimpft worden war, obwohl es unnötig war. Und es hat sich nicht schön angefühlt.

Vor kurzem zum Beispiel fuhr ich auf einen Supermarkt-Parkplatz. Ein anderes Auto kam mir entgegen. Ich dachte, der Fahrer war Richtung Ausfahrt unterwegs, also fuhr ich schnell in die nächste Parklücke, um ihm Platz zu machen. Der Fahrer hupte empört. Da wurde mir klar, dass er wahrscheinlich gerade in die Parklücke hineinfahren wollte und ich hatte sie ihm weggeschnappt.

Ich wollte wieder wegfahren, doch das ging nicht. Der Fahrer stellte sich mit seinem Auto genau hinter meins und wartete. Wahrscheinlich darauf, dass ich aussteige und er mir die Meinung sagen kann. Also wartete ich auch. Und wartete. Und wartete. Er war wirklich hartnäckig.

Nach einer Weile fuhr er in eine andere Parklücke, die übrigens die ganze Zeit freigewesen war. Dann stürmte er an mein Fenster. Und klatschte. Ja, er klatschte höhnisch, um seinem Ärger Ausdruck zu verleihen. Dann drehte er um und verschwand im Laden.

Dieser Mann hatte fünf Minuten seines Tages - ach was, seines Lebens - verschwendet, damit er mir die Meinung sagen kann. Weil ihn meine vermeintliche Unverschämtheit so wütend machte. Ich konnte ihm nicht einmal erklären, dass es keine Absicht war. Wann denn auch?

Statt auf mich zu warten, hätte er fünf Minuten früher in den Laden gehen können. Er wäre danach vielleicht fünf Minuten früher zuhause gewesen. Fünf Minuten, die er mit seiner Frau oder Freunden verbringen könnte. Fünf Minuten, in denen er mit seinen Kindern spielen könnte, denen die Kindersitze in seinem Kombi gehören.

Ich frage mich, wie viel Zeit wir alle durch solche Situationen verlieren. Wie viel Energie und Freude. Wie vielen anderen Menschen wir durch unser Meckern schon den Tag verdorben haben. Wie oft wir einen Menschen verurteilt haben, ohne ihn und seine Absichten zu kennen.

Ich habe mir vorgenommen, in Zukunft entspannter zu sein und abzuwarten. Nicht gleich loszufluchen, wenn sich jemand vordrängelt. Nicht gleich böse Blicke zu verteilen, wenn ein Fahrgast im Bus zu laut telefoniert. Das möchte ich nicht nur für die anderen machen, sondern auch für mich. Denn das erspart mir negative Gefühle.

Und es funktioniert. Gestern hatte jemand sein Auto in der Zufahrt zu unserer Garage abgestellt. Statt gleich zu hupen, setzte ich den Blinker und wartete. Die Beifahrerin bemerkte mich, wechselte auf den Fahrersitz und fuhr das Auto weg. Einfach so. Ohne schimpfen, ohne meckern. Weil ich ihr einen Moment lang Zeit gelassen hatte, zu handeln. Ich war nicht automatisch davon ausgegangen, dass es ihr egal ist und dass sie mich warten lassen will. Ich nahm an, dass sie das Problem erkennen und lösen würde. Und das hat sie.

Diese Begegnung hätte auch ganz anders aussehen können. Ich hätte sie anhupen können, sie hätte vielleicht geschimpft. Und wir beide wären mit einem schlechten Gefühl in den Abend gestartet. Doch so war es viel besser. Viel angenehmer.

Ich fuhr mein Auto zufrieden in die Garage und war ein kleines Bisschen stolz auf mich. Und dafür danke ich Ihnen, liebe Frau von der Supermarktkasse. Machen Sie weiter so.


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