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Ein Pfarrer im Krisengebiet: Von leichten und schweren Koffern

27/12/2014 12:02 CET | Aktualisiert 26/02/2015 11:12 CET

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Ein Pfarrer aus dem fränkischen Veitshöchheim erzählt vom Leben in Krisengebieten

Es ist still, ganz still. Ein Soldat spielt Gitarre, die anderen blicken stumm ins Gesangbuch oder singen den Begleittext mit. Weihnachtsstimmung im Südosten der Türkei. Die GAZI-Kaserne ist das derzeitige Zuhause von rund 260 Soldatinnen und Soldaten. Gemeinsam haben sie einen Auftrag: Die Stadt Kahramanmaraş und ihre über 500.000 Bewohner zu schützen.

Pfarrer Martin Klein beginnt mit der Predigt. Er erzählt vom Wunder der Weihnacht und auch von jenen, die vertrieben wurden. Der Text passt gut in eine Gegend, in der immer mehr Menschen Zuflucht suchen. In der Industriemetropole unweit der syrischen Grenze gibt es zurzeit über 50.000 Flüchtlinge.

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Gottesdienst in der Fremde

Regelmäßig wird der nüchterne Raum mit den weißen Wänden zu einer Art Heimat für die Soldaten. Erinnerungen an zuhause, an die Weihnachtspredigten und das Gefühl, das so einmalig ist: Die Weihnachtsstimmung. Sie hier in einer Umgebung zu finden, in der man 24 Stunden am Tag einsatzbereit sein muss, ist schwer. "Das Risiko eines syrischen Raketenangriffs ist grundsätzlich immer gegeben", fasst es Oberst Thorsten Ilg zusammen. Auch er besucht heute die katholische Messe, genau wie Hauptgefreite Juliane R.

Die Soldatin blickt nach draußen auf die Stellungen der PATRIOT, dem Waffensystem, das hier erstmals durch die Bundeswehr zum Einsatz kommt. Kahramanmaraş, 150 Kilometer von der Grenze entfernt, liegt in Reichweite syrischer Raketen. Die Hügelkette, die die Stadt umgibt, wirkt fast malerisch. Es ist friedlich hier. So scheint es zumindest. Das prächtige Bild der drittgrößten Moschee des Landes passt so gar nicht ins karge Landschaftsbild.

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Juliane R. erinnert sich an Weihnachten zuhause, daran, dass sie das Fest am liebsten selbst ausrichtet und organisiert. Das vermisst sie hier, denn sie ist noch bis Ende Februar im Einsatz. "Privat spielt Weihnachten für mich eine große Rolle", sagt die 26-Jährige. Sie ist in Husum stationiert, wo sie am Waffensystem Patriot ausgebildet wurde. Die gelernte zahnmedizinische Fachangestellte kam durch ihren Ex-Freund zur Bundeswehr. "Ich mag es, viel mit Menschen und unterschiedlichen Charakteren zusammen zu sein", erzählt die Norderstedterin. Sie ist seit zwei Jahren bei der Bundeswehr. Die Türkei ist ihr erster Auslandseinsatz.

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"Faszinierend ist für mich die gelebte Kameradschaft", sagt die gebürtige Hamburgerin. "Und auch, dass ich viel draußen sein kann." Die Tag- und Nachtschichten sind anstrengend. Doch jetzt hat sie frei. Frei haben bedeutet für Juliane R. zwar keine Arbeit, doch die ständige Einsatzbereitschaft. Trotzdem: Durchatmen, entspannen und den Gottesdienst besuchen. Gerne geht sie ins Fitnesscenter, das zur Kaserne gehört. Sport zu machen gibt ihr mehr als nur ein Ausgleich zu der verantwortungsvollen Tätigkeit. Sie erinnert sich an den Tag, an dem sie ihrer Familie sagte, dass sie zur Bundeswehr gehe. "Meine Mutter musste erstmal stark schlucken, doch mein Vater war sehr stolz auf mich." Mit ihren Freunden zuhause ist sie über das Internet in Verbindung, über Skype, WhatsApp und E-Mails. "Sie haben meine Entscheidung von Anfang an akzeptiert und sind begeistert, wenn ich ihnen von meinem Einsatz berichte."

2014-12-26-IMG_1880Large.jpg Hauptgefreite Juliane R.: "Faszinierend ist für mich die gelebte Kameradschaft."

Die Angst, Situationen nicht aushalten zu können

Nach dem Gottesdienst kommen meistens einige Soldaten zu Pfarrer Klein, mit Fragen, die nach Antworten suchen oder einfach, um zu reden: Über die Sehnsüchte, die Ängste um die Familie zuhause und die Zukunft. Der geborene Dinkelsbühler hat schon viel von der Welt gesehen. Jahrelang lebte er in Singapur, Malaysia und Vietnam, im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz, als Pfarrer für die Deutschen vor Ort und als Religionslehrer an der Deutschen Schule. Seit dem Jahr 2008 ist er in Veitshöchheim stationiert. "Ich wollte wieder ins Ausland", sagt der 51-Jährige heute. Kirchenmann Walter Mixa, damals Militärbischof der Bundeswehr, schlug ihm die Militärseelsorge vor.

Kleins erster Einsatz war in Masar-i Sharif, Afghanistan. "Ich erinnere mich an meine Angst. Doch das Neue hatte Priorität und war für mich am interessantesten." Die Furcht vor dem Ungewissen, vor dem Bewältigen von Situationen, die nicht einzuschätzen waren, sei der Auslöser gewesen. Und tatsächlich war es der Anblick eines verletzten Soldaten. "Er schwamm im Blut. Sein linkes Bein war zerfetzt, das linke Auge gab es nicht mehr. Da fragte ich mich zum ersten Mal, wie ich das überhaupt aushalten kann." Und dann erzählt Klein, wie später ein Soldat in sein Büro kam, weinend. "Ich rechnete sofort mit einem neuen Anschlag." Doch es war die geliebte Oma, die mit 94 Jahren gestorben sei. "Ich war so erleichtert, dass ich lachen musste. Das tat mir später sehr leid, und ich habe mich bei dem jungen Mann entschuldigt."

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Pfarrer Klein: "Manche kommen mit schwereren, manche mit leichteren Koffern."

Seinen Dienst bei der Bundeswehr hat Klein nie bereut. "Für mich ist Seelsorger nichts anderes als der Vorsteher einer Bahnhofsmission", vergleicht er. "Manche kommen mit schwereren, manche mit leichteren Koffern." Es gehe hier doch nur darum, das Leben sinnvoller zu machen. Und darauf Rücksicht zu nehmen, das jeder Mensch anders ist. "Das ist gerade das Spannende an meinem Job", sagt er schließlich. Dann nimmt er die Bibel zur Hand, um die passende Stelle für die nächste Andacht zu finden.

PATRIOT-Waffensystem

Patriot bedeutet "Phased Array Tracking to Intercept Of Target". Es beschreibt ein Waffensystem bestehend aus einem phasengesteuerten Radargerät, Feuerleitstand und Startgeräten. Das Flugabwehrraketensystem PATRIOT dient im Einsatz zur Abwehr von Flugzeugen, ballistischen Flugkörpern und Marschflugkörpern. Die deutsche Bundeswehr hat 2 Waffensysteme zum Schutz der Stadt Kahramanmaraş in die Türkei entsandt.

Ballistische Flugkörper

Es schützt Kahramanmaraş vor ballistischen Flugkörpern. Im Unterschied zu Marschflugkörpern und Lenkwaffen besitzen diese weder ein Tragwerk noch ein Marschtriebwerk und werden nur in der Startphase angetrieben, um sie auf die nötige Geschwindigkeit zu bringen. Ballistische syrische Raketen werden meist senkrecht von mobilen oder festen Vorrichtungen gestartet und können, was ihre Reichweite angeht, die Stadt und ihre Bewohner jederzeit treffen.

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Fotos: Bundeswehr/AFTUR (1), Enric Boixadós (6)


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