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So weit sind Frauen von Gleichberechtigung entfernt

08/03/2015 11:22 CET | Aktualisiert 08/05/2015 11:12 CEST

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Der Internationale Frauentag wird weltweit am 8. März begangen. Zum ersten Mal wurde er im Kampf um die Gleichberechtigung und das Wahlrecht für Frauen am 19. März 1911 in Dänemark, Deutschland, Österreich-Ungarn und der Schweiz gefeiert. Seit 1921 findet der Internationale Frauentag am 8. März statt.

"Solange wir einen Frauentag feiern müssen, bedeutet das, dass wir keine Gleichberechtigung haben. Das Ziel ist die Gleichberechtigung, damit wir solche Tage nicht mehr brauchen", sagt Viviane Reding, Mitglied des Europa-Parlaments.

Gerade im Gesundheitssektor sind Frauen immer noch benachteiligt und weit entfernt von Gleichstellung. Auch in diesem Jahr weist die internationale Vereinigung der Leprahilfswerke ILEP darauf hin, wie wichtig es ist, speziell Frauen in der Gesundheitsversorgung zu unterstützen.

In vielen Entwicklungsländern werden sie von einer patriarchalisch geprägten Gesellschaft diskriminiert und bleiben chancenlos. Das beginnt schon damit, dass ihnen der Zugang zu medizinischer Versorgung nicht erlaubt wird. Häufig erhalten gerade Leprapatientinnen die Diagnosen viel zu spät, um eine bleibende Schädigung der Gliedmaßen auszuschließen.

2015-03-03-PICT0128Large.JPG Leprapatientinnen werden in vielen Ländern von der Gesellschaft ausgeschlossen. Foto: Enric Boixadós

Von den Familien kaum beachtet

Dr. Oswald Bellinger ist medizinischer Berater der DAHW Deutsche Lepra- und Tuberkulosehilfe. Er erinnert sich an seine Zeit in Uganda, als ein junges Mädchen mit ihrem Bruder in eine ländliche Gesundheitsstation kam. Es ging um die medizinische Versorgung des kleinen Jungen. "Im Unterschied zum Bruder war das Mädchen auffallend mangelernährt.

Wir haben sie untersucht und eine Tuberkulose- und HIV-Erkrankung festgestellt. Nur dank der Erkrankung ihres Bruders wurde sie behandelt. Mädchen werden in vielen Ländern von den Familien kaum beachtet und auch nicht zur Untersuchung geschickt."

Im konfliktreichen Karamoja-Gebiet im Nordosten Ugandas wurde eine Frau in Begleitung ihres Mannes, eines Viehzüchters, wegen schwerer Blutungen zu italienischen Missionsschwestern gebracht. "Als es darum ging, die Kosten der Behandlung zu bezahlen, weigerte sich der Mann. Er hätte kein Geld, und eine Kuh verkaufen wolle er nicht. Eine neue Frau sei da viel kostengünstiger." Dr. Bellinger erfährt viel auf seinen Reisen in die ärmsten Länder der Welt. Und immer wieder erzählt er von Frauen als schwächste Mitglieder der Gesellschaft.

Frauen werden weggesperrt und kontrolliert

In Indien wiederum stellte der Tropenmediziner bei vielen moslemischen Frauen einen akuten Vitamin D-Mangel fest. "In Kalkutta erlebte ich, dass den Frauen die Sonne fehlt, da sie in den Häusern weggesperrt werden und nur voll verschleiert ins Tageslicht gelangen. Das führt zu Störungen des Knochenstoffwechsels und in der Folge sogar zu Wirbelsäuleneinbrüchen. Ich erkenne sie immer wieder an ihrer gebückten Haltung."

2015-03-03-PICT0033Large.JPG Frauen wird oft der Zugang zu medizinischer Behandlung nicht erlaubt. Foto: Enric Boixadós

In vielen Ländern wird das Haushaltseinkommen von den Männern kontrolliert. "Es kommt immer wieder vor, dass Männer ihren Frauen den Besuch einer Gesundheitseinrichtung verweigern, da die Familie ein Anrecht auf ihre Versorgung durch die Frau hat", sagt DAHW-Geschäftsführer Burkard Kömm. Gerade in den Ländern, wo noch heute Lepra weit verbreitet ist, herrscht die traditionelle Rollenverteilung vor.

Dr. Eva-Maria Schwienhorst erlebte als medizinische Beraterin der DAHW in Pakistan, wo Frauen nicht von Männern untersucht werden dürfen, ähnliches. Zudem ist es in dem asiatischen Land verpönt, dass weibliche Gesundheitsarbeiterinnen gemeinsam mit männlichen Kollegen in die Dörfer fahren.

So gibt es nur sehr wenige Möglichkeiten für die Früherkennung von Leprapatientinnen, da sie kaum untersucht werden können. Für die Würzburger Ärztin stellt dies eine nicht zu akzeptierende Situation dar. Die DAHW-Partner in Pakistan versuchen, besonders auf die Beschäftigung von Frauen zu achten, um diesen Missstand auszugleichen.

2015-03-03-EvaMariaSchwienhorstLarge.jpeg Dr. Eva-Maria Schwienhorst untersucht in Indien eine junge Patientin. Foto: DAHW

Leben geben und dabei sterben

Die DAHW will es mit ihrer Strategie Frauen ermöglichen, sich untersuchen zu lassen, um dann die richtige Behandlung zu erhalten. "Es geht darum, die medizinischen Dienstleistungen zu den Frauen, also in die Dörfer, zu bringen", betont Kömm. Wichtig sei dabei vor allem weibliches Gesundheitspersonal. "In Zukunft werden wir bei allen Projekten stark darauf achten, ob die geplanten Aktionen gender-sensitiv sind, also Frauen in ihren speziellen Lebenslagen entsprechend berücksichtigt werden."

"Auch an der Ebola-Epidemie in Westafrika, wo die DAHW in Sierra Leone und Liberia arbeitet, zeigte sich ganz deutlich, dass Frauen überproportional unter der Epidemie selbst, aber auch unter dem Zusammenbruch des Gesundheitssystems leiden", betont Dr. Schwienhorst.

"Das Lebenszeitrisiko, im Rahmen von Schwangerschaft und Geburt eines Kindes zu sterben, betrug schon vor der Epidemie 1 zu 20, das heißt jede 20. Frau stirbt, weil es keine ausreichende Versorgung für sie gibt, während sie versucht, Leben zu schenken. In Deutschland liegt dieses Risiko bei 1 zu 11.000."

Gender in die Länder bringen

"Wir wollen dieses wichtige Gender-Thema verstärkt auf die Agenda der Regierungen und der Partnerorganisationen bringen, mit denen wir zusammenarbeiten", sagt Kömm. Das ist auch das Ziel der ILEP, deren Vertreter sich im März in Würzburg treffen. Gerade Stigmatisierung durch eine Lepraerkrankung erleben Frauen viel bewusster als Männer. Sie werden eher verstoßen als Männer, die die Versorger der Familie sind. Junge Leprapatientinnen können beispielsweise in vielen Ländern nicht mehr verheiratet werden.

Nur gemeinsam können Frauen und Männer Veränderungen erreichen. An den aufgeführten Beispielen wird deutlich, wie sehr Männer für ein besseres und gerechteres Zusammenleben der Geschlechter gefordert sind. "Vor allem geht es hier auch um die Vermittlung der Gleichwertigkeit von Frauen", ergänzt Kömm. Der Zugang zu medizinischer Versorgung muss gesichert sein. Damit irgendwann in Zukunft der Internationale Tag der Frau für eine menschengerechte Gesellschaft stehen kann.

Fotos: Dr. Schwienhorst/DAHW (1), Enric Boixadós (3)


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