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Flüchtlinge: Zuflucht in der Fremde

30/12/2014 09:49 CET | Aktualisiert 01/03/2015 11:12 CET

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Das Flüchtlingslager in Kahramanmaraş nahe der syrischen Grenze.

Mit jeder Bombe in Syrien nimmt die Anzahl der Flüchtigen zu

Drei dunkle große Augenpaare, die in die Ferne blicken. Traurig, melancholisch, mit einer Sehnsucht, die Geschichten erzählen könnte. Könnte. Denn das, was die Mädchen erlebt haben, möchten sie nicht erzählen, nicht preisgeben, nicht vor den anderen, die sie nicht kennen und nie gesehen haben. Und wieder reihen sich Menschen über Menschen vor dem verschlossenen Tor des Flüchtlingslagers von Kahramanmaraş, rund 100 Kilometer von der syrischen Grenze entfernt.

Sie sind angekommen in der Fremde, in einem Land, dessen Sprache sie nicht sprechen und dessen Kultur sie nicht kennen.

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3.500 Zelte für täglich über 1.000 Neuankömmlinge.

Langsam schieben sich die Neuankömmlinge durch die Sicherheitsschleuse. Hier werden sie auf Waffen, Munition und Messer kontrolliert. Ein Flüchtlingslager mit fast 18.000 Insassen verschiedener Ethnien birgt zahlreiche Konflikte und Eskalationen, die schnell außer Kontrolle geraten können. Hier landen die, die rasch fliehen mussten, die, die nichts mitnehmen konnten außer dem nackten Leben und der Hoffnung aufs Überleben.

Denn die ist immer da, auch wenn die Väter, die Ehemänner zurück blieben, gefangen oder ermordet wurden, dort drüben, in der Heimat. Nichts mehr ist für die Mädchen so, wie es einmal war.

Sie stehen an, gedrängelt wird nicht. Geduldig warten sie auf Einlass. "Jedes Mal, wenn in Syrien Bomben fallen, werden es mehr", sagt der AFAD-Manager, der anonym bleiben will. AFAD ist die türkische Behörde für Katastrophen- und Flüchtlingshilfe.

Die Geflohenen leben in 3.500 Zelten. Täglich kommen 1.000 Heimatvertriebene an. Rund 40.000 weitere Flüchtlinge leben in der Stadt im Südosten der Türkei, die selbst knapp über 500.000 Einwohner hat.

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Anstehen in der Schlange. Alle Ankommenden werden auf Waffen kontrolliert.

Mit einem Flüchtlingsanteil von über fünf Prozent liegt sie im unteren Bereich. Im nahen Gaziantep oder Sanliurfa prägen zwischen 200.000 bis 300.000 Flüchtlinge das Stadtbild. Die meisten kommen aus Syrien. Die Mädchen antworten auf die Frage, woher sie kommen, nur leise: "Halab", was Aleppo bedeutet. Die einst blühende Stadt, nur wenige Hundert Kilometer von Kahramanmaraş entfernt, ist zerstört. Verwüstet von den Truppen Assads und von den Schergen des Islamischen Staates (IS).

Hier in Grenznähe auf türkischen Boden gibt es 21 Lager. Das Lager in Kahramanmaraş wirkt auf den ersten Blick riesig. Eine gepflegte Zeltstadt mit Grundschule und einer weiterführenden Bildungseinrichtung, beide in großen Zelten, dazu drei Spielplätze und drei Einkaufsmärkte.

Das spiegelt nicht das Bild wider, das man von Flüchtlingslagern erwartet. "Hier haben sie Platz zum Leben", sagt der Manager. "Sie können bleiben, solange sie wollen."

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Ein Flüchtlingslager für fast 18.000 Menschen.

Keine Arbeitserlaubnis für Flüchtlinge

Eine Arbeitserlaubnis gibt es nicht. Das schürt Konflikte mit der türkischen Bevölkerung, die gegen die billigen Arbeitskräfte aus Syrien machtlos sind. Schwarzarbeit blüht in den Städten. Verständlich, wenn es pro Person und pro Monat knapp 30 Euro Taschengeld gibt. 80 Prozent davon übernimmt UNICEF, der Rest der türkische Staat. Die Lebenshaltungskosten in der Türkei sind alles andere als niedrig, ansatzweise sogar gleichwertig mit denen in Deutschland.

Die Mietpreise in der nahen Stadt schnellen in die Höhe, denn es gibt genügend Flüchtlinge, die ihr Vermögen über die Grenze retten und Wohnraum bezahlen können. Oder die Verwandte in der Stadt haben, bei denen sie erst einmal Unterschlupf finden und die ihnen zumindest das Überleben sichern können.

"Viele der Menschen hier haben Traumata, sie haben Unvorstellbares erlebt. Meistens fehlen in den Familien die Männer", sagt Dolmetscher Metin. Über das, was Frauen und Mädchen erlebt haben, fällt kein Wort. "Zuerst haben wir ihnen Mahlzeiten gegeben, doch das wollten sie nicht. Mit dem monatlichen Geld können sie selber einkaufen." Jedes Familienzelt ist für fünf Personen mit einem kleinen Herd, Heizung, Kühlschrank und Paletten, auf denen sie schlafen können, ausgestattet.

Das Lager können sie jederzeit verlassen. "Auch in der Stadt einkaufen ist möglich", sagt Metin und deutet auf die Schlange der Rückkehrer. Einige von ihnen haben Teppiche dabei. "Die werden auf die Paletten zum Schlafen gelegt und sind in der Stadt erhältlich."

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Beschäftigungsangebote für Frauen

Für die Frauen gibt es Nähgruppen. "Soziale Beschäftigung ist wichtig, gerade wenn sie traumatisiert sind. Wir versuchen, Alltagsbeschäftigungen aufrecht zu erhalten", ergänzt der 30-jährige Dolmetscher. "Männer lehnen Beschäftigungsangebote eher ab, bis auf Fußballspielen", lacht er. In den Schulen wird neben Türkisch auch in der Heimatsprache unterrichtet. "Es gibt syrische Lehrer im Camp."

Ein medizinisches Zentrum mit türkischen Ärzten befindet sich vor Ort. "Die Behandlung ist kostenlos. Bei schwierigeren Fällen kommen die Patienten in die Krankenhäuser der Stadt", erklärt der Manager via Dolmetscher. Vor über zwei Jahren wurde das Lager mit 2.000 Zelten errichtet.

"Rund 1.700 Babys wurden hier geboren." Der Manager lächelt. "Wir sagen nicht Nein, wenn Frauen und Kinder alleine kommen. Sie werden alle aufgenommen." Einige von ihnen haben bereits Verwandte im Camp und suchen bei ihnen Zuflucht und Sicherheit. Diese Familienzusammenführungen geben Halt und Stabilität, besonders wenn sie unfreiwillige Zeugen von Gräuel und Gewalt geworden sind.

Die drei Mädchen stehen immer noch am Eingang, schauen auf die Neuankömmlinge. Hinter ihnen die kahlen Berghänge, die sich im Licht der untergehenden Sonne langsam verdunkeln. Es wird kalt. Sie rücken ihre Kopftücher tiefer in die Stirn. Sie warten. Auf wen oder was bleibt ihr Geheimnis.

Fotos: Enric Boixadós

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