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Das letzte Lächeln der Wale

12/02/2017 12:15 CET | Aktualisiert 12/02/2017 12:15 CET

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Es sind unendlich viele. Sie liegen da, als würden sie schlafen. Am idyllischen Strand von Golden Bay im Nordwesten von Neuseelands Südinsel. Mein Blick wandert den Strand entlang, bis zum Horizont. Schwarzgraue massige Leiber liegen wie an Perlenschnüren aufgereiht auf dem weißen Sand. Es sind viele, sehr viele. Langsam laufe ich an ihnen entlang. Der Anblick macht mich traurig, sehr traurig. Es sind Momente, die bis tief in die Seele dringen. Ich betrachte die Wale, große, mittlere, kleine, Tümmler. Fast alle haben die Mäuler geöffnet, und ich sehe ihre Zähne. Sie sehen friedlich aus, so, als ob sie lächeln. Auch der Kleinste von ihnen, der verloren auf einer Sandbank liegt. Er lächelt mich an, doch die weit geöffneten Augen haben den starren Blick eines Toten.

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Es ist Freitagmorgen gegen halb fünf. Lydia Uddstrom liegt in ihrem Bett in Auckland. Noch ein wenig schlafen, denkt sie, doch dann klingelt ihr Handy. Später wird sie ihren Chef anrufen und um ein paar freie Tage bitten. Der Rest ist Routine: Hastig ein paar Sachen packen und ab zum Flughafen. Ihr Freiwilligeneinsatz beginnt: Die Rettung der Wale. Lydia arbeitet ehrenamtlich bei der Organisation Project Jonah. Sie weiß, dass es schnell gehen muss. Sehr schnell. Es ist ein Wettlauf mit der Zeit, auf Leben und Tod. Am Zielflughafen in Nelson trifft sie Mitstreiter, die aus verschiedenen Teilen Neuseelands ankommen.

Mit dem Auto geht es weiter zur Golden Bay. Zwei Stunden. Zwei lange Stunden, in denen ihr Herz bis zum Hals schlägt. „Diese wundervollen mächtigen Tiere in einem hilflosen Zustand zu sehen berührt mein Herz", sagt die Tierärztin, die im Zoo von Auckland arbeitet. Gemeinsam mit den anderen Freiwilligen decken sie die grauen Riesen mit feuchten Tüchern ab, achten darauf, dass das Atemloch frei bleibt und versuchen, die Tiere zu beruhigen. „Cool, calm, comfortable" (kühl, ruhig und komfortabel) sind die Bedingungen, auf die es bei der Rettung ankommt. Nur wenn die Wale ruhig sind, haben sie eine Chance, ins Meer zurückgezogen zu werden. Weitere Helfer kommen an. Sie bringen Schlauchboote, Außenbordmotore und Pontons mit.

Insgesamt strandeten Donnerstagnacht, den 9. Februar 2017, 400 Grindwale. Nur 100 konnten gerettet werden. War es kollektiver Selbstmord? Oder Todessehnsucht? Oder nur ein Leitwal, ohne Orientierung? Bis heute haben auch Wissenschaftler keine Antwort auf das Phänomen, das weltweit immer wieder vorkommt.

Der Strandabschnitt ist abgesperrt. Die Verantwortlichen lassen niemanden zu den Kadavern durch. Die Hilfsbereitschaft ist unglaublich. Neben den Freiwilligen sind Vertreter der Umweltbehörde da, junge Rucksackreisende und Touristen. Sie harren am Anfang des Strandes aus, auf einem Parkplatz, einige mit Zelten, unterstützen die Freiwilligen, indem sie Wasser und Essen verteilen. Ein Farmer ganz in der Nähe bietet auf seinem Gehöft kostenlose Schlafmöglichkeiten an. Denn der Einsatz geht rund um die Uhr. Die Helfer blicken immer wieder besorgt aufs Meer.

Shirley Keith hat eine stundenlange Anfahrt aus Christchurch hinter sich. Sie half mit, die Säugetiere in tiefere Gewässer zu schleppen. Falls das Leittier verendet ist, wird ein weiteres stattliches, noch lebendes Weibchen mit Hilfe von Pontons und Booten zurück ins Meer gezogen. In der Hoffnung, dass die anderen Wale sie als Matriarchin anerkennen und ihr folgen. „Man hört sie rufen und im Glücksfall ziehen die anderen hinterher", sagt Shirley. „100 Wale konnten wir hinausschleppen, davon sind 19 wieder an den Strand zurückgeschwommen. Das war sehr frustrierend, denn dann begann unsere Arbeit erneut."

Aber heute sei ein guter Tag. „Wir sind optimistisch. Die Wale draußen verhalten sich bis jetzt normal. Aber sicher kann man nie sein. Erst am nächsten Morgen wissen wir Bescheid."

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Brent Hartshorne vom Department of Conservation (DOC), der nationalen Umweltbehörde, bringt uns im Wagen zu den toten Meeressäugern. Er arbeitet seit 15 Jahren als Naturschützer, doch niemals wird der Anblick der hilflosen Tiere zur Routine. „Klar, beim ersten Mal war es am schlimmsten. Doch noch jetzt, wenn ich einen hilflosen Tümmler sehe, ist das immer noch sehr belastend. 20 Tiere mussten wir heute mit einem Kopfschuss töten. Sie hatten keine Chance und waren zu unruhig, um hinaus aufs Meer gezogen zu werden." Die Tiere ruhig zu stellen ist eine sehr wichtige Aufgabe. „Es gibt unter uns Freiwilligen auch einige, die für sie singen", ergänzt Shirley. Die Kadaver werden am Strand bleiben. Nach rund 4 bis 6 Monaten seien von ihnen nur noch Knochen übrig.

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Er deutet auf die vielen anderen, die verendet im seichten Wasser liegen. „Bei ihnen geht die Verwesung schneller." Die letzte Walherde strandete an der Golden Bay im Januar 2015. „Normalerweise verenden hier ein bis zwei Wale pro Jahr", sagt Brent. Das Phänomen des gemeinsamen Todes kann auch er sich nicht erklären. „Vielleicht verlieren sie die Orientierung. „Wale sind sehr soziale Tiere. Wenn die Matriarchin krank ist und zum Strand schwimmt folgen ihr alle anderen. Aus Loyalität." Eine mögliche Erklärung könnte das sein. Genau wird man es nie erfahren. Das gemeinsame Sterben der Wale wird weitergehen, und keiner der Tierschützer wird es hinterfragen können. Doch Lydia, Shirley, Brent und all die anderen namenlosen Helfer wird es weiter geben. Sie werden erneut ihr Bestes geben, um anderen grauen Riesen ein ähnliches Schicksal zu ersparen.

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Project Jonah, eine neuseeländische Nichtregierungsorganisation, wurde 1974 gegründet. Ihr Ziel ist es, gestrandeten Walen zu helfen und gegen den kommerziellen Walfang vorzugehen. Es ist Neuseelands größte Organisation zum Schutz der Meeressäuger. Sie finanziert sich aus Spenden. Die ehrenamtlichen Helfer zahlen sowohl Flug-, Transport- und Unterbringungskosten aus eigener Tasche.

www.projectjonah.org.nz

Fotos: Enric Boixadós

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