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An die deutschen Heuchler-Medien: Wie berechnend kann man sein?

08/10/2015 19:11 CEST | Aktualisiert 08/10/2016 11:12 CEST
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Ich war gerade zwei Wochen im Urlaub. Jetzt bin ich zurück und ich fühle mich, als wäre ich auf einem fremden Planeten gelandet. Oder gleich in einer anderen Dimension. Was geht denn bitte hier ab?

Bis vor kurzem gab es in Deutschland noch eine Flüchtlingsdebatte. Eine sehr aufgeheizte zwar. Aber es wurde immer noch diskutiert. Auf der einen Seite standen die Unterstützer, die Toleranz forderten. Auf der anderen Seite die "besorgten Bürger", die ihre Hetzparolen verbreiteten.

Inzwischen haben sich die fleißigen Flüchtlingshelfer in ihre warmen Stuben verkrochen. Kaum jemand jubelt noch "Refugees Welcome". Und die Stimmung in der Bevölkerung ist innerhalb kürzester Zeit gekippt: Jeder zweite Deutsche hat Angst vor den vielen Flüchtlingen, die ins Land kommen.

Das ergab der ARD-Deutschlandtrend von Infratest Dimap im Auftrag der ARD-"Tagesthemen". Anfang September fürchteten sich nur 38 Prozent vor der wachsenden Zahl von Asylbewerbern.

Es ist ein Trend, der mir mehr Angst macht als alle eingebildeten oder realen Flüchtlingsfluten, die Deutschland jemals erreichen könnten.

Dass die Bürger sich jetzt offenbar von ihren Vorurteilen und Ängsten leiten lassen, ist schon schlimm genug. Aber dass sich sogar die seriösen Medien an der Panikmache beteiligen? Das ist unverantwortlich. Es ist widerlich.

Plötzlich lese ich bei der "Welt" oder "Faz" Schlagzeilen, die sonst nur von rechtspopulistischen Blogs wie "Netzplanet" oder "Politically Incorrect" verbreitet werden. Haben denn jetzt alle den Verstand gegen die Angst ausgetauscht?

"Altbau mit Stuck für die Flüchtlinge" titelt zum Beispiel die Onlineseite der "Faz". Dass die Wohnungen leerstehen, weil Investoren die Preise hochtreiben wollen, rückt dabei bequemerweise in den Hintergrund. "Bad Kreuznach: Flüchtlinge verlangen männlichen Makler" lautet eine Zeile der "Welt".

Die "Bild" schreibt: "Rentner raus, Flüchtlinge rein: Alten- und Pflegeheim in Bahrenfeld wird Asylunterkunft." Das Logo ihrer großspurigen Hilfsaktion versteckt sich jetzt ganz unten auf der Webseite.

Natürlich sind die geschilderten Vorfälle wirklich passiert und prinzipiell sollte man auch darüber berichten dürfen. Aber doch nicht, in dem sich die Journalisten Einzelfälle herausgreifen, zuspitzen und einfach unreflektiert stehen lassen.

Das ist das Letzte! Es wird nicht mehr lange dauern, bis rechtsextreme Spinner glauben, nun die gesamte Gesellschaft hinter sich zu haben und zur Tat schreiten. "Zum Wohle der deutschen Bevölkerung", können sie dann sagen.

Was ist bloß passiert? Erleben wir gerade eine Sarrazinisierung des Abendlandes? Es ist nicht lange her, da sind die etablierten Medien auf den bunten Willkommenszug aufgesprungen. Sie haben sich rangehängt an die jungen und alternativen Medienangebote, die sich schon seit Jahren für Zuwanderer und Flüchtlinge einsetzen. Das wirkte ja so sympathisch. Und vernünftig. Und edel.

Jetzt haben die Meinungsmacher die Seiten gewechselt und schüren nun in beinahe rechtspopulistischer Manier die Ängste eines ohnehin schon aufgeheizten Mobs. Heute so, morgen so - wo bitte ist euer Ehrgefühl? Schämt ihr euch nicht für diesen ekelhaften Opportunismus?

Die Willkommensgeschichten sind wohl auserzählt. Alles abgegrast. Nichts mehr zu holen. Die Leser haben genug gesehen und wollen jetzt etwas Neues. Dafür sind die Flüchtlingshasser ganz ausgehungert, weil sie monatelang von den Massenmedien vernachlässigt wurden. Nicht einmal mehr das Lieblingsblatt der Stammtisch-Nörgler, die "Bild" wollte noch über Ausländerkriminalität und Sozialschmarotzer berichten.

Jetzt bekommen die "besorgten Bürger" endlich die Zuwendung, nach der sie sich so gesehnt haben. Gierig saugen sie jede Nachricht auf, die Stimmung gegen Asylbewerber macht. Und die Medien liefern fleißig. So wird die Moral einfach ausgetauscht wie eine dreckige Unterhose.

Muss erst wieder etwas Tragisches passieren, bevor es wieder angesagt ist, für Flüchtlinge zu sein?

Ich frage mich: Haben die Zeitungsmacher ihren Kurs so radikal gewechselt, weil sich die Stimmung in der Bevölkerung geändert hat? Oder hat sich die Stimmung in der Bevölkerung geändert, weil die Medien ihren Kurs gewechselt haben?

Egal wie rum - das wird auf jeden Fall böse ausgehen. Ich halte normalerweise wenig von Medienschelte - schließlich bin ich selbst Journalistin. Aber heute schäme ich mich zum ersten Mal für meinen Berufsstand. Und jetzt haben die "besorgten Bürger" erst recht einen Grund, uns "Lügenpresse" zu nennen. Glaubwürdigkeit sieht anders aus. Echte Werte auch.