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Friedensmission im Nahen Osten

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UN-Blauhelmsoldaten als Mittler zwischen Israel und dem Libanon. Foto: Enric Boixadós

Naqoura im Süden des Libanon. Oder nördlich von Israel. Wie auch immer - egal! Weiße Häuser schmiegen sich an die zerklüftete Felsküste vor der türkisblauen See. Wellen mit weißen Schaumkronen tosen an den Strand. Unaufhaltsam. Die Melodie des Meeres. Ein ewiges Auf und Ab. Es könnte der perfekte Urlaubsort sein. Wenn die Stacheldrahtbarrieren nicht wären!

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UNIFIL-Hauptquartier in Naqoura im Südlibanon. Foto: Enric Boixadós

Oberstleutnant Matthias V. blickt auf das türkisfarbene Meer. Idylle pur. Wegen der Lage, wegen der Ruhe, wegen dem schönen Wetter. Nicht wegen dem Stacheldraht. "Fast immer Sonne", sagt der Leiter des deutschen Teams, das im UNIFIL-Hauptquartier in Naqoura im Südlibanon Dienst tut. Doch der Schein trügt. Man spreche zwar vom Waffenstillstand, doch es herrsche immer noch Krieg zwischen den beiden Ländern. Der 41-Jährige erzählt von libanesischen Schäfern, die mit ihrer Herde in israelisches Hoheitsgebiet vordringen. Aus Versehen oder absichtlich, wer weiß das schon. Das Land ihrer Väter, auf das beide Seiten bestehen. Es ist kompliziert. Er berichtet von festgesetzten Schafen, die erst durch Vermittlung ein oder mehrerer Blauhelm-Soldaten wieder zurück zur Herde dürfen. Er erzählt von zwei libanesischen Jugendlichen, die die Linie überschritten und festgehalten wurden. Da musste von Seiten der Schutztruppe ganz schnell verhandelt werden, um keinen Konflikt ausbrechen zu lassen.

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Blauhelm Matthias V. ist für sieben Monate im Libanon stationiert. Foto: Enric Boixadós

Matthias V. weiß auch von der Grabstätte auf der blauen Linie, die für Juden und Muslime das gleiche Maß an religiöser Bedeutung besitzt. Von israelischer Seite werde behauptet, Rabi Ashi sei hier bestattet, die libanesische dagegen beharrt auf das Grab ihres religiösen Führers Sheikh Abbad. Fingerspitzengefühl ist gefragt, auch wenn manche Gegebenheiten sehr paradox sind.

Erste Schritt zur Friedenssicherung

Damit nicht genug. Hinzu kommen auch noch rund 50.000 syrische Flüchtlinge im Missionsgebiet der UNIFIL-Truppen - fast alle in Zelten untergebracht. Matthias V. ist gerne hier. Er weiß, dass er mit seinem Einsatz etwas bewegen kann, etwas Positives. Wenn es auch nur darum geht, Konflikte zu verhindern.

Die Situation zwischen Israel und dem Libanon ist fragil. Oder angespannt. Immer noch. Schon wieder. Unabdingbar ist daher die Mission UNIFIL. Sie ist eine der ältesten friedenserhaltenden Einsätze der Vereinten Nationen und besteht seit 1978. UN-Blauhelmsoldaten überwachen seitdem die Einhaltung des Waffenstillstands an der 121 Kilometer langen "Blue Line" (Blaue Demarkationslinie) zwischen den beiden Staaten.

Oberstleutnant Matthias V. ist einer von zurzeit rund 10.500 Blauhelmen aus 39 Nationen, die im erweiterten Marine-Einsatzverband UNIFIL im Libanon und in Limassol auf Zypern stationiert sind. Der Einsatz des Flottenverbandes geht auf den 33-Tage-Krieg oder Zweiten Libanonkrieg im Sommer 2006 zurück. Nach der Entführung von zwei Soldaten und dem Beschuss israelischen Territoriums marschierten israelische Truppen in den Libanon ein und blockierten die Seewege. Kein Schiff kam mehr rein oder raus. Der Premierminister ersuchte die Vereinten Nationen (UN) um Hilfe bei der Sicherung der Seegrenzen. So wurde der Einsatz als Maritime Task Force legitimiert. Die Blockade endete mit Ankunft der UN-Schiffe. Damit war der erste Schritt zur Friedenssicherung getan. Soviel zum Hintergrund.

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Israel ist nur rund zwei Kilometer entfernt. Foto: Enric Boixadós

Geopolitischer Hotspot

Matthias V. ist seit Mitte März vor Ort. Er spricht von einer latenten Gefahr hier im Süden des Libanon, nur rund zwei Kilometer von der Demarkationslinie entfernt. "Die Hisbollah ist stark in der Region, das muss man im Auge behalten. Es geht einfach nur darum, nicht zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort zu sein", ergänzt der sonst bei der 1. Panzerdivision in Oldenburg stationierte Soldat.

"Die Region ist ein geopolitischer Hotspot", sagt Axel Schrader, Leiter des deutschen UNIFIL-Kontingents. Der 45-Jährige arbeitet im deutschen Camp in Limassol. Der gebürtige Braunschweiger kennt die Situation vor Ort. "An der Blue Line ist es jetzt ruhiger. 11.000 Blauhelme vor Ort sind ein Garant für Sicherheit." Klar, es bedarf einer Bewusstseinsänderung zwischen den beiden Staaten, um einen dauerhafte Frieden zu erzielen. "Doch das ist ein langer Prozess", sagt der dreifache Familienvater, der in Deutschland Kommandeur des 3. Minengeschwaders in Kiel ist.

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Axel Schrader, Leiter des deutschen UNIFIL-Kontingents im deutschen Camp in Limassol, Zypern. Foto: Enric Boixadós

Dass er zum ersten Mal in der Region ist, sieht er durchaus positiv: "Ich kann mir daher ganz unvoreingenommen ein Bild machen." Er erzählt auch, dass er bereits vom Elternhaus geprägt wurde, da sein Vater auch bei der Bundeswehr war. Das sieht er heute als persönlichen Vorteil. Besonders dann, wenn es gilt, die hier gebotenen Chancen zu nutzen. "Die Deutschen sind sehr beliebt im Libanon. Und die Armee vor Ort ist durchaus professionell, aber es gibt eben viele materielle Probleme."

Matthias V. muss los, Einsatzbesprechung mit seinem Team. Ein Vorfall an der Blauen Linie wurde gemeldet, per Funkspruch. Klar, dass er und seine Kameraden sich darum kümmern müssen.

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Fotos: Enric Boixadós

Aus Sicherheitsgründen kann der Nachname von Matthias V. nicht genannt werden.

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