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Das erste Mal Geborgenheit spüren: Zu Besuch im Altenheim von Buluba

01/10/2014 13:01 CEST | Aktualisiert 01/12/2014 11:12 CET

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Der 1. Oktober ist weltweit den älteren Mitmenschen gewidmet. In den westlichen Ländern geht es vor allem darum, auch im Alter eine möglichst hohe Lebensqualität zu erzielen.

In Entwicklungsländern kämpfen ältere und alleinstehende Menschen meist nur damit, ihr Überleben zu sichern. Sie sind froh, überhaupt noch zu leben und betrachten das Alter als Zeichen von Würde. Doch Altwerden ist für diese Menschen längst keine Selbstverständlichkeit.

Viel vom Leben haben sie nicht mehr zu erwarten. Doch zumindest noch ein wenig Glück und das Gefühl, Freunde gefunden zu haben. Die Menschen im Altenheim des Leprakrankenhauses von Buluba haben schlimme Zeiten hinter sich. Jede und jeder auf seine Weise.

Doch hier im Zentrum von Uganda haben sie ein wenig Frieden gefunden. Und ein wenig Hoffnung, die die vielen Enttäuschungen wegwischt. Nicht immer, aber manchmal. Je mehr Zeit vergeht, umso versöhnlicher werden die alten Leute mit ihrem Leben.

Sie können sogar verzeihen. Aber wem? Denn die, die sie so traurig machten, haben sich noch nie blicken lassen und werden es auch in Zukunft nicht. "Manchmal kommen Familienangehörige erst nach ihrem Tod, um sie abzuholen für die Beerdigung im Heimatdorf", sagt Schwester Harriet, die Verwaltungsleiterin des St. Francis-Krankenhauses von Buluba, auf dessen Gelände sich auch das Altenheim befindet. "Die Alten wissen das, aber es stört sie nicht mehr."

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Idyllisch liegt die riesige Anlage am Ufer des Viktoria-Sees, umgeben von tiefgrünem Farmland. Von irischen Franziskaner-Schwestern 1934 gegründet, zählt es neben dem St. Francis-Krankenhaus in Nyenga bis heute zum wichtigsten Leprazentrum Ugandas.

Seit den 1960er Jahren wird die Anlage von der DAHW Deutsche Lepra- und Tuberkulosehilfe unterstützt. "Wir sind dankbar für alles, was die DAHW für uns getan hat und weiter tun wird", bringt es Schwester Harriet auf den Punkt.

Von der Familie vergessen

Niemand aus seinem Heimatdorf kam Vincent Dhamuzungu je besuchen. Auch seine Familie nicht, die schon längst verstorben ist. 22 lange Jahre wohnt er nun schon in Buluba. "Und nie ist jemand gekommen", sagt der 90-Jährige bitter.

Hier wurde der Leprakranke einst behandelt und ist geblieben. "Das ganze Dorf war gegen mich, sie wollten nicht, dass ich zurückkomme", sagt er und zeigt auf seine verstümmelten Gliedmaßen. "Deswegen!" Mit seinem Armstumpf deutet er auf den krummen Fuß.

Dann lacht er, denn hier gefällt es ihm: "Ich esse gut, schlafe gut, bekomme Kleidung und werde behandelt, wenn ich krank bin. Und vor allem werde ich hier nicht aus der Gemeinschaft ausgeschlossen." Sein Mund verzieht sich zu einem zahnlosen Lächeln.

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Henry Mukama weiß nicht, wie alt er ist. Nur, dass er schon sehr alt ist. Auch er lebt bereits seit ewigen Zeiten in der Männerabteilung des Altenheimes. Als kleines Kind bekam er Lepra. Behandelt wurde er lange nicht. Zu lange.

An die schweren Verstümmelungen an Händen und Füßen hat er sich gewöhnt. Auch daran, dass es sein linkes Bein nicht mehr gibt. Dafür eine Prothese, die sitzt. Manchmal weint er. Aber selten. Dann, wenn er an seine fünf verstorbenen Kinder denkt. Denn die würden ihn vielleicht manchmal besuchen, hofft er. Oder auch nicht! Warum sollten sie auch, die anderen Verwandten sind ja auch nie gekommen.

"Heute versuchen wir verstärkt, die alten Menschen in ihre Familien zurückzuführen. Um dafür bei den Betroffenen Verständnis zu wecken, ist die Hilfe von Sozialarbeitern gefragt", sagt DAHW-Geschäftsführer Burkard Kömm.

Ein Lied gegen die Traurigkeit

Aus der Frauenabteilung des Krankenhauses dringt Gesang. Die Bewohnerinnen haben sich im Gemeinschaftsraum versammelt, sitzen auf dem Boden und klatschen zum Rhythmus ihrer Lieder. Das machen sie gerne, umso mehr, wenn sich Besuch ankündigt.

Heute ist Olaf Hirschmann gekommen, der Repräsentant des in Würzburg ansässigen Hilfswerkes. Er kommt regelmäßig, hat ein offenes Ohr für die Anliegen der Frauen und Männer des Altenheimes und spricht mit den Pflegerinnen und Pflegern.

Mitten unter den Frauen hat Florence Kabulankowa Platz genommen. Sie kümmert sich um die Alten, kocht und wäscht für sie, hört zu und spendet Trost. Die etwa zehn Frauen verehren sie. "Sie fragt immer, was wir wollen und bestimmt nicht einfach nur über uns", bringt es Veronica Nyabulu auf den Punkt.

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Blandina Mbwali ist heute traurig. Sie hat erfahren, dass zwei von ihren sechs Kindern im nahen Krankenhaus zur Behandlung waren. "Nie kommen sie mich besuchen. Sie haben mich vergessen", sagt die Frau, die nicht weiß, wie alt sie wirklich ist. Florence nimmt sie in den Arm und streicht ihr über den Kopf. Das hilft. Blandina lächelt wieder und stimmt ein Lied an.

Das Enkelkind nie kennengelernt

Colostica Mugala hat in ihrem Leben viel Trauriges erlebt. Die von der Lepra gezeichnete Frau erzählt, dass ihre beiden Kinder tot sind. Das Mädchen erkrankte schon als Kleinkind, der Sohn, ein Fischer, ertrank.

Er hinterließ seine schwangere Ehefrau. Nachdem Colostica und ihr Sohn keine Mitgift zahlen konnten, musste die Schwangere zu ihrer Familie zurückkehren. Ihr damals ungeborenes Enkelkind hat die alte Frau nie gesehen. "Vielleicht hätten mich meine Kinder hier besucht, oder auch mein Enkel", sagt Colostica traurig.

Colostika Nambi hat ihre Gehübungen bei Orthopädiemeister Lawrence beendet und wird in einem Rollstuhl zurück ins Altenheim geschoben. Der Empfang ist herzlich. Auch sie weiß nicht, wie alt sie ist. Der Mann und fünf Kinder sind gestorben, weitere Verwandte hat sie nicht.

"Niemand hat mich je hier besucht, vielleicht leben sie auch nicht mehr", sagt sie. Florence hilft ihr vom Rollstuhl in den Sessel. Sie sitzt neben Doreen Nakesa, der ältesten Heimbewohnerin, und legt den Stumpf ihrer linken Hand auf das Bein der Nachbarin.

Die Blinde lächelt. "Doreen drückt ihre Dankbarkeit durch Gebete aus", sagt Florence. "Einmal hat sie Gott gebeten, mich von der Lepra zu verschonen. Und Gott hat sie erhört", lächelt Florence und stimmt das nächste Lied an.

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Fotos: Enric Boixadós

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