BLOG

"Ebola verzeiht keine Fehler" - So bereiten sich zivile Helfer auf ihren Einsatz in Westafrika vor

09/10/2014 10:08 CEST | Aktualisiert 09/12/2014 11:12 CET

2014-10-08-PICT0095Large.JPG

Neben der Schweiz und Belgien gibt es nun auch ein Ebola-Trainingszentrum in Deutschland

Es ist heiß, stickig und schwül. Die Atmosphäre im Zelt des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) könnte realer nicht sein. Bei 40 Grad Lufttemperatur schwitzen die Einsatzkräfte in ihren gelben Schutzanzügen.

Sie stehen am Bett einer Patientin. Die Frau hat Angst. Angst vor Ebola, Angst vor den Unbekannten, die wie Außerirdische aussehen. Ein Helfer beugt sich zu ihr hinunter. In der Hand eine Spritze. Ihre Augen spiegeln bloßes Entsetzen wider. Nach begonnener Blutabnahme schlägt sie um sich, die rote Flüssigkeit spritzt an die gelbe Schutzkleidung.

Die Helfer ziehen sich zurück. "Das ist das Beste, was man in dieser Situation tun kann", ertönt die Stimme des Ausbilders. "Sich bloß nicht selbst gefährden."

2014-10-08-PICT0105Large.JPG

Draußen liegt braunes Laub. Ein leichter Nieselregen hat eingesetzt. Westafrika und Ebola sind weit weg. Doch für die 17 Einsatzkräfte beginnt die Realität schon hier. Mitten in Deutschland, bei 16 Grad Lufttemperatur sieht die Welt noch anders aus. Noch.

In einer Blitzaktion ist am Wochenende auf dem Gelände der Würzburger Missionsärztlichen Klinik (Missio) ein Trainingszentrum für zivile Einsatzkräfte entstanden. In Zusammenarbeit mit dem Deutschen Roten Kreuz (DRK) und Ärzte ohne Grenzen wird in einem zweitägigen Kurs DRK-Personal für den Einsatz in Westafrika geschult.

2014-10-08-PICT0013Large.JPG

Valerie Herzog ist eine davon. Die Projektleiterin aus Bern hat schon einige Kriseneinsätze hinter sich, "aber noch nie in einem Ebola-Gebiet." Sorgfältig legt sie die Schutzkleidung unter den Augen von Thomas Kratz von Ärzte ohne Grenzen an. Der Arzt kämpfte in Sierra Leone gegen die Epidemie und gibt seine Erfahrungen weiter. "Meine Familie und Freunde sind besorgt, halten meine Entscheidung, nach Westafrika zu gehen, für sehr gefährlich", sagt die Schweizerin.

Dagegen ist Frank Terhorst sehr ruhig. Er kennt brenzlige Einsätze bereits von seiner Arbeit bei der DRK-Katastrophenhilfe. Mit Ebola hatte er noch nicht zu tun. "Nachdem ich telefonisch angefragt wurde, habe ich mich mit meiner Freundin besprochen", sagt der Betreiber einer Minigolfanlage. "Nach kurzer Zeit stand fest, dass ich teilnehme. Außerdem ist die Saison vorüber und ich habe Zeit."

Der Berliner gehört zum ersten Trupp, der in wenigen Tagen schon fliegt, um die Einsatzmöglichkeiten der anderen Helfer festzulegen. "Angst habe ich nicht. Die Ausbildung gibt mir Sicherheit. Wenn man alles richtig macht, ist das Risiko, sich anzustecken, sehr gering."

2014-10-08-PICT0017Large.JPG

Für Tropenmediziner Professor August Stich vom Würzburger Missio ist es wichtig, Menschen zu isolieren, die Symptome zeigen. Nur so könne man die Epidemie langfristig zum Stillstand bringen.

"Doch keiner weiß, wann es soweit ist. Eine Situation wie in Westafrika wird es bei uns nicht geben", sagt der Arzt. "Keine Eile beim Anlegen der Schutzkleidung", betont Kratz im Hintergrund.

Christoph Dennemoser ist mit der Augenmaske beschäftigt. "Wir arbeiten immer im Zweierteam", sagt der 49-Jährige. "So kann man sich gegenseitig am besten kontrollieren." Der vierfache Familienvater weiß noch nicht, in welchem Land er eingesetzt wird. "In Sierra Leone oder Liberia", sagt er und gibt zu, dass seine Frau ziemliche Angst um ihn hat.

"Selbst habe ich keine Bedenken", sagt der Rettungsassistent. "Es kommt auf die Übung an", betont er und rückt die Schutzhaube zurecht.

2014-10-08-PICT0042Large.JPG

Einfach sei es nicht, Personal für den Hilfseinsatz zu bekommen. "Wir brauchen vor allem Logistiker, Mediziner, Handwerker", sagt Andreas Fabricius vom DRK. "Zurzeit haben wir eine faszinierende Mischung", ergänzt er.

Hochprofessionelle Freiwillige sind es, die Patienten schnell isolieren, dabei sich und andere schützen und in Zelten unter klimatisch unwirtlichen Bedingungen leben können. "Wir bauen vor Ort ein künstliches Dorf auf. Wenn wir nur Ärzte hinschicken, würden diese wohl schon am Aufbau der Zelte scheitern", sagt Stich.

2014-10-08-PICT0064Large.JPG

"Wenn unsere Leute aus den Behandlungszentren kommen, sind ihre Anzüge hoch kontaminiert. Umso wichtiger ist es, große Sorgfalt beim Ausziehen walten zu lassen. Ebola verzeiht keine Fehler", betont Dr. Maximilian Gertler von Ärzte ohne Grenzen.

Ihr Einsatz im Krisengebiet wird rund einen Monat dauern, anschließend gibt es drei Wochen zur Erholung. Die Helfer sind damit rund zwei Monate nicht an ihrer Arbeitsstelle, die DRK übernimmt nach Rücksprache mit den Arbeitgebern das Gehalt. Bei Selbständigen werde es individuell gehandhabt.

Insgesamt haben sich 1.300 Freiwillige gemeldet, davon wurden 73 als geeignet eingestuft. Nach ihrer Rückkehr müssen sich die Helfer gut selbst beobachten. Erst nach drei Wochen ist die Gefahr einer Ansteckung gebannt. In den nächsten Wochen werden weitere Kurse stattfinden, solange Bedarf besteht und es Freiwillige gibt.

2014-10-08-PICT0050Large.JPG

Die beste Prävention sei noch immer, die Pandemie vor Ort zu behandeln. Es ist der größte Ebola-Ausbruch in der Geschichte. "Wir müssen uns engagieren und Hilfe leisten. Es ist eine der gefährlichsten Krankheiten, die es gibt", sagt Stich. "In der Hauptsache müssen weitere Isolierstationen eingerichtet werden, denn die bestehenden sind vollkommen überlastet."

Bis zum Abflug heißt es für die 17 Freiwilligen, den Ernstfall zu üben. Wieder wird ein Team ins Zelt gerufen. Zur Blutabnahme bei einer neuen Patientin.

Sponsored by Trentino