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"Einmal richtig satt essen": Eine bewegende Geschichte aus dem Südsudan

29/08/2014 15:45 CEST | Aktualisiert 29/10/2014 10:12 CET

Nahrungsmittelkrise im Südsudan durch gescheitertes Friedensabkommen

Durchatmen und ein wenig Erholung ist das Wichtigste, das Leonore Küster jetzt braucht. Die Repräsentantin der DAHW Deutsche Lepra- und Tuberkulosehilfe e. V. ist auf Heimaturlaub.

Weg vom Bürgerkrieg im Südsudan, von den Gräueltaten, von den versprochenen Friedensabkommen, die nicht eingehalten werden. Abschalten, aber nicht vergessen. Denn in wenigen Tagen geht es wieder zurück in die Wahlheimat Juba, der Hauptstadt Südsudans.

Die Menschen nicht im Stich lassen

„Meine Mitarbeiter und die Patienten in den Projekten lasse ich nicht im Stich", sagt die 59-Jährige während ihres Gespräches in der Zentrale der DAHW Deutsche Lepra- und Tuberkulosehilfe e. V. in Würzburg.

Sie berichtet von abendlichen Ausgangssperren, plötzlichen Schießereien und Gewaltausbrüchen im ganzen Land und von der Angst, dass bald nichts mehr so sein wird wie es war.

Und sie erzählt von Tereza Apen Nak, einer Leprapatientin, die sie während ihres letzten Projektbesuches in der früheren Leprakolonie Agok im Zentrum des Landes getroffen hatte.

Denn Leprapatienten wie sie treffen der Bürgerkrieg und die damit verbundene Nahrungsmittelknappheit besonders schwer.

Die 57-Jährige hat in ihrem Leben nicht viel Glück gehabt. Alle drei Kinder, die sie bekam, sind blind. Kurz nach Geburt des jüngsten Kindes starb ihr Mann. Etwas später bekam die junge Frau Lepra. „Als ich erfuhr, dass Mutter Lepra hat, war das ein Schock. Für mich und meine zwei Geschwister. Wer sollte jetzt für uns sorgen?", erzählt Sohn Lawrence.

„Mutter war nach Vaters Tod ja die einzige, die sich um uns kümmerte." Lawrence ist als Katechist tätig und möchte den Menschen die Lehre Gottes nahe bringen. Auf freiwilliger Basis.

Mittlerweile lebt Tereza seit elf Jahren in Agok. Ihre Heimat Rumbek liegt mehrere Busstunden entfernt im westlichen Teil des Landes. „Das Leben war nie einfach für mich gewesen. Die blinden Kinder, der Tod meines Mannes, der Bürgerkrieg und die Lepra, die mich wie ein Fluch ergriff", erzählt sie heute.

Mit den Kindern im Schlepptau

Sie hätte auch die Möglichkeit gehabt, die Lepra in ihrem Heimatort behandeln zu lassen. „Ich wollte weg, nur weg. Denn als ich erkrankte, wollte niemand mehr etwas mit mir zu tun haben."

Und das war für eine Witwe wie Tereza doppelt schwer, denn sie war auf die Hilfe der Familie und Nachbarn angewiesen. „Sie wollten mich alle loshaben." Ihre Stimme wird lauter, sie ist noch heute über die Ungerechtigkeit verbittert, die ihr damals widerfuhr.

Von einem Tag auf den anderen machte sie sich auf den Weg: Zu Fuß, die Kinder im Schlepptau. 15 Tage war sie unterwegs, manchmal auch nur nachts, wenn es kühler war. Dann endlich erreichte sie das Leprakrankenhaus in Agok und ihr Leben ohne Diskriminierung begann.

„Hier redet niemand schlecht über mich. Wir leben zusammen, Leprapatienten und Menschen, die die Krankheit nicht haben. Das ist das Beste an Agok."

Tereza lächelt. Bereut hat sie ihre Entscheidung nie. Mittlerweile sind viele Jahre vergangen. Die Lepra wurde behandelt und heute ist Tereza geheilt. Nur die Wunde am Fuß macht ihr zurzeit zu schaffen. Deshalb bleibt sie seit ein paar Tagen auch in der Krankenstation des Krankenhauses. Tag und Nacht.

„Die Wunde muss behandelt werden und verheilen", sagt Krankenpfleger Thomas, der sie betreut. „Das kann länger dauern." Ihr Lehmhaus, ein paar Kilometer vom Krankenhaus entfernt, hat sie abgeschlossen, denn auch die Kinder wohnen anderswo.

Lawrence lebt mit Gleichaltrigen zusammen, und die beiden anderen Kinder sind bei einer Pflegefamilie im nahen Wau untergekommen. Zwei Wünsche hat Tereza. Sie lächelt ein wenig und erzählt, dass sie regelmäßig zu Gott betet.

Sie bittet ihn, dafür zu sorgen, dass alle Menschen, die so viel Gutes für sie taten, ein langes und glückliches Leben haben. Und der zweite Wunsch ist ein ganz persönlicher: Endlich einmal richtig satt essen!

Ein erneutes Friedensabkommen scheiterte vor zehn Tagen. Die beiden Konfliktparteien konnten sich nicht einigen. Dadurch könnte die von der Gewalt verursachte Nahrungskrise im ganzen Land katastrophale Ausmaße annehmen.

Erst Anfang August wurden im Südsudan sechs lokale Mitarbeiter von Hilfsorganisationen ermordet. In den letzten acht Monaten mussten 1,5 Millionen Menschen ihr Zuhause verlassen, mehr als 400.000 flohen in die Nachbarländer.

Doch davon lässt sich Leonore Küster nicht aufhalten. Ihr Flugticket zurück in den Südsudan hält sie bereits in der Hand.

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