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An die jammernden Deutschen, die im Sommer noch Teddys an Flüchtlinge verteilt haben

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Liebe jammernde Deutsche,

na, wisst ihr noch? Vor zwei Monaten standet ihr mit "Refugees Welcome"-Schildern an den Bahnhöfen. Ihr habt Teddybären verteilt und Babykleidung. Ihr habt den Zügen und Bussen zugejubelt, die immer mehr Flüchtlinge nach Deutschland brachten.

Ihr habt euch damit verdammt gut gefühlt. So moralisch überlegen und wohltätig. Bei Facebook habt ihr Hilfsaktionen für Flüchtlinge geteilt und Kommentare über Toleranz geschrieben. Es war ein großes, buntes Fest der Vielfalt. Deutschland, einig Helferland.

Und was ist heute? Wo steckt ihr? Ihr seid ganz schön still geworden. Die einen von euch haben sich verkrochen und schweigen. Die anderen haben ihre Meinung geändert. Sie wollen jetzt am liebsten keine Flüchtlinge mehr ins Land lassen.

Nur noch ganz wenige setzen sich noch für die Asylbewerber ein. Und sie sind in einem plötzlich sehr feindseligen Deutschland ziemlich allein.

Schämt ihr euch nicht dafür, dass ihr jetzt kneift? Ausgerechnet dann, wenn es ernst wird?

Ihr habt in eurem Freudentaumel nicht an die Folgen gedacht. Nicht daran, was passiert, wenn die angekündigten 800.000 Flüchtlinge erst einmal angekommen sind. Inzwischen reden Experten schon von bis zu 1,5 Millionen Flüchtlingen, die dieses Jahr noch in Deutschland Schutz suchen sollen. Und ihr zittert.

68 Prozent der Deutschen haben mittlerweile laut einer Umfrage Angst vor den vielen Flüchtlingen. Innerhalb von zwei Wochen habt ihr eure Meinung geändert und steht jetzt plötzlich auf der anderen Seite der Debatte.

Eben noch beklatschen Leser die "Wir helfen"-Aktion der "Bild". Jetzt stimmten 86 Prozent von ihnen bei einer Umfrage der gleichen Zeitung dafür, keine Flüchtlinge mehr ins Land zu lassen. Das finde ich ekelhaft.

Das Stimmvieh hat die Richtung gewechselt, weil die Luft zu rau wurde. Es hat sich treiben lassen von den Medien, die sich nun auf Seiten der Flüchtlingsgegner positioniert haben. Denn dort gibt es gerade mehr Aufmerksamkeit.

Ich war so stolz auf unser Land. Im Sommer berichteten Medien aus aller Welt, was für ein großzügiges und offenes Volk die Deutschen sind. Die Deutschen, die sich gelöst haben vom Erbe der Nazis. Ich hätte damals nicht mit soviel Unterstützung für die Flüchtlinge gerechnet. Ich war gerührt.

Doch jetzt weiß ich, dass eure Hilfsbereitschaft nur bis an den Gartenzaun reicht. Dann ist Schluss. Neben dem Haus von Bekannten zum Beispiel sollten Flüchtlinge einziehen, weil ein Gebäude leer stand.

Solche Nachbarn wollten sie nicht. Also suchten sie einen anderen Mieter, sie fanden irgendeine Firma. Sie halfen sogar zwei Tage lang dabei, das Haus auszuräumen. Nur damit keine Flüchtlinge neben ihnen einziehen.

Was dort passierte, passiert gerade überall in Deutschland. Überall dort, wo die Gemeinden verzweifelt versuchen, die Flüchtlinge unterzubringen. Nächstenliebe stößt an ihre Grenzen und zwar dann, wenn der Nächste zu nah kommt.

Es ist ein bisschen wie mit der grünen Energie. Fast jeder findet sie gut. Fast jeder will den Planeten retten und unsere Zukunft. Doch sobald ein Windrad in der eigenen Ortschaft aufgestellt werden soll, formieren sich die Bürgerwehren.

Im Sommer wart ihr noch bereit, zu helfen. Da habt ihr noch von Menschlichkeit gefaselt. Ihr hattet Mitleid mit hungernden Kindern, mit Menschen, die den Bomben entkommen sind und fast im Mittelmeer ertrunken wären. Jetzt verriegelt ihr eure Türen, aus Angst, sie könnten euch etwas wegnehmen von eurem Wohlstand.

Eigentlich ist es kein Wunder, dass euer Engagement so oberflächlich war. Nur 34 Prozent der jungen Menschen interessieren sich laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung für Politik. Tendenz fallend. Eine Bundestagsdebatte haben in den vergangenen Monaten sogar nur 27 Prozent der Deutschen verfolgt.

Und das kommt nicht etwa davon, dass ihr enttäuscht oder frustriert seid. Mehrere Studien lassen darauf schließen, dass Politik euch einfach scheißegal ist. Weil ihr am liebsten an euch selbst denkt.

Vielleicht ist es euch auch einfach zu langweilig geworden, von der Willkommenskultur zu lesen. Ihr wollt Abwechslung, schließlich findet ihr die Nachrichten so schon öde genug. Nur jeder vierte Erwachsene informiert sich zum Beispiel laut einer Studie der TU Dresden aktiv über das Geschehen in Deutschland und der Welt. Das ist erbärmlich wenig.

Ihr habt keinen Weitblick. Ihr schaut nur auf euch. Dabei verlangt ja niemand, dass ihr Verantwortung übernehmt. Ihr müsst nicht aktiv werden. Es würde reichen, wenn ihr die Anwesenheit der Flüchtlinge dulden würdet. Aber nicht einmal dazu seid ihr fähig.

Warum? Wem von euch hat ein Asylbewerber etwas angetan? Ich meine damit, wem von euch persönlich. Ich meine damit nicht, dass ihr irgendwelche Geschichten nacherzählen sollt, die ihr irgendwo gelesen habt. Wer kann aus eigener Erfahrung von einem schlimmen Vorfall berichten?

Ich kann nur für mich selbst sprechen und ich arbeite seit April 2015 neben einer Asylunterkunft. Etwa 200 Meter von unserer Redaktion entfernt sind Flüchtlinge untergebracht. Und die ersten Wochen habe ich das nicht einmal gemerkt.

Ja, es sind in letzter Zeit immer mehr geworden. Überall in unserer Straße sieht man jetzt Menschen mit dunkler Hautfarbe, Menschen, die in einer fremden Sprache telefonieren. Aber das stört mich nicht. Noch nie hat mich jemand belästigt. Nicht tagsüber und nicht am späten Abend, wenn ich alleine zum Auto gehe.

Manchmal stehen die Bewohner vor dem Haus und reden, manchmal machen sie Musik an. Aber auch das stört mich nicht, weil ich andere Dinge im Leben zu tun habe, als mich über "Lärmbelästigung" aufzuregen. Vergangene Woche habe ich auf dem Heimweg sogar afrikanische Trommeln gehört. Besorgte Bürger hätten wahrscheinlich die Polizei gerufen, weil sie ihre christliche Identität bedroht gesehen hätten.

Liebe jammernde Deutsche, warum habt ihr keine eigene Meinung? Ihr streckt lieber den Finger in den Wind, um zu testen, woher er kommt. Das ist feige. Von wem sollen die Zuwanderer und Flüchtlinge lernen, was unsere Werte sind, wenn ihr euch selbst nicht daran festhalten könnt?

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200 Menschen aus Deutschland, darunter Politiker, Schauspieler, Musiker, Studenten und andere Menschen haben in der Huffington Post ein wichtiges Zeichen gesetzt: Sie haben den Flüchtlingen in Deutschland zugerufen: "Willkommen, gut, dass ihr hier seid, weil..."

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