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Eine deutsche Lepra-Ärztin in Pakistan

06/12/2016 11:06 CET | Aktualisiert 06/12/2017 11:12 CET

Ein Tag im Leben der Dr. Ruth Pfau. Die Medizinerin und Ordensfrau hat auch im hohen Alter noch Sinn für Abenteuer.

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Es sind Rituale, die Dr. Ruth Pfau liebt. Und pflegt. Gerade auch jetzt in der Adventszeit. Sie erinnert sich gerne an die Lichter in den Kirchen, an die Kerzen zuhause. Und versucht, auch ein wenig von dem in Pakistan zu finden. Doch es geht ihr vor allem um den inneren Frieden. Und der ist ihr am wichtigsten. Und den hat sie gefunden, schon lange. Damals und heute, in Pakistan wie auch in Afghanistan. Es ist ein gutes Gefühl. Ein Gefühl, das bleibt.

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Es ist ein früher Sonntagmorgen, kurz vor 5 Uhr. Die deutsche Lepra-Ärztin und Ordensfrau sitzt an ihrem Schreibtisch und liest. So wie jeden Tag. Um 5.30 Uhr kommt Schwester Margret und begleitet sie nach unten. Der Fahrer wartet schon. Dr. Ruth Pfaus Heimat ist Pakistan, genauer das Marie Adelaide Lepra Zentrum (MALC) in Karachi, ein von ihr vor Jahrzehnten gegründetes Krankenhaus, das von der DAHWDeutsche Lepra- und Tuberkulosehilfe unterstützt wird. Hier bewohnt sie ein kleines Appartement.

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"Ich bin zufrieden, auch wenn die Gesundheit nicht immer mitspielt. Mein Leben als solches war immer schön, auch heute noch", sagt sie bescheiden. Spätestens um 5.40 Uhr sitzt sie im Wagen, immer neben dem Fahrer. Dass er manchmal Umwege zur St. Patrick's Kathedrale fährt, stört sie nicht. Täglich den gleichen Weg zu nehmen wäre leichtfertig. Und lebensbedrohlich. In Karachi gibt es immer das Risiko eines möglichen Anschlags. Und das will hier niemand eingehen.

Sie weiß, dass sie bleiben wird. Auch wenn sich die politische Situation in dem südasiatischen Land zuspitzen sollte: "Ich werde meine Leute hier nie zurücklassen", sagt die 87-Jährige. "Auch wenn ich mir durchaus vorstellen könnte, in Deutschland zu leben. Doch ich habe mich dazu entschieden, es nicht zu tun." Sie denkt über den Tod nach, in der letzten Zeit sogar häufig. "Wo ich mal beerdigt werde, ist mir vollkommen egal. Ich habe anderes zu tun, als jetzt darüber nachzudenken", sagt sie mit einem Schmunzeln. Beim Aussteigen ergreift Schwester Margret ihre Hand.

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Wie immer ist die dritte Kirchenbank vor dem Altar frei. Platz für Dr. Pfau und Schwester Margret. Routine, wie jeden Morgen. Die wenigen Christen, die versammelt sind, nicken der Deutschen freundlich zu. Man kennt sich. "Ich fange den Tag gerne mit dem Gottesdienst an, damit man nicht einfach so in den Tag stolpert." Die Medizinerin lauscht der katholischen Messe mit geschlossenen Augen.

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Zurück in ihrer Wohnung im Krankenhaus gibt es Frühstück: Ein Spiegelei mit Toast, dazu Kräutertee. "Die Mischung schicken mir Freunde aus Deutschland zu, hier bekommt man keinen Kräutertee", ergänzt sie. Sie denkt nach, über den Sinn des Lebens, über ihr Hiersein. "Ich gucke zu und ermuntere. Zum Beispiel gestern, als ein Arzt Pflegekräfte in der Ausbildung über Tuberkulose aufklärte. Unter den 18 jungen Leuten waren drei Mädchen", betont sie. "Darüber freue ich mich. Weil Mädchen in der Ausbildung ganz selten sind." Hingucken, denken und analysieren, das ist es, was Dr. Pfau täglich tut.

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Nach dem Frühstück folgt eine Stunde stille Einkehr in der Hauskapelle, gleich neben ihrer Wohnung. Sie steht allen Mitarbeitern, egal welcher Glaubensrichtung, offen. Darauf ist die Katholikin stolz. Einer von ihnen singt Choräle, wie jeden Morgen. Lautstark, so dass man es im ganzen Krankenhaus hört. Danach erledigt die deutsche Ärztin ihre Post, sichtet E-Mails und liest The Dawn, die englischsprachige Nationalzeitung des Landes. "Ich freue mich immer, wenn mir jemand deutsche Zeitungen mitbringt", sagt sie.

Sie erzählt, wie sehr sie es liebte, unabhängig zu sein. "Mit 80 Jahren habe ich meinen Führerschein abgegeben, aus Gründen der Vernunft. Ich habe Autofahren geliebt. In Karachi ist das Fahren ein wenig wie Freistil, es hat mir Spaß gemacht. Es war toll, jederzeit irgendwo hinkommen zu können", erinnert sie sich. Auch in Afghanistan, sei sie Auto gefahren. "Angst hatte ich dabei nur einmal, denn mein Auto hatte keine funktionierenden Bremsen. Und wir waren im Hochland unterwegs. Passende Beläge gab es nicht." Noch heute kommen afghanische Familien zu ihr nach Karachi und suchen Hilfe. "Sie laufen sogar im Winter über die schneebedeckten Berge, oft mit Kindern, und mit Karachi als Ziel, weil sie mich kennen." Und Schwester Margret, die sie seit vielen Jahren begleitet, schließt: "Sie liebt die Menschen, und das wissen sie."

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Bis jetzt sei immer alles gutgegangen. Dr. Pfau spricht leise, denkt viel nach, erinnert sich an einzelne Begebenheiten. "Schwierig für mich war immer daran zu denken, woher ich denn das Recht nehme, mein Team in solche Gefahren mit zu verwickeln." Dann spricht sie über ihren Abenteuergeist, mit dem sie wohl schon geboren wurde. "Ohne die Freude am Risiko hätten wir die Lepra nicht in den Griff bekommen. Damals und heute nicht." Sie überlegt kurz: "Und was zum Abenteuer hinzu kommt, ist das Durchhaltevermögen. Ich besitze zum Glück beides." Sie lächelt. Zeit für das Mittagessen. "Viel Fantasie hat das Küchenpersonal nicht, meistens wird englisch gekocht." Ein wenig lustlos stochert sie auf dem Teller herum. "Am liebsten mag ich Gemüse, doch das gibt es nicht oft."

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Dann erzählt sie, was sie sonst noch hier vermisse: "Dass Ja ein Ja ist und Nein ein Nein! Und Pünktlichkeit." Deshalb habe sie immer ein Buch dabei. "Es gibt viele ungenützte Stunden, die ich mit Lesen verbringe. Wenn ich auf meinen Arzt warte, kriege ich manchmal sogar ein halbes Buch durch!" Außerdem vermisse sie Gesetze. "Was es ausmacht, in keinem Rechtsstaat zu leben, kann sich niemand vorstellen."

Ruth Pfau hält Mittagsschlaf. Täglich. Mindestens eine Stunde, das ist Gesetz im MALC. Keiner stört sie dabei.

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Am Nachmittag plant sie eine Fahrt zu ihrer Mitschwester Jeannine Geuns, die von Anfang an mit ihr in Pakistan gewirkt hat. Im Stadtteil Manghopir außerhalb des Zentrums entstand ein eigenes Projekt. Hier werden Leprapatienten mit Behinderungen betreut. Darüber hinaus hat die belgische Ordensfrau eine Schule, ein Schwesternheim und den Sitz des Manghopir Development Programms entstehen lassen. "Auch dort arbeiten wir mit benachteiligten Bevölkerungsgruppen zusammen, die wir seit Jahrzehnten kennen. Es ist eine wichtige Vertrauensbasis entstanden, auf der man aufbauen und das Leben der Menschen zum Besseren verändern kann." Die Verwaltung hat mittlerweile das MALC übernommen.

Plötzlich kommt der Fahrer auf Dr. Pfau und Schwester Margret zu. "Bitte nicht rausfahren", sagt er. Mehr nicht. Alle haben verstanden.

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"Das Beste hier ist, dass man sich überhaupt nichts vorstellt, dann wird man auch nicht negativ überrascht." Schwester Margret packt ein paar Lebensmittel wieder aus. Dr. Pfau blättert weiter in ihrem Buch. Später wird sie die Leprapatienten im MALC besuchen. Im Haus, nur einen Stock höher und ganz ohne Gefahr.

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In der Tat: Dr. Pfau weiß nie, was der nächste Tag bringt. Pläne lassen sich keine machen. Mit Abenteuer und Durchhaltevermögen kann die gebürtige Leipzigerin umgehen. Und das ist gut so.

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