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Berivan, Rahamatou und Millionen weitere Gründe dafür, warum wir "es schaffen"

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REFUGEES MEDITERANEAN SEA
Giorgos Moutafis / Reuters
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Am 3. September 2015 dominierte ein Foto die Titelseiten der Zeitungen und Online-Medien weltweit. Es zeigte einen kleinen Jungen, drei Jahre alt, sein Körper verrenkt, durchnässt und leblos an einem türkischen Strand.

Rund viereinhalb Kilometer wären es gewesen zur griechischen Insel Kos, zu dem Versprechen Europas: viereinhalb Kilometer, um Sicherheit und Freiheit zu finden. Aylan Kurdi ist erbärmlich ertrunken, und mit ihm unzählige weitere Menschen. Frauen, Männer, Kinder. Nacht für Nacht.

Ich bin am 3. September geboren und wie jeder arbeitende Mensch verbringe ich meinen Geburtstag gerne im Urlaub. Weg vom Weltgeschehen, ohne Emails und Push-Meldungen. Doch die Nachricht dieses Bildes drang trotzdem durch.

Ich haderte, wollte das Foto nicht sehen. Irgendwo tauchte es aber doch auf. Und mit ihm die Nachrichten aus Deutschland, von herzlichen Begrüßungen an Bahnhöfen, von offenen Grenzen und helfenden Händen. Trauer und Wut mischten sich mit einer vorsichtig freudigen Überraschung darüber, was plötzlich in meinem Land geschah.

Ein Jahr später

Vor einem Jahr, Ende August, überschlugen sich die Ereignisse. Das nehmen Medien zum Anlass, über den Hergang dessen zu sprechen, was bis heute im allgemeinen Sprachgebrauch "Flüchtlingskrise" heißt. Die ZEIT spricht von einer "Nacht, in der Deutschland die Kontrolle verlor". Der Spiegel titelt ähnlich: "Was geschah wirklich, als Merkel die Flüchtlinge reinließ?".

Der Satz „Wir schaffen das", den Angela Merkel damals prägte, wird seitdem auf und ab zitiert, interpretiert und kritisiert. Er wird banalisiert und instrumentalisiert, man mokiert sich, regt sich auf, bestätigt oder dementiert ihn. Das ist Politik, das ist gesellschaftlicher Diskurs, und in einer Demokratie muss gestritten werden, ja.

Ich arbeite nun seit knapp zehn Jahren in der humanitären Hilfe und habe durch meinen Job das Privileg, Menschen an vielen Orten der Welt zu treffen und von ihrem Leben zu erfahren. Ich sprach 2011 mit somalischen Frauen im größten Flüchtlingscamp der Welt, im kenianischen Dadaab darüber, wie der Hunger sie dazu trieb, ihr Zuhause zu verlassen.

Und wie sie auf der Flucht überfallen, vergewaltigt und ausgeraubt wurden. Ich habe im zweiten Jahr des Konfliktes in Syrien, 2013, als die Welt noch wegschaute, eine Gruppe von drei Frauen in Jordanien besucht, die in einer baufälligen Wohnung mit 19 Kindern wohnten. Als CARE ihnen ein wenig Bargeld geben wollte, waren sie schon nach Syrien zurückgekehrt.

Der Vermieter hatte sie rausgeschmissen, ich befürchte, dass viele von ihnen inzwischen nicht mehr leben. Im Osten des Niger, einem der ärmsten Länder der Welt, traf ich 2015 Menschen, die vor dem Terror in Nigeria geflohen sind. Rahamatou, eine alleinstehende Frau, nahm 40 Frauen und Kinder auf.

Obwohl sie selbst kaum wusste, wie sie sich und ihre Kinder ernähren sollte. Und erst vorige Woche traf ich Berivan, eine junge Syrerin aus Aleppo, in einem Camp in Griechenland. "Nimm mich bitte in Deinen Koffer mit nach Deutschland, mit meinen Kindern", meinte sie auf einmal.

Ich blickte mich um in der erhitzten Lagerhalle, in der Zelt an Zelt stand, chemische Toiletten aufgestellt waren und Berivan seit Monaten auf einen Anruf der griechischen Behörden wartet, damit es irgendwie für sie weitergeht.

Grenzschließung ist keine Lösung

Die Nennung dieser Orte ist kein Selbstzweck. Sie ist keine Top-Ten-Liste, auf die man klicken kann, um von den "schlimmsten Flüchtlingskrisen der Welt" zu lesen. Nein. Diese Begegnungen zeigen mir schlichtweg immer wieder, warum Deutschland sich nicht die Frage stellen sollte, ob wir „das schaffen".

Wenn Jordanien „das schafft" (664.100 Flüchtlinge). Wenn der Niger, das ärmste Land der Welt, "das schafft" (124.721 Flüchtlinge). Die Unterbringung und Versorgung geflohener Menschen bringt diese und andere Länder teils an den Rand ihrer Kapazitäten.

Aber soll hier die Lösung sein, dass sie einfach ihre Grenzen schließen? Menschen abweisen, die Schutz suchen? Niemand von uns wollte abgewiesen werden, wenn er mit seinen Kindern auf dem Arm an einem Grenzposten stünde, im Hintergrund der Krieg, vor einem die kleine Hoffnung auf Sicherheit.

Es ist kein Maßnahmenkatalog

Sicher: "Wir schaffen das" ist kein Allheilmittel und noch lange kein durchdeklinierter Maßnahmenkatalog. Man kann und darf Probleme, die mit der Aufnahme von teils schwer traumatisierten Menschen einhergeht, nicht kleinreden.

Und natürlich ist die innere Sicherheit zu wahren, der Rechtsstaat zu respektieren und die soziale Gerechtigkeit zu erhalten. Und ja: Europa kann nicht unbegrenzt und fortlaufend alle Menschen aufnehmen, die vor den Kriegen in ihrer Heimat fliehen. Auch das ist klar.

Das tun wir übrigens auch nicht. Die Mehrheit der syrischen Flüchtlinge etwa bleibt in der Region. In der Türkei, dem Libanon und Jordanien sind insgesamt 4,8 Millionen Menschen untergekommen.

CARE hat sich angesichts der neuen Herausforderungen dazu entschlossen, auch erstmalig wieder in Deutschland tätig zu werden - mit dem Projekt „Kiwi", das die Integration von Schülern mit Fluchtgeschichte an deutschen Schulen fördert.

Und wir arbeiten weiter in vielen Ländern der Welt, wo Flüchtlinge Schutz suchen und wo Menschen damit hadern, ob sie aufgrund von Armut und Verfolgung ihre Heimat verlassen.

"Ich wünsche mir weniger Hysterie"

Am 3. September 2015 feierte ich meinen Geburtstag. Und Aylan Kurdi war tot. Heute, ein Jahr später, sind tausende weitere Kinder gestorben. Im Mittelmeer, im Bombenhagel der Städte Syriens, auf dem Weg Richtung Europa.

Auch dieses Jahr werde ich am 3. September mein Handy ausschalten und versuchen, Abstand zu gewinnen. Mit der steigenden Zahl an Kriegen, an Flüchtlingen und an rechtspopulistischen Strömungen in Europa wird weiterhin genug für zivilgesellschaftliche Organisationen wie meine zu tun sein, um Brücken zu bauen, Hilfe zu leisten und Verständnis zu fördern.

Ich wünsche mir weniger Hysterie, Misstrauen und Demagogie in dieser aktuellen Debatte. Weniger billigen Populismus, kurzsichtige Wahlkampfparolen und Ausgrenzung. Ich wünsche mir mehr Mut, und mehr Bekenntnis und Stolz auf die grundlegenden humanistischen Werte, die Angela Merkel im letzten Jahr augenscheinlich zu ihrer Entscheidung bewegt haben.

Am Ende meines Gespräches mit Berivan, der jungen Syrerin in Griechenland vergangene Woche bot sie mir übrigens eine Plastikgabel an und reichte mir einen Teller mit geschälten Mandarinen. Diese Gastfreundschaft stand im starken Kontrast zur Gastfeindlichkeit, mit der Europa die junge Frau und ihre Familie empfangen hatte.

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Am 31. August ist es ein Jahr her, dass Angela Merkel gesagt hat: "Wir schaffen das."

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Flüchtlingskrise: Helft den Helfern!

Die Flüchtlingskrise bewegt die Deutschen wie kein anderes Thema. Viele blicken fassungslos auf das, was sich an Europas Grenzen abspielt. Auf das Leiden und die Nöte der Hilfesuchenden.

Dabei gibt es zahlreiche Menschen und Organisationen, die vor Ort helfen, die Probleme zu lösen. Zusammen mit der Spendenplattform betterplace.org nennt die Huffington Post spannende Projekte, die ihr direkt unterstützen könnt.

In einem großangelegten Projekt hilft der Verein SyrienHilfe e.V. vor Ort Menschen in Not, die ihre Heimat nicht verlassen können oder wollen. Seit 2012 setzen sich Ärzte, Ingenieure, Archäologen, Lehrer und Künstler in dem Bürgerkriegsland dafür ein, dass die Bevölkerung in ihrem eigenen Land ein würdevolles Leben führen kann.

Der Verein betreut Waisenkinder, organisiert medizinische Versorgung für Behinderte und chronisch Kranke und finanziert Lebensmittel und Unterkünfte.

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