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Warum jammern im Alltag nichts bringt - Vom Opfer zum Commander

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© tumsasedgars @ Shutterstock.com

„Ich brauche ein Tool, das meine Produktivität steigert, weil ich so viele Mails und Anrufe erhalte. Außerdem habe ich jeden Tag so viele Meetings." Diesen und ähnliche Kommentare höre ich beim Coaching und während meiner Seminare regelmäßig. Noch nie habe ich gehört: „Ich lasse so viele Mails zu und nehme jeden Anruf auf dem Smartphone an. Und außerdem schaue ich immer auf mein Display, wenn eine WhatsApp oder Messenger Benachrichtigung kommt, ganz gleich ob ich beim Essen oder in einem Gespräch bin. Daher suche ich einen Weg, wie ich fokussierter und stressfreier arbeiten und leben kann."

„Ein voller Terminkalender ist noch lange kein erfülltes Leben." Kurt Tucholsky

Selbstmanagement ist nicht die Suche nach dem perfekten Tool. Selbstmanagement kommt von „Selbst" und „Management" und bedeutet für mich, kontinuierlich an meiner Weiterentwicklung zu arbeiten. Es ist die Kunst, persönliche und berufliche Herausforderungen aktiv zu gestalten und selbst die Verantwortung dafür zu übernehmen. Diese Verantwortung an andere Personen oder Systeme zu übertragen, bedeutet für mich, freiwillig von der Kommandobrücke meines Lebens ins Beiboot zu wechseln - von wo ich jedoch weder Kontrolle erlangen werde, noch ausreichende Perspektiven bilde, nach denen ich mich langfristig ausrichten kann.

Kontrolle und Perspektive werden zur Selbstmanagement-Matrix

Kontrolle und Perspektive sind die beiden Faktoren, die den Menschen in unseren Seminaren und Coachings wichtig sind. Beide Elemente bilden das Fundament für einen wasserklaren Geist, wie David Allen in seinem Buch „Wie ich die Dinge geregelt kriege" schreibt. Kontrolle definieren wir bei GTD als Fähigkeit, jederzeit zu wissen, was gerade in diesem Moment zu erledigen ist. Perspektive bedeutet für uns die Fähigkeit, zu wissen, warum Sie etwas tun, also welchen Sinn und Zweck Sie verfolgen.

Kontrolle und Perspektive sind die Faktoren, die den Menschen wichtig sind.

David Allen verbindet diese beiden Faktoren in einer Selbstmanagement-Matrix und erklärt damit das mentale Modell von GTD. Ich schätze diese Matrix, weil ich mich damit ständig optimiere. Sie hilft mir festzustellen, ob ich noch auf der Kommandobrücke stehe oder im Beiboot sitze, das bei rauer See bereits voller Wasser gelaufen ist. Die vier Quadranten der Matrix beschreiben hart aber fair die Zustände, die mit hoher und niedriger Kontrolle bzw. Perspektive einhergehen.

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Warum jammern im Alltag nichts bringt. Vom Opfer zum Commander

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Natürlich sehen sich alle Menschen am liebsten im „Kapitän und Kommandant"-Quadranten. Das ist der Zustand, in dem wir das Gefühl vollständiger Kontrolle haben. Alles, was ein Kapitän und Kommandant tut - und das gilt natürlich auch für Kapitäninnen und Kommandantinnen -, macht genau in dem Moment Sinn. Dabei ist er oder sie entspannt, fokussiert und inspiriert und verfügt über ein hohes Maß an Agilität.

„Leben ist das, was passiert, während du gerade damit beschäftigt bist, andere Pläne zu machen." John Lennon

Aber Hand aufs Herz: Wie oft sind Sie wirklich schon dort? Wer stattdessen ständig getrieben ist vom letzten und lautesten, das ihm über den Weg läuft, nur kurzfristig reagiert und sich von anderen gestresst fühlt, den bezeichnen wir bei GTD als „Opfer" oder „Reagierenden". Das sind Menschen, denen es zwar gelingt, punktuell für Lösungen und Entlastung zu sorgen, die jedoch keine dauerhafte Kontrolle und Perspektive erlangen, weil sie stets damit beschäftigt sind, selbstgeschaffene „Notfälle" zu lösen.

Wer will schon auf Dauer Opfer sein?

Das Leben steckt voller Überraschungen und ist vor allem in der heutigen Zeit hochdynamisch. Daher gehört jeder Quadrant zu unserem Leben - das geht mir nicht anders. So wie jedes Schnellboot mal vom Kurs abkommen kann, verlassen wir gelegentlich den Zustand absoluter Kontrolle und Perspektive. Wichtig ist, dass wir dann, wenn wir in einen der anderen Quadranten fallen, Maßnahmen ergreifen, um dort wieder herauszukommen. Denn wer will schon auf Dauer Verrücktmacher, Mikromanager oder gar Opfer sein?

„Decide outcomes and next actions when they show up - instead of when they blow up." David Allen

Früher habe ich mich geärgert über die Menschen und Mails, die mich daran gehindert haben, meine Aufgaben rechtzeitig zu erledigen. Heute weiß ich, dass ich Anrufe und Störungen zugelassen habe. Dass ich Mailbenachrichtigungen eingeschaltet und jede neue Mail sofort (wenn auch halbherzig) gelesen habe anstatt mich auf meine aktuelle Aufgabe zu konzentrieren. Meine Push-Funktion im Mailprogramm ist heute auf allen Geräten ausgeschaltet. Das gilt auch für die Benachrichtigungsfunktionen von Facebook, WhatsApp und SMS. Eine Umstellung, die mir in der Tat gar nicht so schwer fiel.

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Das konsequente und zeitnahe Abarbeiten meiner Aufgaben gibt mir mehr Raum für strategische Gedanken und Zeit für Dinge, die ich am liebsten tue - zu schauen, ob der von mir definierte Lebenszweck erfüllt ist und ich auf dem richtigen Kurs bin, meine Visionen und Ziele zu erreichen. Und wenn ich mich dann doch dabei erwische, unkonzentriert und überfordert zu sein, darf ich mich selbst fragen: „Na Sabri, heute mal wieder Opfer?".

Die Erstveröffentlichung meines Beitrags finden Sie auf meiner Homepage: sabrieryigit.de.